Von Wanderin entdeckt
Deutsches Dorf taucht in Tschechien wieder auf
Ein Dorf verschwand vor Jahrzehnten unter Wasser, seine Geschichte schien längst begraben. Doch nun gibt der sinkende Pegel eines Stausees in Tschechien überraschende Spuren der Vergangenheit frei. Was eine Spaziergängerin am Ufer entdeckte, löste sogar eine rasche Rettungsaktion aus.
Am Lipno-Stausee in Südböhmen, nahe der österreichischen Grenze, sind aufgrund des niedrigen Wasserstands zahlreiche alte Grabsteine aufgetaucht. Wie die „Frankfurter Rundschau“ berichtete, stammen sie vom Friedhof des früheren Dorfes Dolní Vltavice, auf Deutsch Untermoldau. Der Ort wurde in den 1950er-Jahren beim Bau des Staudamms geflutet.
Dorf mit Geschichte bis ins 13. Jahrhundert
Untermoldau blickt auf eine lange Geschichte zurück. Das Dorf lag an einer alten Handelsroute zwischen Passau und Budweis. Mehr als 400 Menschen lebten dort, die meisten von ihnen waren deutschsprachig. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden die deutschsprachigen Bewohner vertrieben, ehe der Ort beim Bau des Stausees endgültig unter Wasser verschwand.
Die jüngsten Funde wurden durch eine Wanderin bekannt. Sie hatte sich nach der Lektüre des Romans „Vltavice“ des tschechischen Schriftstellers Jan Štifter auf den Weg zum ehemaligen Dorf gemacht. Das Buch, das im August erschien, verknüpft verschiedene Zeitepochen mit dem Ort. Bei ihrem Spaziergang entdeckte die Frau die aus dem Wasser ragenden Grabsteine und verständigte den Autor.
Zwölf Grabsteine geborgen
Štifter reagierte rasch auf die Entdeckung. Wie er in einem Beitrag auf Instagram schilderte, wurde eine Rettungsaktion gestartet, um besonders verborgene und wertvolle Stücke aus dem Wasser zu holen und über eine würdige weitere Bestattung beziehungsweise Aufbewahrung nachzudenken.
Unter Aufsicht von Historikern und des Denkmalschutzamts bargen Freiwillige schließlich zwölf Grabsteine aus dem 19. Jahrhundert. Die Steine waren von Schlamm und Morast bedeckt.
Martin Nechvíle, Direktor des Regionalmuseums in Krumau, erklärte, dass historische Karten und Fotografien bei der Einordnung geholfen hätten. Demnach hatten die Grabsteine ursprünglich hinter der alten Friedhofsmauer gelegen – also außerhalb des eigentlichen Friedhofs.
„Pietätlose“ Ablagerung entdeckt
Die Untersuchung brachte damit eine wenig würdige Vorgeschichte ans Licht. Die Grabsteine waren offenbar achtlos hinter der Friedhofsmauer zu einem Haufen zusammengetragen worden. Nechvíle bezeichnete dies als nachträgliche und „sehr pietätlose Ablagerung“. Der Friedhof wurde an dieser Stelle seit 1899 genutzt. Die sterblichen Überreste der Verstorbenen waren zuvor exhumiert und in ein Massengrab auf dem Friedhof des nahegelegenen Ortes Černá v Pošumaví überführt worden.
Mit dem Aufstauen des Lipno-Stausees verschwanden die zurückgelassenen Grabsteine schließlich unter Wasser. Die geborgenen Steine sollen nun restauriert und würdevoll ausgestellt werden.

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