Thedas, die Spielwelt von "Dragon Age: Inquisition", ist eine ganz schön komplexe Angelegenheit. Die Fantasy-Welt setzt sich aus verschiedenen Ländern zusammen, von denen der Spieler in "Inquisition" zwei bereisen darf: Orlais und Ferelden. Die Länder werden von verschiedenen Fraktionen bewohnt, und über allem thront ein uralter Konflikt zwischen der Kirche, den von Priestern mit Misstrauen betrachteten Magiern und der Templer-Armee, welche die Magier unter Kontrolle halten soll.
Grüner Riss am Himmel stürzt Welt ins Chaos
Als wäre die Situation nicht verworren genug, stürzt zu Spielbeginn ein Anschlag auf die wichtigsten Würdenträger von Kirche, Magiern und Templern die Welt vollends ins Chaos. Der perfekte Zeitpunkt, um den Spieler als unter Gedächtnisschwund leidendes Häufchen Elend, das den Anschlag überlebt hat, ins Game zu werfen – und ihm die Gelegenheit zu geben, erst mal Fragen zu stellen. Was ist passiert? Warum werde ich verdächtigt? Was ist der seltsame grün leuchtende Riss am Himmel? Und was zum Teufel hat meine grün leuchtende Hand damit zu tun? Sie merken es vielleicht schon: "Dragon Age: Inquisition" ist nicht unbedingt der Inbegriff der Zugänglichkeit.
Gerade Spieler, welche die Vorgänger nicht kennen, werden sich zu Beginn schwertun, Geschichte und Spielwelt zu begreifen. Erschwerend kommt hinzu, dass "Inquisition" viele Geheimnisse erst im Spielverlauf offenbart, die Klärung bereits zu Beginn aufkommender Fragen also oft erst nach etlichen Spielstunden gelingt. Kleines Beispiel gefällig? Was es mit den grün leuchtenden Rissen und der in ebendieser Farbe leuchtenden Hand des Spielers auf sich hat und wer hinter dem ganzen Theater steckt, erfahren Sie erst nach etlichen Stunden. Zu Spielbeginn steht also noch nicht einmal so recht fest, wer denn eigentlich der Gegner ist – was aber auch nötig ist, schließlich gäbe es sonst keine Inquisition, die unter Leitung des Spielers nach den Urhebern der Misere sucht.
Interessante und schön erzählte Handlung
Letztlich macht das aber den Reiz von "Inquisition" aus. Wer Bioware-RPGs schätzt, will nicht von Anfang an vor vollendete Tatsachen gestellt, sondern in eine sich entwickelnde Welt voller Rätsel geworfen werden und diese auf eigene Faust lösen. Und das macht "Inquisition" ziemlich gut. Auch wenn sich die Hintergründe erst nach und nach offenbaren, wird die Handlung nie langweilig. Sie ist zwar nicht sonderlich einfallsreich und bedient im Grunde alle "Auserwählter schmiedet Bündnisse, um Oberbösewicht zu schlagen"-Klischees, die Bioware schon mit "Mass Effect" bediente, sie bleibt dabei aber spannend und interessant.
Ständig stößt der Spieler auf neue Charaktere, die noch vorhandene Lücken in der Handlung schließen. Werden bestimmte Voraussetzungen erreicht, gibt das Game das nächste Häppchen der sehr gut inszenierten Haupthandlung preis. Und zwischendurch erwartet den Spieler ein so großer Fundus an Nebenaufträgen und Geheimnissen, dass womöglich Wochen vergehen werden, bis tatsächlich der Abspann über den Bildschirm flimmert.
Freie Charaktererstellung, coole Gefährten
Spielerisch orientiert sich "Inquisition" am gefeierten ersten Serienteil "Origins", was man auch gleich zu Spielbeginn bemerkt. Zwang der zweite Teil die Spieler dazu, mit einem vordefinierten Menschen in die Schlacht zu ziehen, darf der Charakter diesmal wieder selbst erstellt und bis ins kleinste Detail angepasst werden. Neben dem Aussehen, das im umfangreichen Charaktereditor bis hin zur Größe der Ohrläppchen verändert werden darf, entscheidet der Spieler sich auch für Klasse und Rasse seines Recken. Schurken, Krieger oder Magier sind spielbar. Wahlweise als Mensch, Zwerg, Elf oder Qunari, einer gehörnten Rasse von Riesen.
Durch die Spielwelt zieht der eigene Recke üblicherweise gemeinsam mit drei Gefährten, die er aus der im Spielverlauf wachsenden Schar seiner Unterstützter auswählt. Viele dieser Gefährten wurden liebevoll mit einem eigenen Charakter versehen, der ihnen glaubwürdiges Leben einhaucht. Der arrogante Magier Dorian, der schlitzohrige Zwergenschurke Varric oder der wortkarge Qunari-Söldner "Eiserner Bulle" bleiben schnell in Erinnerung und wachsen dem Spieler mitunter richtig ans Herz.
