Live im Gasometer

Ca7riel & Paco Amoroso: Boiler Room in Simmering

Musik
24.09.2026 01:30

In Südamerika spielen sie bereits in Stadien, in Österreich gibt man es etwas kleiner. Ca7riel & Paco Amoroso, mittlerweile sechsfache Grammy-Gewinner, rückten Mittwochabend für ihre erste Wien-Show im Gasometer an. Neben Musik gab es viel Comedy und Theater – doch genau dieses anarchisch-nihilistische Verständnis macht die beiden Jugendfreunde so interessant und erfolgreich. Ein Hype, der seine Versprechen hält!

kmm

Wer in der gegenwärtigen Musikindustrie nach der idealen Mischung aus unkontrolliertem Wahnsinn, klanglicher Vielseitigkeit und Mut zum Abseitigen sucht, muss nach Südamerika reisen. Oder in diesem Fall einfach nur nach Wien-Simmering, wo sich in einem mit rund 1900 Fans eher mäßig vollen Gasometer zwei der derzeit angesagtesten Populärmusiker der Welt ihr erstes Stelldichein bei einem österreichischen Einzelkonzert gaben. Hinter dem klingenden Pseudonym Ca7riel & Paco Amoroso stecken die beiden Jugendfreunde Catriel Guerreiro und Ulises Guerriero, die schon mal beim verblichenen Lido Sounds in Linz vorstellig wurden und diese Erinnerung zur Überraschung vieler mit den Fans im Gasometer auch teilen sollten. Die beiden Freunde und Soundfreaks arbeiten schon 2010 das erste Mal zusammen, ab 2018 riefen sie ihr bis heute bestehendes Projekt ins Leben und hangelten sich von Buenos Aires aus zum Weltruhm.

Internet-Senkrechtstarter
Das ist angesichts des Hypes um das Duo tatsächlich keine bewusst übertriebene Musikjournalistenfloskel, sondern die pure Wahrheit, die sich auch längst in Fakten gießen lässt. So spielt man Süd- und Lateinamerika mittlerweile in fetten Stadien, heimste fünf Latin Grammys und einen klassischen ein und eroberte mit der EP „Papota“ (2025) und dem Album „Free Spirits“ aus diesem Jahr ein Fan-Following, das in vielen unterschiedlichen Ländern dieser Welt längst das Vorstellungsvermögen der Menschen übertrifft. Verantwortlich für den Hype war einerseits ein Gig im Oktober 2024 bei der berühmten „Tiny Desk Concerts“-Reihe und andererseits durch das Internet, das mithilfe der Social-Media-Plattformen seinen Anteil daran hatte, das aus einem Hype für stilverweigernde Connaisseure eine internationale Band von Weltformat herausgeschnitzt werden konnte. Nach Veröffentlichung der angesprochenen „Papota“-EP ging man auf eine 60 Konzerte starke Welttournee, die Ende letzten Jahres ihre ersten Opfer forderte. Die Tour verkaufte sich insgesamt schleppend und wenn die Musiker erlitten aufgrund von ständiger Überforderung ein Burn-Out.

(Bild: Andreas Graf)

Das Geheimnis dieses Hype-Erfolg ruht auf mehreren entscheidenden Pfählern. Einerseits sind sie hervorragende Musiker mit einer hervorragenden Backing-Band, die gar nicht „back“ ist. Während andere Acts ihre fleißigen Musiker auf unter die Bühne oder ins anderweitige Abseits manövrieren, setzt man bei den Argentiniern auf kollektive Stärke, die man deutlich sieht und auch sehen soll. Schlagzeug, Bass, Keyboards und auch mal bewusst lauter werdende Bongo-Trommeln bestimmen das Geschehen. Laut Wikipedia wären beide Musiker besonders stark von den Metal-Heroen Pantera und Megadeth beeinflusst worden, davon lässt sich in der ersten Stunde des Konzerts nichts erkennen. Native Speaker für ihre Heimatsprache zu sein, kann jedenfalls nicht schaden, denn bis auf ein paar bemühte Dialogfetzen mit dem enthusiasmierten Publikum und eine immer wieder eingesetzte Stimme aus dem Off wird Englisch hier völlig außen vorgelassen.

