Die Linzer Psychologin Christa Schirl wird in ihrer Praxis häufig mit Geldsorgen konfrontiert. Mit der „Krone“ sprach sie daher anlässlich des Weltspartages über krankhaften Geiz und falsche Großzügigkeit, über Viktor Frankl, die Gefahr von „Paw Patrol“ – und die Unsichtbarkeit des modernen Kaufrausches.
Fangen wir beim Nachwuchs an. Sie behaupten, dass die finanzielle Misere von Erwachsenen oft schon im Kindergarten mit Serien wie Paw Patrol beginnt. Ist das nicht etwas weit hergeholt?
Keineswegs. Medienwissenschaftliche Studien belegen exakt diese Kritik. Bei Paw Patrol lernen Kinder ganz subtil: Probleme löst man nicht durch Kreativität, Mut oder sozialen Zusammenhalt, sondern ausschließlich durch die neuesten Gadgets, Spezialfahrzeuge und technologische Upgrades. Das ist reinstes Konditionieren auf den Konsum und haben wollen. Es wird vermittelt, dass man für jede Krise etwas kaufen muss. Im Kinofilm wird sogar offen gesagt, dass sich das Team über Merchandise finanziert. So züchten wir die Klienten von morgen, die jede innere Unruhe mit einem Shopping-Trip bekämpfen.
Sie sprechen als Existenzanalytikerin nach Viktor Frankl oft davon, dass mit Konsum eine Leere gefüllt wird. Was genau meinen Sie damit?
Frankl nannte es das existenzielle Vakuum. Wenn dem Leben die Sinnorientierung fehlt, entsteht ein Hohlraum in der Seele. Diesen Hohlraum versuchen Menschen heute oft mit Ersatzwerten zu stopfen – mit Macht, Vergnügen oder eben dem schnellen Dopamin-Kick beim Einkaufen. Aber materieller Überfluss heilt keinen seelischen Hunger. Das ist wie Salzwasser trinken: Es löscht den Durst nicht, es macht nur noch mehr Durst. Wir leben im materiellen Überfluss, hungern aber seelisch aus. Dopamin ist kein Hormon des Habens, sondern des Habenwollens – der Jagd. Sobald wir etwas haben, erlischt das Dopamin und wir müssen neu auf die Jagd gehen. Dies erklärt auch den Erfolg von Plattformen wie Vinted, Willhaben und Co.
Materieller Überfluss heilt keinen seelischen Hunger. Das ist wie Salzwasser trinken: Es löscht den Durst nicht, es macht nur noch mehr Durst.
Psychologin Christa Schirl
Viele Menschen leben im Dauer-Minus und überziehen ständig ihren Kontorahmen. Warum tun wir uns das an, wo wir doch alle frei sein wollen?
Weil wir die Freiheit des „Alles-Haben-Wollens“ mit echter Autonomie verwechseln. Wer ständig im Minus grundelt, gibt seine Freiheit an der Garderobe ab. Ein chronisch überzogenes Konto erzeugt eine dauerhafte, unterschwelliger Bedrohung im Gehirn. Das führt zu permanentem Stress und Schamgefühlen beim Blick auf den Bankomaten. Man gestaltet sein Leben nicht mehr selbst, man wird von seinen Schulden durch den Alltag getrieben.
Wann lebt man denn dann eigentlich im „Überfluss“? Ist das eine Frage des Einkommens?
Überhaupt nicht. Das ist reine Mathematik, gepaart mit Psychologie: Man lebt im Überfluss, wenn man regelmäßig mehr einnimmt, als man ausgibt. Wer Millionen scheffelt, aber noch mehr verprasst, lebt in der Mangelwirtschaft. Ein solides Polster am Konto – ein echter Notgroschen – verleiht psychologische Souveränität. Er gibt mir die Freiheit, auch einmal „Nein“ zu einem schlechten Deal, einer ungesunden Beziehung oder einem toxischen Job zu sagen. Er schützt meine Würde.
Wer Millionen scheffelt, aber noch mehr verprasst, lebt in der Mangelwirtschaft.
Gibt es ein Phänomen, das Sie in der Praxis besonders häufig sehen? Eine Art modernen, unsichtbaren Kaufrausch?
