Geschätzte 220 Millionen Euro Umsatz, bessere Geschäfte und ein stärkeres Werkstattgeschäft: Die Wirtschaftskammer zeichnet ein positives Bild der Fahrradbranche in Niederösterreich. Ein Tullner Händler warnt jedoch vor Existenzsorgen.
Auf dem Papier läuft es für Niederösterreichs Fahrradhandel rund: Rund 200 Geschäfte und damit fast jeder vierte österreichische Standort befinden sich im weiten Land. Den Jahresumsatz 2025 schätzt die Wirtschaftskammer Niederösterreich auf 220 Millionen Euro. Das entspricht einem Fünftel des österreichischen Fahrradmarktes.
Auch die Zwischenbilanz für die Saison 2026 fällt laut einer Blitzumfrage positiv aus. Demnach melden 78 Prozent der befragten NÖ-Betriebe bessere Geschäfte als im Vorjahr. Österreichweit sind es lediglich 42 Prozent.
Werkstätten besonders gut ausgelastet
Als wichtige Stütze des stationären Fachhandels erweist sich das Werkstatt- und Servicegeschäft. Bei 67 Prozent der befragten niederösterreichischen Betriebe läuft dieser Bereich besser als 2025. Auch das Dienstradleasing sorgt für zusätzliche Nachfrage: 78 Prozent der befragten NÖ-Händler berichten von positiven Auswirkungen auf ihr Geschäft. Besonders gefragt seien alltagstaugliche E-Bikes sowie sportliche Modelle wie Gravel- und Rennräder.
„Die Saison zeigt, was den stationären Fachhandel wirklich trägt: die Kompetenz in Werkstatt, Service und Beratung“, erklärt Branchenobmann Michael Nendwich. Für ihn machen die rund 200 Standorte Niederösterreich zum „Fahrrad-Bundesland Österreichs“.
„Viele nagen am Existenzminimum“
Doch nicht jeder Unternehmer spürt diesen Aufschwung auch in der Kassa. „Die WKNÖ sieht die Zahlen schön und hübsch, schreibt aber nicht, wie viele am Existenzminimum nagen“, erklärt Walter Berchtold, Geschäftsführer von Morethanbike in Tulln.
Auf einer Skala von eins bis zehn liegt der Fahrradhandel für mich derzeit bei fünf Punkten.
Walter Berchtold, Geschäftsführer von Morethanbike
Vor allem der Onlinehandel und große Anbieter mit einer breiten Auswahl setzten kleinere Geschäfte zunehmend unter Druck. Den Anteil der im Internet gekauften Fahrräder schätzt Berchtold mittlerweile auf rund 40 Prozent. Auch ältere Kunden würden immer häufiger online bestellen.
Für kleinere Händler sei es kaum möglich, mit dem umfangreichen Angebot und den Preisen großer Anbieter mitzuhalten. Verschärft werde die Lage durch den wachsenden E-Bike-Anteil. Bei diesen sei der technische Fortschritt so groß, dass vor allem kleinere Händler Gefahr liefen, ein „veraltetes“ Lager zu haben.
Dazu kommen immer mehr Rückläufer aus dem Dienstradleasing, die auf den Gebrauchtmarkt gelangen. Was laut Wirtschaftskammer vielen Händlern zusätzliche Verkäufe bringt, verschärft damit zugleich den Preisdruck.
Service wird immer wichtiger
Die positive Entwicklung im Werkstattgeschäft kann Berchtold hingegen bestätigen. Viele Fahrräder, die während des Booms vor einigen Jahren verkauft wurden, müssten nun gewartet oder repariert werden. Große Anbieter konzentrierten sich häufig auf den Verkauf, während kleinere Fachgeschäfte die anschließenden Servicearbeiten übernähmen.
Morethanbike will deshalb künftig noch stärker auf Reparaturen setzen und den Verkauf samt Lagerhaltung zurückfahren. Weil Fahrräder technisch immer komplizierter werden, bleibe fachkundige Hilfe gefragt. Von einem allgemeinen Höhenflug der Branche könne dennoch keine Rede sein, so Berchtold.
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