Apropos: Wie schon im ersten Serienteil und der "Mass Effect"-Saga ist es auch in "Inquisition" wieder möglich, Begleitern schöne Augen zu machen und eine Romanze anzubahnen. Das wäre allerdings befriedigender, wenn manch ein Charakter etwas geheimnisvoller wäre. Eine so vielschichtige Figur wie Hexe Morrigan aus dem ersten Teil liefert "Inquisition" nicht ab, was aber als Kritik auf hohem Niveau verstanden sei. Alles in allem glänzt die Handlung nämlich mit interessanten und erinnerungswürdigen Figuren.
Komplexes Gameplay, spielerische Macken
Nicht nur in puncto Story, sondern auch spielerisch gibt sich "Inquisition" komplex. Im Spielverlauf wollen Bündnisse geschmiedet, Landstriche in Besitz genommen, Erze und Kräuter gesammelt und verarbeitet werden. Zwischendurch wird Diplomatie getrieben, die hauseigene Spionageabteilung der Inquisition befehligt und Handel getrieben. Dreh- und Angelpunkt des Ganzen ist das Hauptquartier des Spielers, wo er an einem interaktiven Kartentisch die Handlung vorantreibt, in die einzelnen Gebiete von Ferelden und Orlais reist, in Handwerksgeschäften neue Gegenstände herstellt und bestehende verbessert.
Wird nicht geplant, geplaudert oder geforscht, wird in "Inquisition" gekämpft. Je nach anfangs gewählter Klasse werden dabei andere Aufgaben erfüllt. Schwer gepanzerte Krieger mit Schild und Einhandwaffe ziehen Schaden auf sich. Schurken, Zweihand-Krieger, Bogenschützen und Magier machen derweil Schaden an den Gegnern, bis diese das Zeitliche segnen. Massiver Schönheitsfehler an diesem altbewährten Konzept: In "Inquisition" gibt es keine Heilzauber, was der Klasse des Magiers nicht gut zu Gesicht steht. Stattdessen dürfen Zauberer ihre Mitspieler nur mit temporären Barrieren schützen, die Heilung erfolgt bei Bedarf über Tränke, die an in der Welt verteilten Vorratslagern aufgefüllt werden. Warum man das gut funktionierende Heilzauber-System aus den ersten Teilen von "Dragon Age" über den Haufen geworfen hat, ist uns mehr als rätselhaft.
Kampfsystem funktioniert, Taktikansicht hakelig
Abgesehen von den fehlenden Heilzaubern funktioniert das Kampfsystem in "Inquisition" aber recht gut. Der Spieler hat dabei die Wahl, ob er seine Figur ganz klassisch aus der Third-Person-Perspektive steuert und in Echtzeit auf die Feinde haut. In taktisch anspruchsvolleren Kämpfen gegen größere Gegner gibt es aber auch eine Taktik-Ansicht, in der die Kamera in die Vogelperspektive schwenkt und das Spielgeschehen pausiert wird, damit in aller Ruhe Befehle an die vier Recken des Spielers erteilt werden können. Das kennt und schätzt man aus Teil eins, allerdings ist die Steuerung in dieser taktischen Ansicht doch arg mühsam geraten.
Das liegt zum Teil daran, dass die Kamera oft nicht tut, was sie soll, und beispielsweise in Innenräumen nicht weit genug vom Kampfgeschehen weg zoomt. Zum Teil aber auch daran, dass die Steuerung in der taktischen Ansicht ganz allgemein hakelig ist und es beispielsweise nicht möglich ist, den Cursor über nicht begehbares Gebiet zu bewegen. Ebenfalls lästig: Eine Funktion für automatische Angriffe gibt es nicht, stattdessen muss beim Angreifen eines Gegners permanent die Angriffstaste gedrückt gehalten werden, was den Wechsel zwischen taktischer und eigentlicher Kampfansicht erschwert. Auch das konnte der erste Teil besser. Der eine oder andere Bug, der das Abschließen einer Quest verhindert, und die gelegentlich den Dienst versagende künstliche Intelligenz Verbündeter strapazieren die Nerven des Spielers zusätzlich.
