Live im Porgy & Bess

Soft Machine: Prog-Karriere der verpassten Chancen

Musik
18.10.2026 15:00

Mit ihrem Prog-Rock samt Jazz-Einflüssen waren Soft Machine ab Mitte der 60er-Jahre eine der einflussreichsten Bands der frühen britischen Popkultur. Angeführt von Gitarrist John Etheridge ist man noch heute unterwegs und schreibt auch neue Musik. Eine Karriere der verpassten Chancen und des großen Kults.

kmm

Wenn man vom sogenannten „Canterbury Sound“ spricht, meint man eine in der dortigen britischen Gegend begründete Subszene, die den damals in den Kinderschuhen steckenden Progressive Rock Mitte der 60er-Jahre mit klassischem Jazz verband. Die von 1963 bis 1967 existenten, relativ kurzlebigen Wilde Flowers gehören zu den Urgesteinen, mit den vor exakt 60 Jahre gegründeten Soft Machine stand die nächste Band bereits ante portas. In den Canterbury Sound lassen sich in der Rückschau auch Combos wie Egg, Caravan, Gong oder National Health einordnen. Die Querverbindungen waren aber immer da. Die Soft Machine-Gründungsmitglieder Kevin Ayers und Robert Wyatt kamen von den Wilde Flowers, die treibende Kraft, in der nach William S. Burroughs benannten Maschinerie war aber Keyboarder Mike Ratlegde, der als letztes Gründungsmitglied der Band im Februar 2025 verstarb. In der aufstrebenden und experimentellen Rockszene der 60er-Jahre stachen Soft Machine heraus, indem sie mit Lichtshows und Tonbandcollagen experimentierten.

Zu viele kreative Differenzen
Das typische Pop-Schema wurde dabei gerne verlassen und in den späten 60er-Jahren spielten Soft Machine oft gemeinsam mit den damals noch nicht allzu bekannten Pink Floyd im Londoner UFO Club. In den USA wiederum begleitete man als Vorband Ausnahmegitarrist Jimi Hendrix auf Tour. In den frühen 70er-Jahren zerfiel die Band in ihrer produktivsten Phase durch interne Querelen und Ausrichtungsdifferenzen in alle Einzelteile. Ende 1971 verabschiedete sich mit Drummer Robert Wyatt der versatilste Instrumentalist, Hugh Hopper (Bass) und Elton Dean (Altsaxofon) folgten auf dem Fuß. „Sie haben damals alle großen Karrieremöglichkeiten mit den Füßen getreten“, schüttelt John Etheridge im Talk mit der „Krone“ schmunzelnd den Kopf. Der heute 78-Jährige kam 1975 in die Band und ist heute das mit Abstand dienstälteste Bandmitglied und weiß um die vielen verpassten Chancen. „Wyatt wurde aus seiner eigenen Band gekickt, aber mit ihm hätte Soft Machine richtig groß werden können. Den Fehler hat man erst irgendwann bemerkt, da war längst alles vorbei.“

Ob Soft Machine mit Wyatt wirklich jemals die Größe von Pink Floyd erreicht hätten, ist eine müßige Diskussion, heute gibt es auch kaum noch jemand, der diesen Möglichkeiten nachtrauern könnte. Insgesamt 13 Bandmitglieder aus der personell reichhaltigen Historie sind bereits verstorben – darunter auch Drummer John Marshall, der mit Etheridge gemeinsam die treibende Kraft hinter der bis heute gültigen Reunion aus dem Jahr 2015 war. Kundige Musiker hat man im Soft Machine-Camp freilich immer gefunden, insofern gilt bei den Briten der alte, aber in der Realität eher selten praktizierte Spruch: „Die Band ist wichtiger als ihre einzelnen Mitglieder“. „Da können wir aber wieder zu Pink Floyd rüberschauen“, schmunzelt Etheridge, „als Roger Waters die Band verließ, dachten auch alle, das wäre ihr Ende. Falsch gedacht. Bei manchen Bands ist der Spirit größer als die Persönlichkeit dahinter. Als John Marshall und ich 2015 beschlossen Soft Machine wieder ins Leben zurückzuholen, haben wir diesen Geist auch gespürt. Er hat uns in die Gegenwart geführt, auch wenn wir altersbedingt immer wieder Rückschläge einstecken müssen.“

