Erinnerungen

Vor 50 Jahren starb Mao: „Ein Land weinte!“

Ausland
09.09.2026 13:56

Heute vor 50 Jahren starb Mao Zedong. „Krone“-Reporter Olaf Brockmann war damals einer der wenigen westeuropäischen Journalisten, die im total abgeriegelten China die Trauerfeierlichkeiten für den „Großen Vorsitzenden“ hautnah erlebte. Auch er legte einen Kranz für Mao nieder. Seine Erinnerungen an die historischen Tage: „Ein Land stand still und weinte.“

„Mao Dead“, lautete in vier Zentimeter großen Buchstaben am 9. September 1976 der Titel auf einer Sonderausgabe der in Pakistan erscheinenden „Daily News“. Diese Nachricht erhielten die europäischen Tischtennis-Nationalmannschaften, die ich als 23-jähriger Journalist begleitete, heute vor 50 Jahren bei einem nicht geplanten Zwischenstopp in Karachi auf dem Weg nach China. Seit 8.15 Uhr in der Früh saßen wir nach dem Flug von Frankfurt über Istanbul und Bagdad in einem Stadthotel von Karachi fest, ohne zunächst zu wissen, was der Grund für den erzwungenen Aufenthalt in Pakistan war ...

Der letzte Flug nach Shanghai ...
Die Angestellten der Fluggesellschaft PIA hatten uns für diesen Aufenthalt zig verschiedene Gründe aufgetischt: „Flugplan geändert“, „Verspätung“ und „Erdbeben in Peking“. Es hieß auch: „Sie können froh sein, heute überhaupt noch nach China fliegen zu können.“ Was stimmte. Nach der Nachricht vom Tod Mao Tse Tungs (wie er vor einem halben Jahrhundert noch geschrieben wurde) war allen klar, dass China seine Grenzen sperren würde. Laut PIA waren wir die letzte Maschine, die noch von Karachi nach China fliegen durfte. Eine meiner bewegendsten Reisen nahm seinen Lauf. In Shanghai und Peking wurden wir Augenzeugen der Trauerfeierlichkeiten des „Großen Führers“. Ein Land stand still und weinte.

„Ewiger Ruhm dem großen Vorsitzenden“
Das geplante Tischtennis-„Freundschaftsturnier“ (das die 1971 nach der WM in Nagoya mit der berühmten Ping-Pong-Diplomatie begonnene Öffnung Chinas weiter fortsetzte) wurde zum Glück nicht abgesagt, sondern nur um eine Woche verschoben. Zeit genug, um Shanghai in den Tagen der Staatstrauer zu erleben. Wie sehr sich das Stadtbild geändert hatte, sahen wir auf den ersten Blick. An jedem Haus waren die roten Nationalfahnen auf halbmast gesetzt, mit schwarzer Schrift waren auf den Mauern und Wänden Beileidskundgebungen der Bevölkerung aufgeschrieben worden. Gegenüber von unserem Hotel „Ting Tiang“ hieß es beispielsweise: „Ewiger Ruhm und Dank dem großen Vorsitzenden Mao.“ Oder: „Der von den Menschen all unserer Nationalitäten am tiefsten geliebte, große Führer.“

Ein Kranz aus Papierblumen für Mao
Wie alle anderen ausländischen Gäste, die sich in Shanghai aufhielten, nahmen auch die Tischtennis-Delegationen gleich am ersten Tag nach der Ankunft an einer kurzen, eindrucksvollen Trauerfeier für Mao teil. Weit über 1000 Ausländer hatten sich in langen Zweierreihen vor dem Kulturpalast aufgestellt und zogen anschließend bei Trauermusik an einem riesigen Bild des „Großen Vorsitzenden“ vorbei. Vor dem Portrait Maos legte jede ausländische Mannschaft einen aus Papierblumen geflochtenen Kranz nieder, auch ich legte einen Kranz für Mao nieder.

