Seit zwei Jahren führt Gerhard Duchac die Werkstatt seines Schwiegervaters weiter – als einziger Bürstenmacher Wiens. Im Interview erzählt der Quereinsteiger, warum seine Bürsten besser sind als im Discounter, wie er sich gegen die Konkurrenz behauptet und wer das Wissen einmal weitertragen soll.
Bohrloch um Bohrloch, Büschel, um Büschel. In der Werkstatt „Meier Bürsten“ in der Taubergasse zieht Gerhard Duchac Rosshaar, Schweinsborsten und Ziegenhaar in Holzkörper ein und stutzt sie auf die richtige Länge. Die Handgriffe sind dieselben wie vor 50 Jahren, sagt der 49-Jährige im Gespräch mit der „Krone“.
„Krone“: Wie sind Sie zum Bürstenmachen gekommen?
Gerhard Duchac: Geplant war das nicht. Durch meine jetzige Lebensgefährtin habe ich Norbert Meier kennengelernt, den letzten Bürstenmacher Wiens. Sie ist seine Tochter. Dann habe ich ein paar mal in der Werkstatt ausgeholfen und hineingeschnuppert. Die Arbeit mit den Händen hat mich fasziniert. Studiert habe ich Betriebswirtschaftslehre. Trotzdem habe ich in späten Jahren den zweiten Bildungsweg eingeschlagen und das Handwerk bei meinem Schwiegervater gelernt, vom Meister persönlich. Einen Lehrberuf gibt es ja seit 2007 nicht mehr. Im November 2024 habe ich die Werkstatt übernommen.
Was war seither die größte Herausforderung?
Daraus wieder ein funktionierendes Geschäftsmodell zu machen. Herr Meier hat den Betrieb zuletzt nebenbei in der Pension geführt, ich muss davon leben. Ich musste mich also fragen: Welches Sortiment biete ich an, wie komme ich zu Kunden? Der Großteil der Kunden kommt aus Industrie- und Gewerbe. Wir fertigen für sie technische Bürsten zur Oberflächenbehandlung an. Dazu kommt ein kleiner Teil Privatkunden. Ich habe die Werkstatt auf Vordermann gebracht und einen Werksverkauf eingeführt – und das trägt Gott sei Dank Früchte.
Warum kaufen Privatkunden Bürsten bei Ihnen und nicht im Discounter?
Ein regionales, handgemachtes Stück hat einen ganz anderen Wert als etwas Gesichtsloses, das im Container aus China kommt. Es geht um Qualität und um die Rohstoffe. Ein Rosshaarbesen aus dem Handel ist immer eine Mischung aus Rosshaar und Kunststoff. Bei mir ist er zu 100 Prozent aus Rosshaar. Das macht einen echten Unterschied: Kunststoff wirbelt beim Zusammenkehren den Staub auf, Rosshaar bindet ihn. Hochwertige Materialien und Handwerk in Wien haben ihren Preis – aber den Unterschied sieht der Kunde, sobald er die Bürste verwendet. Die Leute kaufen eine Schuhputzbürste, kommen für eine Nagelbürste wieder, dann für eine Haarbürste. Und die Mundpropaganda wirkt. Erst letztens wurde mir gesagt: „Meine Tante hat bei Ihnen gekauft.“ Da spüre ich, dass meine Arbeit geschätzt wird.
Was kostet eine Bürste bei Ihnen?
Das reicht von der Nagelbürste um 10 Euro über die Haarbürste um 29 Euro bis zum absoluten Topprodukt, dem Rasierpinsel, der um 160 bis 180 Euro über den Ladentisch geht. Es kommt darauf an, was die Bürste können muss.
Wie entsteht eine Bürste?
Zuerst überlege ich, was sie technisch leisten muss. Daraus ergibt sich das Besatzmaterial, also woraus die Borsten bestehen. Das kann Kunststoff sein oder Naturmaterial. Privatkunden wollen meist kein Plastik, da nehmen wir Rosshaar, Schweinsborsten oder Ziegenhaar. Dann kommt der Bürstenkörper: für Privatkunden meist geöltes Holz, das im Alltag nicht so schnell schmutzig wird, in der Technik viel Kunststoff. In den Körper werden die Bohrlöcher gesetzt, dann wird der Besatz eingebracht und auf die richtige Höhe geschnitten.
Wie lange brauchen Sie für eine Bürste?
Für eine klassische Gemüsebürste, bei der ich den Körper zukaufe, bohre, besetze und schneide, rund eine halbe Stunde. An manchen technischen Bürsten arbeite ich tagelang. Wir machen welche, die über einen Meter lang sind – da greifen sehr viele Arbeitsschritte ineinander.