Kunterbunte Klang-Collage
Soft Machine anno 2026 sind eine Mischung aus der eigenen Vergangenheit und Mut zu Neuem. Auch nach sechs Dekaden ist noch genug Kreativität im Songwriting-Camp der Band vorhanden, um mit neuer Musik aufzuwarten. Etwas früher im Jahr erschien mit dem schlicht „Thirteen“ betitelten Werk das bereits dritte Album seit der Reanimation vor elf Jahren. „Die neue Inkarnation von Soft Machine ist spannend. Wir sind – wie früher – deutlich vom Jazz beeinflusst, ohne aber deshalb eine Jazzband zu sein. Jede Phase der Band hat ihr eigenes Gesicht und ihr eigenes Soundgefühl, aber wir sind auch heute noch nah am ursprünglichen Original, ohne uns selbst zu kopieren.“ Mit Musikern und Persönlichkeiten wie Allan Holdsworth, Karl Jenkins, Roy Babbington, Ric Sanders und diversen bereits zuvor genannten befand sich ein ganzes Füllhorn an kundigen und ideenreichen Musikern in der klanglich kunterbunten Manege von Soft Machine. Heute versucht die Band möglichst viel Spaß zu haben. „Eine große Karriere macht man mit Soft Machine heute natürlich nicht mehr“, lacht der Gitarrist, „aber wir lieben die Band, die Geschichte und die Musik. Zudem haben wir noch immer viele Ideen, wie man neue Songs oder Alben schreibt, die Musik ist unser Leben.“

Soft Machine hat bei den Mitgliedern die größte, aber nicht die einzige Priorität. „Wir alle sind auch in anderen Bands und Projekten aktiv. Ich habe im Laufe der Jahre viele Konzertangebote nicht angenommen, weil ich auch in anderen Projekten involviert war, aber prinzipiell hat Soft Machine immer Vorrang.“ Etheridge hat in jüngeren Jahren mit Größen wie Jimi Hendrix, Eric Clapton und Jeff Beck gespielt, die Rockgitarre quasi von der Pike auf gelernt. „Clapton und Hendrix waren eine eigene Welt und wurden unglaublich oft kopiert, aber nie erreicht. „Clapton hatte nach Cream auch eine Zeit lang die Schnauze voll vom Rock. Auf seinem zweiten Werk ,461 Ocean Boulevard‘ hört man kaum eine Gitarre. Da hast du eindeutig gespürt, dass er genug hatte.“ Sein eigenes Leben vergleicht er gerne mit jenem des Yes-Drummers Bill Bruford. „Der familiäre Background, die Urlaube in Cornwall, der Beginn im Jazz – in seiner Biografie steht mein Leben. Nur war er länger auf der Uni als ich. Ansonsten findet man dort unheimlich viele Parallelen.“

Live im Porgy & Bess
Nach der aktuellen Herbsttour werden Soft Machine pausieren, doch auch im hohen Alter ist stets ein weiteres Studioalbum möglich. Solange die Musik die Musiker trägt und als ihr wichtigstes Lebenselixier dient, wird auch die 60-jährige Geschichte Soft Machines weitergeschrieben werden. Am 20. Oktober begeistert man im Wiener Porgy & Bess. Unter www.porgy.at gibt es zwar keine Sitzer mehr, aber vorerst noch ein Kontingent an Stehplätzen. Greifen Sie lieber zu, es könnte die letzte große Show der Kultband in Österreich sein.

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