Robert Pfaller

„Wir sind wie Passagiere auf der Titanic“

Oberösterreich
10.08.2026 14:30

Wie schaut die Zukunft aus? Kommen neue Diktatoren? Und wie lebt man als Denker? Robert Pfaller ist ein Philosoph, der die Welt „alltagstauglich“ analysiert. Im Gespräch mit der „Krone“ spricht der gebürtige Wiener, der in Linz eine Uni-Professur hat, über „wunde Punkte“ der Gegenwart.

Robert Pfaller zählt zu den bekanntesten Philosophen des deutschsprachigen Raums. In seinen Büchern beleuchtet der Wiener, der an der Linzer Kunstuni unterrichtet, die großen Fragen der Gegenwart: Freiheit, Genuss und gesellschaftlicher Zusammenhalt.

In „Klare Striche zu wunden Punkten“, soeben erschienen im Verlag S. Fischer, macht er klar, warum wir uns oft so ohnmächtig fühlen und warum er die Gegenwart umschreiben will. Dabei spricht er viele Dinge, die schieflaufen, direkt an. Im „Krone“-Talk rechnet er auch mit der eigenen Branche ab.

„Krone“: Philosophie hat sehr oft den Nimbus des Elitären. Dennoch treten Philosophen sogar in TV-Sendungen auf. Woran liegt es?
Robert Pfaller: Philosophie behandelt die Fragen, die sich alle stellen müssen: Was ist ein gutes Leben? Was ist gerecht? Kann ich andere überzeugen? Oder hat jeder seinen eigenen Geschmack? Und vieles mehr. Philosophie muss deshalb wie Fußball sein – wo fast jeder eine leidenschaftliche Meinung dazu hat, wie die Nationalmannschaft aufgestellt gehört. Aber nicht jeder würde sich getrauen, zu beurteilen, ob sie mit Dreier- oder Viererkette spielen soll. Dafür braucht man die Spezialisten. Manche Philosophen übertreiben es dabei leider – aber zum Glück gibt es auch andere, die es schaffen, schwierige Gedanken so vorzutragen, dass man ihnen leicht folgen kann.

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Philosophie muss wie Fußball sein – wo fast jeder eine Meinung dazu hat, wie die Nationalmannschaft aufgestellt gehört.

Robert Pfaller über die Leidenschaft am Denken

Die Philosophie hat laut unseren Schulbüchern in früheren Jahrhunderten sehr oft einen gesellschaftlichen Wandel vorangetrieben – ich denke an Kant und die Aufklärung. Wir nehmen es heute rückblickend so wahr. Spielt die Philosophie in unserer Gegenwart auch eine Rolle und wo endet ihr Einfluss?

Philosophie hat immer dann eine Stimme, wenn die Mächtigen darauf Wert legen, sich zu rechtfertigen. Das spielte in der bürgerlichen Gesellschaft seit dem späten 18. Jahrhundert eine wichtige Rolle. Wenn aber nur noch regierungsnahe Propagandaapparate und dubiose Think Tanks (zu Deutsch: Denkfabriken, Anmerkung) die öffentliche Meinung bestimmen, hat das vernünftige Argument fast jeden Einfluss in der Gesellschaft verloren.

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Die Gefahr besteht nicht darin, dass die Maschine zu klug wird, sondern dass wir die Gelegenheit ergreifen, selbst dümmer zu werden ...

Robert Pfaller über  Künstliche Intelligenz (KI)

Welches Kapitel der Menschheitsgeschichte würden Sie am dringendsten umschreiben, weil es aus heutiger Perspektive immer nur von den Mächtigen missbraucht worden ist?

Das Aktuelle. Noch nie, nicht einmal im Faschismus, haben sich Menschen so ohnmächtig gefühlt, was die entscheidenden Fragen des Überlebens betrifft. Damit meine ich die Umweltkrise, aber auch die Bedrohung durch atomare Kriege. Oder dass die Mehrheit der Menschen durch sogenannte „Sparpolitik“ massiv verarmt, während das Geld in die Rüstung fließt – also ausgerechnet in jene Branche, die genau die Gefahr beschleunigt, vor der sie uns angeblich schützt. Wir sind wie Passagiere auf der Titanic und sehen den Eisberg auf uns zukommen. Aber der Kapitän und die Offiziere sind betrunken und das Steuerrad des Schiffes wurde an Souvenirhändler verkauft.

Was ist aktuell für Sie persönlich die spannendste Fragestellung der Menschheit?

Die größte Menschheitsaufgabe scheint mir die Überwindung beziehungsweise die Verhinderung der Feudalgesellschaft zu sein, einschließlich ihres modernen Ablegers – des Faschismus. Leider bewegen wir uns gerade wieder auf eine solche Feudalgesellschaft zu.

Stichwort KI: Was kommt mit der Künstlichen Intelligenz auf uns zu?

Eine enorme Macht der Lenkung und Kontrolle, gebündelt in der Hand von einigen wenigen Superreichen. Abgesehen davon besteht die Gefahr nicht darin, dass die Maschine zu klug wird, sondern dass wir die Gelegenheit ergreifen, selbst dümmer zu werden – und das auch noch als Entlastung empfinden.

Verraten Sie uns noch: Sind Sie gerne Philosoph? Was mögen Sie daran? Und was mögen Sie daran so gar nicht?

Das neueste Buch von Robert Pfaller
Das neueste Buch von Robert Pfaller(Bild: S. Fischer)

Verraten Sie uns noch: Sind Sie gerne Philosoph? Was mögen Sie daran? Und was mögen Sie daran so gar nicht?

Was ich nicht leiden kann, sind Philosophen, die so sprechen, als ob es darum ginge, einer gütigen Weltregierung die letzte fehlende Idee zu geben. Gute Philosophen dagegen sind diejenigen, die etwas scheinbar Vernünftiges als unsinnig erkennen lassen, oder auch etwas absurd Erscheinendes als vernünftig. So wird man klüger und muss dabei oft auch ein wenig lachen.

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