Heimische Schauspielstars wie Roland Düringer oder Verena Altenberger synchronisieren echte Schafe, die in der Miniserie „Sheep“ glauben, sie hätten die Menschen domestiziert, dann aber mit der bitteren Wahrheit konfrontiert werden. Ein mehr als gelungenes Vergnügen. Wir haben die Macher Leni Gruber und Alex Reinberg zum Gespräch gebeten.
Auf einem Bauernhof an einem nicht näher genannten Ort geht es für eine Schafherde vermeintlich friedvoll zu. Sie glauben steif und fest daran, die Menschen domestiziert zu haben und träumen gemeinhin davon, zum Obermoser zu kommen, der für sie eine Art unbekanntes Paradies darstellt, an dem sie sich frei entfalten und ihren Leidenschaften nachkommen können. Dort darf aber nur hin, wer von den Menschen eine blaue Markierung bekommt. Schaf Oliver traut dem Braten aber nicht und fällt – zum Ärgernis seiner Mitschafe - gerne mit Kritik an den Transporten zum Obermoser auf. Weil niemand dem selbsternannten Propheten lauscht, schmuggelt er sich heimlich unter die blau markierten Schafe und stellt zu seinem Entsetzen fest, dass sie geschlachtet und von den Menschen verspeist werden. Doch auch nach seiner Rückkehr auf den Bauernhof verhallen seine Warnungen im Nichts – er wird als Verschwörungstheoretiker denunziert. Trotz der sturen Borniertheit seiner Artgenossen gibt Oliver aber nicht auf und kämpft für alle um eine Flucht vor dem drohenden Ende.
Der Kreislauf des Schafes
Heute Abend (ab 23 Uhr, ORF 1) startet die Miniserie „Sheep“ im linearen Fernsehen und begeistert mit einer Mischung aus Situationskomik, Gesellschaftskritik und dem ewig gültigen Thema des Tierwohls. Kreiert wurde die fünfteilige Miniserie von Leni Gruber und Alex Reinberg, die mit den Kurzfilmen „Preiswerte Lösungen für ein besseres Leben“ und „Hollywood“ bereits diverse Preise einheimsen konnten und zu den spannendsten Drehbuchautoren bzw. Regisseuren der Gegenwart zählen. Die Grundidee kam Reinberg beim Rückblick auf seine Kindheit, wie er im gemeinsamen „Krone“-Interview erzählt. „Als ich klein war, bin ich mit meinen Eltern oft in die Steiermark gefahren und dort durfte ich bei Bekannten einen Sommer lang ein Lamm mit einer Flasche großziehen. Ein Jahr später kamen wir wieder und ich fragte, wo denn das Schaf wäre – es herrschte betretenes Schweigen. Als ich dann den Lammbraten vor mir am Tisch sah, habe ich das System der Fleischproduktion erstmals verstanden.“
Als er Gruber davon erzählte, wurde die vorliegende Serie angedacht. Humorig im Kern, aber bewusst mit ernsten Untertönen – dass dann das ZDF auf die Idee aufsprang, war eine überraschend schnelle und glückliche Fügung für die beiden. „Die dachten sich anfangs, wir wollen sie mit dem Drehbuch verarschen und dasselbe dachten wir, als sie zusagten“, lacht Reinberg, „ein Glück, dass wir uns am Ende doch alle ernstgenommen haben.“ Waren Schafe für das Storyboard essenziell, oder hätte es auch mit anderen Tieren funktioniert? „Am Anfang wurden uns Ziegen nahegelegt, weil die leichter trainierbar sind. Das Klischee des vermeintlich dummen Schafes und Herdentieres hat aber perfekt zu unserer Idee gepasst, weil die Schafe glauben, sie wären den Menschen über und sitzen damit einem Trugschluss auf. Dadurch, dass sie sprechen und damit ihre eigene Persönlichkeit haben, ähneln sie den Menschen ohnehin sehr.“
Stargespickte Produktion
Ein absolutes Highlight der Serie ist der Cast. Während Christoph Krutzler als Obermoser und Markus Schramm als stumpfer Bauer mit Eheproblemen begeistern, wurden Topstars wie Birgit Minichmayr, Merlin Sandmeyer oder Jella Haase für die Sprechrollen bei den Schafen gewonnen. Besonders hervorstechend: Roland Düringer in einer quasi autobiografischen Rolle als skeptisch-esoterischer Manfred und Michael Ostrowski als traumatisierter Luftpumpen-Hans. „Das sind große Namen, die bei so einem Nachwuchsprojekt nicht dabei sein müssten“, freut sich Gruber, „wir haben in der Erstversion alles selbst eingesprochen und dann gesehen, welche Unterschiede sich da auftun. Ostrowski hat nur ein Wort, aber er hat sich dann so reingesteigert, dass er dafür sechs Stunden im Studio war und sogar ein Interview dafür abgesagt hat.“
Die Menschen werden in ihrem fleischgierigem Dasein wie stumpfe Monster präsentiert, was doppelt gut klappt, weil man bei den süßen Schafen ohnehin eine besondere Form der Empathie aufbaut. Gedreht wurde übrigens mit Flaschenlämmern aus dem Mühlviertel. „Sie sind ein Jahr lang bei unserer Tiertrainerin aufgewachsen und wir haben sie schon im Vorfeld immer wieder besucht. Dabei wurde auch dabei geachtet, welche Charakteristik welches Schaf hat und welches gut in welche Rolle passen würde. Manfred wurde dann am Ende sogar ausgetauscht. Die Schafe stammen von einem Therapie-Schafhof aus Niederösterreich und waren Menschen schon vor dem Dreh gewohnt. „Diese Herde hat im Endeffekt uns therapiert“, lacht Reinberg, „sie sind unglaublich entschleunigend, deshalb war es ein sehr entspannter Dreh.“ Obwohl das ZDF bei der Produktion federführend war, sprechen die Schafe dank der Synchronsprecher Dialekt. „Wir sind ein bisschen das trojanische Schaf des Senders. Der Dialekt hat aber auch etwas Tierisches. Das Ganze hätte auf Hochdeutsch nie so gut funktioniert.“
Botschaften ohne Zeigefinger
Die ernsthaften Themen werden eingepasst, aber es wird dabei kein Zeigefinger erhoben. „Wir haben da drauf geachtet, wie wir es selbst gerne mögen, wenn wir uns einen Film im Kino anschauen. Da ist es uns auch lieber, die Botschaft wird unterschwellig eingestreut und keiner wedelt mit dem Zeigefinger vor dem Gesicht herum. Das ist ein nachhaltigerer Zugang, will man als Zuseher dadurch selbst entscheiden kann, was für einen richtig oder falsch ist. Inhaltlich bewirken wir damit sogar mehr.“ Vorbilder gab es für die Umsetzung von „Sheep“ ausreichend. Der Klassiker „Ein Schweinchen namens Babe“ wäre da zu nennen oder die für Erwachsene produzierte Zeichentrickserie „BoJack Horseman“. „So was wie Babe hätten wir vor zehn Jahren mit diesem Budget nicht geschafft, aber bei der Lippensynchronisation haben wir gut mit der KI arbeiten können. Inhaltlich brechen wir ein bisschen mit Babe, weil wir nischiger sind.“ Mit „Sheep“ kommt jedenfalls eine äußerst frische und innovative Form der Comedy in den ORF – das kann man nur begrüßen.
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