Das Linzer Brucknerfest hat viel Platz für neue Formate und Musik der Gegenwart: Die Aufführung des zeitgenössischen Werkes „Frühling. Leeres Land“ des Wiener Komponisten Wolfgang Sauseng durch den Chorus sine nomine wurde im ausverkauften mittleren Saal des Brucknerhauses heftig umjubelt.
Die Erzählung „Die Karawane und die Auferstehung“ von Ingeborg Bachmann (1926-1973), zu Beginn hervorragend vorgetragen von Marlena Reinwald, bildet das Grundgerüst für das Musikalische Szenario für Soli, Chor mit Handglocken, Saxophonquartett, Schlagwerk, Klavier und Kontrabass mit dem Titel: „Frühling. Leeres Land.“
Der Komponist Wolfgang Sauseng (Wien) teilt das Libretto von Elisabeth Vera Rathenböck (Linz/Steyr) in neun alte italienische Formen, die er mit meist frei-tonalen Klängen füllt. Der phantastische Chorus sine nomine hat sich unter Johannes Hiemetsberger in 35 Jahren einen großen Namen gemacht und eine riesige musikalische Bandbreite erworben.
Gefangen in der Zwischenwelt
Eine Gruppe Menschen zieht ziellos durch eine Wüste zwischen Diesseits und Jenseits. Sie bewegen sich mühsam, sinnlos, trostlos, ihre Gedanken kreisen um ihre letzten Momente, endlich erkennen sie, dass sie gestorben sind. Sie sagen: „Es war Frühling, als ich starb“. Ein Knabe, der sein kurzes Leben in einem Waisenhaus verbracht hat, öffnet eine neue Wahrnehmung, er fragt nach dem Frühling, dem Leben...
Bachmann verbindet diese existenzialistische Handlung mit der Pfingsterzählung. Rathenböck hat die Motive und Figuren der Originalerzählung tiefer ausgeleuchtet und daraus ein wortstarkes Libretto entwickelt, das Bachmann treu bleibt, und dennoch völlig neu, eigenständig und gegenwärtig wirkt.
Dirigent Johannes Hiemetsberger setzt scharfe Kanten. Sein ganzer Körper dirigiert. Jeder einzelne Finger setzt Akzente, eine weiche Geste entfesselt einen Sturm am Schlagwerk. Aus der scheinbar kargen Erzählung baut sich ein unendlich weites Echo von Empfindungen und Gedanken auf.
Da klingen Hilferufe, panische Deklamationen, aber auch lyrische Passagen mit ungewöhnlich fortschreitender Melodik und spannender Rhythmik wie selbstverständlich, textdeutlich und sauber. Auch das Mobilis Saxophonquartett wirkt souverän, nicht nur beim Klezmer-Zitat „Oyfn Pripetshik“. Grossartig auch Igor Gross am Schlagwerk und György Handl am Klavier sowie der Kontrabassist Tommaso Huber.
Die Solisten Johanna Zachhuber (Mezzo) Bernhard Landauer (Altus) Sebastian Taschner (Tenor) und Korbinian Schlag (Bariton) geben den Figuren – Alte Frau, Mädchen, Invalide und Alter Mann – Greifbarkeit in ihrem leeren Land, ihrem Zwischenzustand vom Leben zum Tod und umgekehrt. Besonders hervorzuheben ist Katharina Linhard, die dem Knaben eine Stimme leiht: betörend, erlösend.
„Was mag das Leben wohl sein?“, scheint die Grundfrage des „Musikalischen Szenarios“ zu sein. Wie kommen wir mit unserer Endlichkeit zurecht? Im ausverkauften Mittleren Saal des Brucknerhauses gab es stürmischen Applaus für das Werk, das erst im März in Krems bei Imago Dei uraufgeführt wurde.