Wellness des Wahnsinns
Die Show selbst ist mehr als ein bloßes Konzert. Frei dem Konzept des aktuellen Albums folgend, kämpfen die zwei Vollblutmusiker auf ihrer „Free Spirits“-Tour für die Freiheit ihrer Seelen und jene im Publikum, wofür für diese, wieder über viele Monate hinausreichende, Tour eine Art fiktionale Wellness-Klinik mit Dentistenstühlen, gewickelten Kopftüchern und Infusionsflaschen auf die Bühne gekarrt. Das ganze Treiben wird in mehrere Subkapitel zu je etwa 20 Minuten Spielzeit aufgeteilt und den begeisterten, zumeist südamerikanischen Fans im Gasometer energiereich präsentiert. Da werden Funk-Beats mit sanften Instrumentierungen vermischt, folgen auf einem bekömmlichen Mainstream-Song plötzlich ehrenwerte Bass-Gefiedel im Jazz-Korsett und singen sich die beiden Frontmänner mit so markanten wie unterschiedlichen Stimmen warm. Dabei setzt man auf eine völlig eigenwillige Mischung aus modernem Konzert, kabarettistisch anmutender Comedy und einer Dramaturgie, die auch einem offenen Theater zur Güte reichen würde.

(Bild: Andreas Graf)

Catriel ist der körperlich fittere und musikalisch talentiertere der beiden, Paco Amoros hat das markante Organ und wirkt in seiner etwas stärkeren Bescheidenheit als ideales Bindemitglied zu den Mitmusikern. Die Rap-Gesangseinlagen funktionieren genauso gut wie eine zuweilen nonchalantere Art zu singen, was die beiden auch in ihrem Talente-Repertoire haben. Lieder wie „Ayayay“, „Nadanuevo“ oder „Hasta Jesus tuvo un mal dia“ sind wie ein Gerümpel aus dem längst verblichenen Wurlitzer. In ihrer völlig grenzenlosen Verliebtheit zu Musik in all ihren Ausrichtungsformen erzeugen die beiden eine ganz besondere, intensive Atmosphäre. Ihr Konzept scheint lose die Reise vom Einmarsch in die Wellness-Klinik über die Behandlungen und den Erkenntnisgewinn des eigenen Tuns bis hin zum Aufwachen widerspiegeln. Die Fans singen die Texte sicher mit, jede noch so kleine Bewegung der hyperaktiven Frontmänner, deren Oberkörper sich früh am Abend entblößen sollten, wird mit Kreischen und Freude zurückgezahlt.

Musik und Show, neu gedacht
Die elementare Differenz zu einem klassischen Jugendkonzert ist die nicht unwesentliche, dass der Großteil der Aufmerksamkeit dem Sound und nicht den Protagonisten zuteilwird. Im Schlussdrittel gibt es dann die fulminante Überraschung: das Bühnenlicht wird abgeschaltet, rote Laser erhellen den Raum und nach einer temporären Hard-Rock-Einlage Catriels mit einer Flying-V-Gitarre, wie sie bei den Rockern in den 80er-Jahren üblich war, sorgt ein auf die Bühne gestelltes und von Catriel benütztes DJ-Pult für eine disco-eske Boiler-Room-Atmosphäre. Mit viel Elektronik und noch mehr Beats faden die Musiker ein für alle Mal aus und verlassen die Bühne. Nicht von dieser zu trennen sind nur die zwei Frontmänner, die sich noch nicht einmal von den Abbauarbeiten der Crew aus der Ruhe bringen lassen und zur Freude der Fans einfach weitermachen wie bis dahin. Nach gut 100 Minuten ist das impulsive Spektakel beendet und wenn man die Vielseitigkeit des Sounds, das einzigartige Bühnengebaren und die Innovation im Songwriting vor dem inneren Auge noch einmal scannt und filtert, dann versteht man die Genialität des humorigen Gesamtkonzepts wesentlich besser. So ein kleines bisschen Wahnsinn hat im Mainstream ohnehin lange gefehlt.

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