„Krone“-Interview

Alycia May: „Oft kam ich weinend nach Hause“

Pop-Rock
29.09.2026 10:00

Mit gerade einmal 18 Jahren veröffentlicht die Wiener Sängerin Alycia May ihr Debütalbum „Who’s Real“, das sie auch am 2. Oktober beim Waves Vienna präsentiert. Im „Krone“-Talk spricht das preisgekrönte Jungtalent über Mobbing, Einsamkeit, große Träume und ihrer Teilnahme bei The Voice Kids ...

kmm

In einem kleinen, süßen Wiener Café im zweiten Bezirk treffe ich auf ein echtes Jungtalent. Alycia May heißt die 18-jährige Sängerin mit den auffallend langen, dunklen Haaren. Als ich sie auf ihre Mähne anspreche, reagiert sie beinahe ein wenig schüchtern. „Ich habe sie lange wachsen und erst mit zwölf zum ersten Mal schneiden lassen. Seither werden sie immer wieder ein bisschen getrimmt“, erzählt sie lächelnd. So zurückhaltend und bodenständig sie im Gespräch wirkt, so groß ist ihr musikalisches Talent. Für ihre Single „Empty Faces“ wurde die Wienerin bereits mit dem German Songwriting Award ausgezeichnet. Außerdem stand sie beim Donauinselfest sowie als Support für Sophia, PAENDA und Ásgeir auf der Bühne. Nun folgt der bisher größte Schritt ihrer noch jungen Karriere: Am 2. Oktober veröffentlicht sie ihr Debütalbum „Who’s Real“. Darauf verarbeitet May Herzschmerz, Mobbing, Einsamkeit und die Frage, welchen Menschen man wirklich vertrauen kann. Uns erzählt sie außerdem, warum ihre Gitarre schon früh zu ihrem wichtigsten Rückzugsort wurde ...

„Krone“: Alycia, du bist 18 Jahre alt und veröffentlichst bereits dein erstes Album. Wie fühlt sich das an?
Alycia May:
 Ich bin sehr glücklich. Ich träume schon lange davon, Musik machen zu dürfen. Es macht mir so viel Spaß und Freude – und das schon, seit ich klein bin. Als ich zum ersten Mal eine Gitarre berührt habe, hatte ich bereits Bilder im Kopf, wie ich eines Tages auf einer Bühne stehe. Es ist wunderschön, das jetzt wirklich machen zu können.

Deine Songs sind über mehrere Jahre entstanden. Wie kam es dazu, dass du schon so jung mit dem Schreiben begonnen hast?
Ich glaube, ich habe schon mit elf angefangen. Meine Teenagerjahre waren nicht immer leicht. Ich hatte es in der Schule nicht einfach, nur wenige Freunde und war deshalb oft allein. Weil ich so viel Zeit für mich hatte, hat sich wahrscheinlich diese starke Verbindung zur Musik entwickelt. Sie war mein Ausweg aus dem Schmerz und mein Rückzugsort.

Du sprichst von Schmerz. Was hast du damals erlebt?
Ich war ehrlich gesagt sehr einsam und hatte wirklich wenige Freunde. Außerdem habe ich Mobbing erlebt, und das war sehr schwierig. Oft kam ich weinend von der Schule nach Hause. Dann war meine Mama da – und wenn sie nicht da war, war meine Gitarre da.

Mit dem Song „Empty Faces“ gewann Alycia May im März 2026 den German-Songwritting Award.
Mit dem Song „Empty Faces“ gewann Alycia May im März 2026 den German-Songwritting Award.(Bild: Imre Antal)
Ihre Mama und die Gitarre waren ihr Weg zum Glück.
Ihre Mama und die Gitarre waren ihr Weg zum Glück.(Bild: Imre Antal)

Du bist mit deiner Gitarre also ein Stück weit in eine andere Welt eingetaucht. „At the End of the Day“, der älteste Song des Albums, entstand bereits mit 14 Jahren. Wie sehr unterscheidet er sich von deinen späteren Liedern?
Ich hatte damals bereits ein paar musikalische Gewohnheiten, die ich bis heute beibehalten habe – etwa bestimmte Akkordmuster, die ich sehr gerne mag. Die drei Akkorde in diesem Song sind schön, aber musikalisch und vom Genre her ist er noch nicht so ausgereift wie die späteren Lieder. Auch die Produktion ist anders, weil ich damals mit einem anderen Produzenten zusammengearbeitet habe. Der Song ist minimalistischer und ruhiger als die anderen. Gerade deshalb singe ich ihn aber sehr gerne, weil ich dabei so entspannt bin.