Lange Fußwege durch gigantische Spielwelt
Zum Glück glänzt "Inquisition" an anderen Stellen, etwa bei der enorm weitläufigen und bildan sich nur vorstellen kann – von grünem Hügelland über düstere Moore, stürmige Steilküsten, sengend heiße Wüsten und schneebedeckte Gebirge. Die einzelnen Gebiete sind allesamt so weitläufig, dass der Spieler einen Gutteil seiner Zeit damit zubringen wird, die Welt zu erkunden und von einer Aufgabe zur nächsten zu marschieren. Dass "Inquisition" Reittiere bietet, ändert nichts an den mit der Zeit nervigen Märschen von A nach B. Immerhin: In den einzelnen Gebieten sind Lager verteilt, die der Spieler beanspruchen und fortan als Schnellreisepunkt und Rastplatz nutzen kann.
Massenhaft Geheimnisse, die es zu entdecken gilt – etwa in entlegenen Gebieten versteckte mächtige Drachen, die besonders coole Gegenstände bei sich tragen – runden die Spielwelt ab. Schade finden wir, dass die Spielwelt über weite Strecken mit der Art von Aufträgen gefüllt ist, die man üblicherweise in Online-Rollenspielen findet. Sammel-Quests und andere Belanglosigkeiten schlagen zwar Zeit tot, gerade in der Einzelspieler-Welt von "Dragon Age" hätten wir uns aber bisweilen spannendere Nebenaufträge gewünscht.
Hübsche Spielwelt, gut animierte Charaktere
Optisch weiß "Inquisition" beinahe restlos zu überzeugen. Die Spielwelt ist trotz ihrer Größe liebevoll designt und mit reichlich Leben bevölkert. Neben Gegnern und Nichtspielercharakteren durchstreifen auch realitätsnah gestaltete Tiere die Welt. Grasbüschel wiegen sich im Wind, Regentropfen schlagen dem Recken entgegen und perlen an dessen glänzender Rüstung ab. Hübsche Licht- und Partikeleffekte setzen die mit scharfen Texturen versehenen Landschaften in Szene.
Und inmitten dieser prachtvollen Umgebung treiben ziemlich gut animierte Figuren ihr Unwesen, bei denen insbesondere die lebensechten Gesichter hervorzuheben sind. Meistens zumindest, gerade bei nichtmenschlichen Charakteren sehen die Gesichter mitunter nämlich doch etwas künstlich aus. Die Haupthandlung wird in Zwischensequenzen in Spielgrafik erzählt, die oftmals spektakulär wie ein Actionfilm inszeniert und geschnitten sind. Schade, dass die Nebenaufgaben dagegen ziemlich verblassen.
Tolle Vertonung, kooperativer Multiplayer
Exzellent gelungen ist die Vertonung. "Dragon Age Inquisition" wartet in der deutschen Version mit professionellen Sprechern auf, die den Charakteren Leben einhauchen. Schlechte Synchronisierung findet man kaum, nur hie und da wirkt ein Charakter teilnahmslos bei dem, was er sagt. Die Soundeffekte sind ebenso gelungen wie die Vertonung und die epische Spielmusik untermalt das Geschehen auf dem Bildschirm ebenso passend wie unaufdringlich.
Wer mag, kann "Dragon Age: Inquisition" gemeinsam mit Freunden im kooperativen Mehrspielermodus bestreiten, allerdings nicht die Einzelspielerkampagne, sondern eine lose Multiplayer-Handlung, welche die Spieler an verschiedene Schauplätze von Thedas führt. Nach Abschluss der Kampagne sicher ein netter Zeitvertreib, der Fokus des Spiels liegt aber dennoch klar auf seiner Einzelspielererfahrung.
Fazit: RPG-Perle mit verzeihbaren Schwächen
Die gute Nachricht vorweg: "Dragon Age: Inquisition" ist deutlich besser als der zweite Teil der Saga geworden. An den ersten Teil "Origins" reicht es aber trotz größerer Spielwelt und hübscherer Grafik nicht heran. Zwar besinnt sich Bioware alter Tugenden wie der freien Charaktererstellung, der Taktikansicht und der vielfältigen und abwechslungsreichen Spielwelt. Gleichzeitig tritt man aber auch in das eine oder andere Fettnäpfchen. Welcher Teufel die Designer geritten hat, als sie die Heilzauber aus dem Spiel gestrichen haben, wissen wir nicht. Und welcher Zeitgenosse die Taktik-Ansicht vor Release auf ihre Benutzerfreundlichkeit "getestet" hat, ebenfalls nicht.
Was wir jedoch wissen, ist, dass Bioware mit "Dragon Age: Inquisition" allen Schwächen zum Trotz ein großartiges Rollenspiel abgeliefert hat, das nicht nur Genrefans für viele Stunden in seinen Bann ziehen wird und als heißer Tipp für den Titel "Rollenspiel des Jahres" gehandelt werden sollte.
Plattform: PC, PS3, PS4 (getestet), Xbox 360, Xbox One
Publisher: EA
krone.at-Wertung: 9/10
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