Können Sie gut von dem Handwerk leben?
Gut leben ist relativ. Heute schauen die Leute im Internet und sagen: „Dort kostet es 10 Euro, bei dir 20.“ Was in einer Bürste steckt, sieht man online aber nicht – welches Rosshaar, welche Schweinsborsten. Den Unterschied merkt man erst in der Anwendung. Viele Kunden halten mich zuerst für zu teuer und kommen dann zurück: „Ich will deine, weil deine funktioniert.“ Reich wird man als Bürstenmacher aber nicht.
Womit kämpft Ihr Betrieb am meisten?
Vor allem mit dem Einkauf. Eine Zulieferindustrie für Bürstenmacher, etwa für Holzkörper, gibt es hierzulande nicht mehr. Ich muss international einkaufen, mit Mindestbestellmengen, die so hoch sind, dass meine Enkelkinder noch damit in Pension gehen könnten. Manche Materialien gibt es in der nötigen Qualität gar nicht mehr. Und auf der anderen Seite kämpfe ich mit dem Markt, der fast nur über den Preis läuft. Es geht bergauf, aber wir sind noch lange nicht dort, wo ich wirklich gescheit davon leben kann.
Wird es nach Ihnen noch einen Bürstenmacher in Wien geben?
Das wird schwierig. Handwerk ist anstrengend, ich habe auch schwere körperliche Arbeit. Und seit es die Lehre nicht mehr gibt, kann man nur noch bei einem Bürstenmacher selbst lernen – ohne Prüfung, die legt man erst im echten Leben ab. Hätte ich nicht zufällig vorbeigeschaut, hätte Herr Meier wohl zugesperrt. Derzeit trägt das Geschäft noch keinen Mitarbeiter, ich arbeite allein. Wenn es einmal mehr Arbeit gibt, als ich schaffe, würde ich gerne jemanden ausbilden.
Warum interessieren sich so wenige junge Leute für das Handwerk?
Weil kaum jemand weiß, dass es den Beruf noch gibt. Automechaniker kennt jeder. Wenn sich ein Jugendlicher überlegt, welche Lehre er macht, hat er die fünf Berufe im Kopf, die alle kennen. Wir sind die Nische in der Nische – und für einen Beruf, den es als Lehre nicht mehr gibt, macht auch die Wirtschaftskammer keine Kampagnen.
Wie steht es um Ihre Branche in Österreich?
Es geht bergab. Erst im Vorjahr hat wieder ein Betrieb zugesperrt, er ist in Konkurs gegangen. Heute gibt es in Österreich nicht einmal mehr eine Handvoll. Manche sind in Konkurs gegangen, andere in Pension, ohne Nachfolger. Früher haben wir Kollegen auch gemeinsam eingekauft: Ich brauchte 50 Kilo Niro-Draht, er 250, also haben wir 300 bestellt und aufgeteilt. Das geht heute nicht mehr. Als Kleiner wird man zwischen den Großen zerrieben. Deshalb setze ich auf hochwertige Produkte, die eine Geschichte erzählen
Wie oft ist Ihr Schwiegervater Norbert Meier noch in der Werkstatt?
Gott sei Dank, praktisch jeden Tag. Ich schöpfe aus 60 Jahren Bürstenmacher-Erfahrung, das ist durch nichts zu ersetzen. Egal, welches Problem auftaucht – er weiß eine Lösung. Die Handarbeit mache ich inzwischen zu 100 Prozent selbst, bei ihm geht es um die Wissensweitergabe. Ich habe sechs Jahre Erfahrung, er zehnmal so viel. Da muss ich noch lange arbeiten, bis ich auf seinem Level bin.
Wie hat sich der Beruf in diesen 60 Jahren verändert?
Das Handwerk selbst kaum: Ich mache die gleichen Handgriffe wie Herr Meier, teils mit anderen Maschinen, aber eine Bürste herzustellen ist dasselbe wie vor 50 Jahren. Verändert hat sich alles rundherum. Als ich vor sechs Jahren angefangen habe, wurde der Lieferschein noch mit der Hand geschrieben. Das wäre heute undenkbar.
Was ist für Sie das Schönste an Ihrem Beruf?
Wenn ich einem Kunden ein wirklich schönes, handgefertigtes Stück übergebe und das Leuchten in seinen Augen sehe. Da weiß ich: Er schätzt, wie viel Arbeit drinsteckt. Und wenn er wiederkommt und es weitererzählt, ist das die beste Bestätigung. Da braucht mir keiner auf die Schulter zu klopfen.
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