Ja, das Phänomen der Abos und Kleinstbeträge. Früher war Verschuldung ein großes, sichtbares Ereignis – man hat ein Auto auf Pump gekauft. Heute verbluten die Konten der Menschen durch „Mikro-Transaktionen“: Streaming-Dienste, Liefer-Apps, In-App-Käufe in Handyspielen oder „Kauf jetzt – zahl später“-Optionen an der Online-Kasse. Weil diese Beträge einzeln klein wirken, schaltet unser Gehirn die Schmerzzensur aus. Es ist ein schleichender Kontrollverlust, der psychologisch extrem tückisch ist, weil das böse Erwachen erst am Monatsende kommt.
Wo verläuft für Sie die Grenze zwischen gesunder Sparsamkeit und krankhaftem Geiz?
Der Sparsame pflegt eine gesunde Beziehung zu den Dingen und spart für ein Ziel oder für Sicherheit. Der Geizige spart gegen das Leben. Geiz ist angstgetrieben und zutiefst sinnlos. In Österreich nennen wir so jemanden treffend einen Pfennigfuchser oder Knauserer. Während der Sparsame sich am Nutzen des Geldes freut, ist der Geizige ein Gefangener seiner Verlustangst. Er gönnt weder anderen noch sich selbst etwas und hungert seelisch aus.
Was ist mit dem genauen Gegenteil? Gibt es Menschen, die sich durch demonstrative Großzügigkeit eigentlich selbst schaden?
Absolut, das sehen wir oft bei Menschen mit geringem Selbstwertgefühl. Sie versuchen, Anerkennung und Liebe zu „kaufen“, indem sie im Wirtshaus ständig alle einladen, obwohl sie es sich nicht leisten können. In Österreich nennt man das oft den Drang, der „große Gönner“ zu sein. Dahinter steckt die existenziell schmerzhafte Annahme: „Ich als Person bin nicht genug, ich muss für meine Beliebtheit bezahlen.“ Das ist eine tragische Form der Selbst-Ausbeutung.
Manchmal haben Menschen trotz prallem Konto panische Angst vor dem Ruin. Woher kommt diese irrationale Existenzangst?
Unsere Beziehung zum Geld ist ein Mehrgenerationenprojekt. Diese Ängste sitzen tief und haben oft mit unseren Ahnen zu tun. In Österreich tragen viele Familien noch das transgenerationale Trauma der Kriegs- und Nachkriegszeit in sich – Stichwort Hyperinflation, Währungsreformen oder Verlust von Hab und Gut. Wenn die Großeltern extremen Mangel erlebt haben, wird diese Angst oft unbewusst als Erziehungsmuster weitergegeben. In der Therapie fragen wir dann: Ist das wirklich deine Angst im Hier und Jetzt, oder ist es die unbewusste Angst deiner Vorfahren?
Geld ist das letzte große Tabu. Wir sprechen oft lieber über unser Sexleben als über unser Einkommen.
Wie können Paare über Geld sprechen, ohne dass es sofort im Beziehungsstreit endet? Geld ist ja oft das Tabuthema Nummer eins.
Geld ist das letzte große Tabu, wir sprechen oft lieber über unser Sexleben als über unser Einkommen. In Beziehungen steht Geld fast nie für sich selbst; es steht für Macht, Sicherheit oder Autonomie. Wenn ein Partner penibel jeden Beleg kontrolliert, geht es meistens nicht um die drei Euro für den Kaffee, sondern um die Angst vor Kontrollverlust. Mein Rat: Reden Sie nicht erst über Geld, wenn das Konto leer ist. Machen Sie ein „Geld-Date“ in entspannter Atmosphäre und fragen Sie einander: „Welche Bedeutung hatte Geld in deiner Kindheit?“ Das schafft Empathie statt Vorwürfe.
Zum Abschluss: Welchen psychologischen Sofort-Tipp geben Sie unseren Lesern für den nächsten Einkauf mit?
Machen Sie im Geschäft oder online kurz vor der Kasse den „Viktor-Frankl-Test“. Atmen Sie durch und fragen Sie sich: Füllt dieser Kauf gerade einen echten Sinn oder nur ein inneres Loch? Zwischen dem Kaufreiz und Ihrer Reaktion liegt Ihre Freiheit. Nutzen Sie diese Sekunde Bedenkzeit, damit Ihr Polster am Konto – und in Ihrer Seele – wachsen kann.
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