Dein neues Album heißt „Who’s Real“. Woran erkennst du, ob ein Mensch wirklich „real“ ist?
Für mich hat das sehr viel mit Authentizität zu tun und damit, ob man sich wirklich traut, man selbst zu sein. Ich habe das Gefühl, dass wir in unserer Gesellschaft gerne mit dem Strom schwimmen: Hauptsache, man fällt nicht auf, ist nicht anders und sagt das, was auch die Masse sagt. Sich trotzdem zu trauen, man selbst und damit sein echtes Ich zu sein – das bedeutet für mich, „real“ zu sein.

Hast du deshalb diesen Albumtitel gewählt?
Diese Frage zieht sich durch das gesamte Album. Ich hatte natürlich auch schöne Momente, aber der Schmerz hat mich sehr geprägt. Deshalb habe ich mich immer wieder gefragt: Wer ist echt? Wer kann wirklich lieben? Wer traut sich zu zeigen, dass ihm jemand etwas bedeutet – auch auf die Gefahr hin, verletzt zu werden? Diese Suche nach Menschen, die ehrlich sind und sich trauen, sie selbst zu sein, zieht sich durch das ganze Werk.

Du sprichst auf der Platte sehr offen über Herzschmerz und Einsamkeit. Wie schwer war es für dich, diese persönlichen Erfahrungen mit der Öffentlichkeit zu teilen?
Im Nachhinein war es einfacher, weil diese Phase für mich inzwischen mehr oder weniger vorbei ist. Währenddessen war es ehrlich gesagt sehr hart. Mittlerweile habe ich aber meinen Frieden damit geschlossen, und vieles ist mir inzwischen sowieso wurscht. Deshalb fiel es mir leichter, darüber zu sprechen. Die Themen beschäftigen mich heute nicht mehr so stark wie damals.

Alycias Five Facts

  • Wirklich „real“ ist für mich:
    Wenn jemand authentisch ist.
  • Mein bester Song entsteht meistens:
    Aus intensiven Gefühlen.
  • Diese schlechte Angewohnheit möchte ich endlich loswerden:
    Meine Kaugummi-Sucht
  • Vor einem Auftritt brauche ich:
    Unbedingt warmes Wasser! Ich trinke nämlich kein kaltes, weil meine Stimme so empfindlich ist. 
  • Mein Album in drei Worten?
    Echt. Verarbeitung. Erkenntnis

In einem deiner Songs „Wasted Tears“ geht es darum, Menschen, die einen verletzt haben, nicht länger Macht über das eigene Leben zu geben. Ist dir das im echten Leben gelungen?
Bei mir ist es oft so, dass ich zuerst sehr traurig bin und diese Trauer dann in Wut umschlägt. Irgendwann war ich richtig sauer und dachte: Okay, jetzt reicht es. Jetzt hört es auf. Ich möchte diesen Menschen nicht länger so viel Bedeutung geben. Da kam der Gedanke: „Keine verschwendeten Tränen mehr.“ Das Loslassen und der Song sind also gemeinsam entstanden.

Hast du manchmal Sorge, dass sich Menschen aus deinem früheren Umfeld in deinen Nummern wiedererkennen?
Ich hoffe es sogar ein bisschen. Vielleicht bringt es ihnen eine gewisse Erkenntnis, denn oft wissen Menschen gar nicht, was sie mit anderen anstellen. Gleichzeitig möchte man auch nicht unbedingt zu jemandem hingehen und sagen: „Du hast mich verletzt, ich habe wegen dir gelitten“, weil man sich damit – unter Anführungszeichen – in eine schwächere Position begibt. Wenn sich jemand in meinen Songs wiedererkennt, freut mich das deshalb sogar. Vielleicht bewegt es die Person dazu, über sich selbst nachzudenken oder ihr Verhalten zu ändern.

In „Who Still Cares“ wird der Mond zu deinem Gesprächspartner. Mit wem sprichst du im echten Leben, wenn du dich allein oder unverstanden fühlst?
Ich gehe immer zu meiner Mama (lacht). Sie war immer für mich da und hat mir immer zugehört. In diesem Fall könnte sie sozusagen auch der Mond sein. Ich bete außerdem sehr gerne. Auch dadurch finde ich zur Ruhe.

Du hast erzählt, dass du früher gemobbt wurdest. Welchem Bild von dir selbst wolltest du damals gerecht werden?
Ich hatte sehr viel mit dem Neid anderer zu kämpfen. Ich war ein begabtes Kind, konnte vieles und lernte sehr schnell. Irgendwann kam ich an den Punkt, an dem ich all das verstecken wollte. Ich hatte gemerkt, dass die Leute anfingen, mich abzulehnen, sobald ich mich selbst zeigte – mit allem, was ich konnte und was mir Spaß machte. Deshalb jagte ich dem Idealbild einer Version von mir nach, die weniger ist als ich, damit mich die Leute akzeptieren. Das hat natürlich nicht funktioniert, weil man sich nicht dauerhaft verstellen kann. Aber ich habe lange sehr damit gekämpft.