Endlose Schlagen der Trauernden
Bei der Fahrt durch die Millionenmetropole, damals noch geprägt durch die unübersehbare Zahl von Fahrrädern, hallte auf den Straßen die Trauermusik und in regelmäßigen Abständen die „Internationale“. Die Musik werde, so erklärte uns einer der Dolmetscher, der uns auf Schritt und Tritt begleitete, „durch Erzählungen aus Maos Lebensgeschichte und der Vorlesung der Beileidstelegramme aus allen Regionen Chinas“ unterbrochen worden. Auf allen Straßen standen unendlich lange Schlangen von Chinesen in Zweierreihen, etwa vor den Eingängen zur Renmin- oder Tongji-Universität. Es waren Hunderttausende, die zu den vielen lokalen Trauerstellen defilierten, Kränze für Mao niederlegen und sich in Kondolenzbücher eintrugen. Alle waren in Weiß gekleidet, mit einem schwarzen Trauerflor am linken Oberarm.

TV-Liveübertragung aus Peking
Einen Tag vor Beginn des verschobenen Freundschaftsturniers fand die Allchinesische Trauerfeier statt. An jenem Tag, dem 18. September 1976, waren alle Delegationen eindringlich aufgefordert worden, das Hotel nicht zu verlassen. Die Chinesen wollten in ihrer Trauer auf den Straßen und Plätzen allein sein. Hingegen wurden wir mehr oder weniger gezwungen, in Gemeinschaftssälen des Hotels vor einem Fernseher die Direktübertragung der Trauerfeierlichkeit aus Peking anzuschauen (die uns simultan ins Englische übersetzt wurde), wo eine Million Menschen auf dem Platz des „Himmlischen Friedens“ (Tian’anmen-Platz) an der Gedenkfeier teilnahmen.

Drei Verbeugungen vor Mao Tse Tung
Wenige Minuten nach 15 Uhr stand zu Beginn der Zeremonie das chinesische Volk fünf Minuten still. Auch wir vor dem TV bei der Übertragung aus Peking. In dieser Zeit wurden der uns schon bekannte Trauermarsch, danach dann die Nationalhymne und die Internationale ausgestrahlt. Auch wir trugen einen Trauerflor am linken Arm und verbeugten uns nach einer entsprechenden Aufforderung durch den Dolmetscher vor Mao Tse Tung. Ich kann mich noch lebhaft daran erinnern, wie ich mich dreimal vor dem „Großen Vorsitzenden“ verbeugte ...

Die zentrale, 20-minütige Trauerrede hielt in Peking der damalige Ministerpräsident Hua Gufeng. Unser Dolmetscher übersetzte die Rede, in der Mao als Gründer der Volksrepublik und als Führer der „Chinesischen Revolution“ gepriesen wurde, simultan. Das chinesische Volk wurde aufgefordert, „die tiefe Trauer in Kraft zu verwandeln“. Ein Leitspruch, den wir unentwegt in unseren Tagen und Shanghai und Peking hören sollten.

Ein unvergessenes Heer in Weiß
Da wir das Hotel an jenem Tag nicht verlassen durften (die Ein- und Ausgänge wurden strikt kontrolliert), hatten wir zumindest die Chance, von der Dachterrasse des 15-stöckigen Hotels mit Ferngläsern den Aufmarsch der Millionen in Shanghai zum „Platz des Volkes“ beziehungsweise zu einem anderen der 25 großen Trauerplätze zu beobachten. Ein unvergessenes Heer in Weiß am Tag der Allchinesischen Trauerfeier.

Bericht via Hongkong nach Europa
Da alle internationalen Telefonleitungen in unserem Hotel gekappt waren, schien es fast unmöglich, einen aktuellen Bericht über die Trauerfeierlichkeiten abzusetzen. Mit Glück und Geduld fand ich eine Lösung. Über einen Fernschreiber gelang es mir, einen Kollegen der Nachrichtenagentur „Reuters“ in Hongkong zu erreichen. Ihm schickte ich meinen Bericht („Ein Volk stand still. Tischtennisspieler gedachten Mao“), den er netterweise über Umwege nach Europa weiterleitete.

Durch die Verschiebung des Tischtennisturniers hatten wir auf der Rückreise einen längeren Aufenthalt in Peking als geplant und erlebten auch dort noch den Aufzug der Trauernden auf dem Tian’anmen-Platz, eine der Seiten des geschichtsträchtigen Platzes ist begrenzt vom Eingang zum Tor des Himmlischen Friedens. In dessen Mitte prangte ein riesiges, schwarz-weißes (heute farbiges) Mao-Portrait mit einem schwarzen Trauerrand. Ein Bild, das sich fest in meiner Erinnerung eingebrannt hat

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