Ein neues Konzept für Telemedizin soll die Beweissicherung und Versorgung von Opfern nach gewalttätigen Übergriffen in ländlichen Regionen vereinfachen und verbessern. Ärzte können dadurch auf die Expertise von Gerichtsmedizinern zurückgreifen, auch wenn diese nicht direkt anwesend sind. Der Start ist für Anfang 2027 im Krankenhaus Leoben geplant.
Forensic Portable Equipment Tower for Remote Assistance – kurz Forensic PETRA. Was sich anhört wie ein hoch kompliziertes System, ist ein neuer Meilenstein in der telemedizinischen Versorgung von Gewaltbetroffenen. Rund zwei Jahre entwickelten die Medizinische Universität Graz und die Gewaltambulanz das neue Projekt, das gerichtsmedizinische Expertise ortsunabhängig verfügbar machen und so die Versorgung von Betroffenen sowie die gerichtsfeste Beweissicherung wesentlich verbessern soll.
„Das Ziel ist es, dass zukünftig kein Fall von erlebter Gewalt unerkannt oder ungenügend dokumentiert bleibt, nur weil keine geeigneten Untersuchungsverfahren oder ausreichend Kapazitäten vorhanden sind“, sagt Sarah Heinze, Leiterin der Gewaltambulanz am LKH Graz.
Gerichtsmediziner per Kamera dabei
Funktionieren soll das mithilfe eines technischen Wagens, der in Krankenhäusern stationiert wird und mit einem Bildschirm ausgestattet ist. Der untersuchende Arzt kann darüber eine Verbindung zu einem Gerichtsmediziner in Graz herstellen und seine fachliche Unterstützung und Expertise in Anspruch nehmen. Durch eine Art Brille, die mit einer Kamera ausgestattet ist, kann der Facharzt direkt an der Untersuchung teilnehmen und Tipps und Hinweise geben, wie die Untersuchung richtig vorgenommen und die Beweise korrekt dokumentiert und gsichert werden.
Das Ziel ist es, dass zukünftig kein Fall von erlebter Gewalt unerkannt oder ungenügend dokumentiert bleibt.

Sarah Heinze, Leiterin der Gewaltambulanz
Bild: Jürgen Fuchs
„Wir müssen eine Möglichkeit finden, um betroffene Personen von Missbrauch zeitnah, ortsunabhängig und gerichtsverwertbar untersuchen zu können. Die Telemedizin gibt uns die Chance, Fachwissen an Orte zu bringen, wo es keine Gerichtsmedizin gibt und damit zu einer verbesserten Befund- und Beweissicherung beizutragen“, erklärt Heinze.
Start im Krankenhaus Leoben
Dem stimmt auch Andrea Kurz, Rektorin der Med Uni, zu und betont: „Für mich zeigt diese neue telemedizinische Lösung eindrücklich, worum es bei Innovation geht. Nämlich um den Menschen, und sie muss auch bei den Menschen ankommen.“ Forensic PETRA stehe für Kurz für den Anspruch, Expertise verfügbar zu machen, Verantwortung zu übernehmen und die Möglichkeiten von Forschung und Digitalisierung zu nutzen, um Mensch und Patienten besser zu unterstützen.
Das Land Steiermark fördert das Projekt mit rund 640.000 Euro. Der Start ist für Anfang 2027 im Krankenhaus Leoben geplant. Nach einer ersten Pilotphase könne das Konzept auch auf weiter Standorte ausgerollt werden: „Es macht aber nur in Krankenhäusern Sinn, die möglichst viele für die Untersuchung notwendigen Fachabteilungen abdecken“, erklärt Heinze. Im besten Fall seien Gynäkologen, Traumatologen, Orthopäden und HNO-Ärzte sowie eine Radiologie und eine Abteilung für Kinder- und Jugendheilkunde vor Ort verfügbar.
Vom neuen Projekt begeistert zeigt sich auch Soziallandesrat Hannes Amesbauer (FPÖ): „Gewalt hinterlässt Spuren, körperliche und seelische. Diese innovative Entwicklung ist ein echtes Vorzeigeprojekt für den modernen Opferschutz. Sie ermöglicht es, gerichtsmedizinische Expertise flächendeckend und unmittelbar verfügbar zu machen. Ich bin froh, dass wir als Land Steiermark dazu beitragen können, die hohe gerichtsmedizinische Kompetenz der Medizinischen Universität Graz künftig noch stärker auch in die Regionen zu bringen.“
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