Fällt es dir schwerer, über glückliche oder über ernste Themen zu schreiben?
Jein. Ein Thema muss mich bewegen. In der Zeit, in der dieses Album entstanden ist, haben mich vor allem die ernsteren Dinge beschäftigt. Ich schreibe aber auch gerne Liebeslieder und über glückliche Themen. Ich brauche einfach einen gewissen Impuls und ein starkes Gefühl. Das entsteht zwar öfter aus Traurigkeit, kann aber genauso etwas Positives sein.

Du hast gerade die Schule abgeschlossen. Ist das Album für dich auch ein Schlussstrich unter deine Teenagerjahre?
Ja, es ist ein Stück weit ein Schlussstrich unter diese Zeit. Ich bin jetzt 18 und wahrscheinlich noch nicht ganz erwachsen, aber für mich ist das ein großer Einschnitt. Mein Album ist fertig, ich habe die Schule abgeschlossen und bin damit vorerst frei von den alten Mustern, die mich so lange festgehalten haben.

Deine Musik lässt sich derzeit als Girlie-Pop beschreiben. Könntest du dir vorstellen, künftig in eine andere Richtung zu gehen?
Bei meinen nächsten Projekten möchte ich versuchen, meinen eigenen Stil noch stärker zu finden. Vorerst werde ich auf jeden Fall im Pop bleiben, aber vielleicht wird es etwas spezifischer – etwa Art-Pop oder ein bisschen mehr Indie. Das lasse ich für die nächsten Projekte noch offen. Ich glaube aber, dass sich mein Stil immer klarer herauskristallisieren wird.

Für „Empty Faces“ hast du im März 2026 den German Songwriting Award gewonnen. Hat dir diese Auszeichnung mehr Selbstvertrauen gegeben oder auch den Druck erhöht?
Unter Druck gesetzt hat sie mich gar nicht. Ich habe mich sehr gefreut und ehrlich gesagt überhaupt nicht damit gerechnet. Ich war in Berlin, und es hat einfach alles so gut funktioniert. Nachdem ich mich zuvor für viele Dinge beworben und immer wieder Absagen bekommen hatte, tat es sehr gut, von der Jury so viel Positives zu hören.

Wo hattest du zuvor Absagen bekommen?
Teilweise waren es kleinere Projekte. Ich hatte mich etwa bei Songwriting-Projekten beworben oder mit Produzenten gearbeitet, die mir gesagt haben: „Du bist noch zu jung, du bist noch nicht so weit.“ Vielleicht hatten sie damals sogar recht. Außerdem war ich als Kind bei einer Castingshow. Das ist aber schon lange her und nichts, was ich heute groß thematisieren möchte (lacht). Natürlich hat mich die Erfahrung trotzdem geprägt.

Du warst bei „The Voice Kids“. Wie weit bist du damals gekommen?
Bis zu den Battles. Lena Meyer-Landrut war damals in der Jury, und ich war in ihrem Team.

Und wie hast du diese Zeit erlebt?
Sie war sehr intensiv. Fernsehen ist immer mit vielen Höhen und Tiefen verbunden. Solange man im Fernsehen zu sehen ist, passiert sehr viel – und sobald man weg ist, ist plötzlich sehr wenig los. Ich finde es generell schwierig, damit umzugehen, und als Kind ist es wahrscheinlich noch schwieriger. Ich habe dort aber auf jeden Fall sehr viel gelernt.

Sophia, PAENDA und Ásgeir – Für diese Damen hast du bereits Konzerte eröffnet und auch beim Donauinselfest gespielt. Bei welchem dieser Auftritte hast du am meisten gelernt?
Sie waren alle sehr unterschiedlich. Der Auftritt im Gasometer bei Sophia war mein erster. Ich bin damals direkt ins kalte Wasser gesprungen und habe entsprechend viel gelernt. Bei Ásgeir war es ein Akustikauftritt, was ebenfalls wunderschön war – eine Rückkehr zu den Wurzeln. Da stand ich allein mit Gitarre und Klavier auf der Bühne. Das Donauinselfest war wiederum ein richtig schönes Freiluftfestival mit großartiger Stimmung. Jeder dieser Auftritte war auf seine Weise besonders.

Du präsentierst dein Debütalbum beim Waves Vienna. Was soll das Publikum nach diesem Abend über die echte Alycia May wissen? 
Ich hoffe immer, mit meiner Musik viel Liebe zu transportieren. Ich möchte dem Leben und allen Menschen mit so viel Liebe begegnen, wie es nur geht. Und ich hoffe, dass die Menschen zumindest einen Teil dieser Liebe spüren.

Tickets für das Waves Vienna, das vom 1. bis 3. Oktober stattfindet, gibt es noch unter www.wavesvienna.com . Schnell sein lohnt sich! 

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