Philosophicum Lech:

Maria-Sibylla Lotter gewinnt den Tractatus

Vorarlberg
26.09.2026 11:05
Porträt von Vorarlberg-Krone
Von Vorarlberg-Krone

Im feierlichen Rahmen des 29. Philosophicum Lech wurde am Freitagabend  der mit 25.000 Euro hoch dotierten Essaypreis „Tractatus 2026“ an die deutsche Philosophin Maria-Sibylla Lotter verliehen. Die renommierte Auszeichnung würdigt herausragende Publikationen, die aktuelle gesellschaftliche Fragen mit philosophischem Gespür und Mut aufgreifen. 

Vor einem vollen Saal mit über 600 Gästen ging der Preis in diesem Jahr an Maria-Sibylla Lotter für ihr im Hanser Verlag erschienenes Werk „Opfer. Über Verwundbarkeit als Selbstbild“. Den stimmungsvollen musikalischen Rahmen lieferte das Trio Tractatus mit einer eigens von Komponist Marcus Nigsch geschaffenen Komposition.

Eine Lobrede auf Klugheit, Gerechtigkeit und Mut
In ihrer Laudatio orientierte sich die Literaturwissenschaftlerin und Jurorin Daniela Strigl an den klassischen vier Tugenden Klugheit, Gerechtigkeit, Tapferkeit und Mäßigung. Strigl lobte die fundierte Analyse der Preisträgerin, die nicht nur Probleme diagnostiziere, sondern auch Wege aus verfestigten Debatten aufzeige. Lotter plädiere für die Beibehaltung der rechtsstaatlichen Unschuldsvermutung und warne davor, dass Fürsorge in Bevormundung umschlagen könne. Indem die Autorin Fehlentwicklungen wie bevormundende Trigger-Warnungen in der Kunst klar benenne, beweise sie Mut und akademische Tapferkeit. Dabei verfalle sie nie in Rechthaberei oder Eifer, sondern suche stets den konstruktiven Dialog in der goldenen Mitte.

Die Preisträgerin gab in ihrer Dankesrede persönliche Einblicke in die Entstehungsgeschichte ihres Buches. Lotter, die 1961 in Kassel geboren wurde und heute als Professorin für Ethik und Ästhetik an der Ruhr-Universität Bochum lehrt, schilderte einen beobachteten Kulturwandel an den Universitäten ab Mitte der 2010er-Jahre. Obwohl Studierende aufmerksamer miteinander umgingen, habe eine zunehmende Moralismus- und Opfer-Rhetorik Einzug gehalten. Wenn Streitigkeiten nur noch in Kategorien von Tätern und Opfern betrachtet würden, gelange die demokratische Debattenkultur an ihre Grenzen. Ziel ihres Werkes sei es daher, den Blick wieder dafür zu schärfen, Menschen Selbstwirksamkeit, Verantwortung und den Mut zum Widerspruch zuzutrauen.

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