„Apply Autonomy“

My Ugly Clementine: Lassen wir die Masken fallen

Musik
02.09.2026 05:00

Auf ihrem dritten Album zeigen sich die international erfolgreichen My Ugly Clementine so vielseitig wie nie zuvor. Zwischen einer feministischen Grundhaltung, Gesellschaftskritik und persönlicher Innenbeschau passt auf „Apply Autonomy“ auch sehr viel ungezügelter Spaß. Beim „Krone“-Gespräch zeigte sich das Trio scheuklappenfrei und offen – das garantiert auch live ein Spektakel.

kmm

Wenn man den drei Musikerinnen von My Ugly Clementine gegenübersitzt, schwappt ein wohliges Gefühl von vertrauter Gemeinschaft über den Tisch. Sophie Lindinger, Mira Lu Kovacs und die nach einem Jahr des Bestehens dazugekommene Nastasja Ronck sind innerhalb von nicht einmal sieben Jahren zu einem Fixpunkt der heimischen Musikszene geworden, begeistern mit ihren Konzerten Grunge- und Alternative-Fans quer durch Europa, heimsen Auszeichnungen ein und haben in dieser Gemeinschaft und mit dieser Band ein Ventil gefunden, wo auch die düsteren Seiten der einzelnen Persönlichkeiten ihren Weg nach draußen finden. „Ich stelle mir unsere Aufgabe in dieser Band ein bisschen wie auf einer Theaterbühne vor“, lacht Kovacs im gemeinsamen Talk mit der „Krone“, „man spielt auch mal die Bösewichte, den König oder den Hofnarren. Es gibt diese schöne Möglichkeit, alle Rollen zu bekleiden. Sich überall auszuprobieren. Das haben wir sonst nirgends.“

Alle Möglichkeiten nützen
Das Drittwerk nach „Vitamin C“ (2020) und „The Good Life“ (2023) strotzt nur so vor Selbstvertrauen und ist eine meist flotte, manchmal aber auch zärtliche Mischung aus Feminismus, Freistrampeln und kollektiver Party. „Die Gemeinschaft, die wir in dieser Band verspüren, ist etwas besonders Schönes“, freut sich Ronck, die sich längst ihre eigene Identität in der Band erkämpft hat und nicht gegen, sondern mit den zwei bekannten Kolleginnen weiter an Reife und Kontur gewinnt, „wir starten ein Album prinzipiell immer aus einer ähnlichen Warte heraus. Wir fragen uns, was in der Welt gerade los ist, was die Menschen beschäftigt und wo sich Dinge verändern. Musik ist aber auch eine Holschuld und kann eine gute Unterlage sein, um sich endlich mal abzureagieren oder einfach nur zu sudern. All diese Möglichkeiten nützen wir, weil wir wissen, dass wir die tolerantesten Hörerinnen haben. Zu uns verirren sich keine Leute, die nicht auf unserer Welle mitschwingen.“

My Ugly Clementine sind über die Jahre zu einer generationsübergreifenden Band gereift. Längst nehmen Fans ihre Kinder mit, die Jüngeren überraschen vielleicht mal klangoffene Elternteile mit einer Konzertkarte. Verbindungen zueinander und zu den Menschen da draußen sind wichtige Themengebiete auf dem Drittwerk. So lässt man in „Confidence“, einem Schlüsselsong auf dem Album, die Schüchternheit einmal beiseite und zeigt sich offensiver. Wohl wissend aber, dass alle Menschen mit unterschiedlichen Masken durchs Leben laufen. „Ich glaube völlig maskenlos bin ich nur allein daheim“, so Bandgründerin Lindinger, „das liegt aber auch daran, dass in einer Gesellschaft gewisse Regeln existieren, nach denen man sich zu drehen hat. Vor allem, wenn man eine weiblich gelesene Person ist. Ich habe früher oft die Masken fallen lassen und wurde bitter enttäuscht. Das bleibt hängen, aber es fällt mir mittlerweile wieder etwas leichter.“

Autonomie und Kollektivismus
Wie weit man kann man in einer genormten Gesellschaft man selbst sein und wie viel Autonomie ist denn überhaupt noch möglich, bei all den globalen und auch lokalen Verstrickungen, die unser Leben in jeder Hinsicht prägen? „Wir versuchen jedenfalls so viel Autonomie wie möglich zu bewahren“, so Kovacs, „ab einem gewissen Punkt muss man sich immer Regeln beugen, denn um wirklich autonom zu sein, musst du riesengroß sein. Dann kannst du dich auch ausbeuterischen Streaming-Dienstleistern verweigern. Das geht bei uns nicht.“ Als Individuen schätzen die Musikerinnen von My Ugly Clementine die Autonomie, untereinander aber auch die Verbundenheit eines Kollektivs. „Es ist ein sehr individueller Balanceakt, der da immer stattfindet. Einander brauchen zu dürfen, das fördert zwischenmenschliche Beziehungen enorm. Natürlich darf man im Leben umfallen und aufgefangen werden. Schwach sein und Schutz suchen. Autonomie heißt auch nicht Individualisierung, denn die ist schon wieder nicht mehr gesund.“

„Head In The Air“, „You Won” oder „Don’t Mess With Me” sind allesamt Songs, die sich mehr oder weniger mit dieser Überthematik beschäftigen und jeweils für sich subthematisch stärker in die Tiefe gehen. „The Pretender“ ist eher unmissverständlich als Anklage an viele Heuchler zu verstehen, mit denen die Künstlerinnen schon selbst zu tun hatten. „Ich habe eine lange zurückliegende Beziehungserfahrung, die sehr gewaltvoll war und wo es darum geht, dass diese Person immer von gewaltfreier Kommunikation und Self Awareness gesprochen hat, das aber in der Realität nicht umgesetzt hat“, zeigt sich Lindinger nach langem Schweigen offen, „es gibt einfach Bereiche, in denen man nicht vordringen darf. Dinge, die zu weit gehen und die sich in keiner Hinsicht ausgehen. Da sind wir dann auch einfach streng und sagen: „Stopp – so geht es einfach nicht.“ Das ist auch gut so, denn es geht immer anders.

Das Glück im Moment
Die Bandbreite bei My Ugly Clementine ist sehr ausgeprägt. Mit „Unlawfully Wedded“ gibt es auch einen Hochzeits-Song für die rechtsstaatliche Anerkennung von Freundschaft und einer selbstgewählten Familie. „This Is Nice“ ist hingegen eine augenzwinkernde Flirt-Hymne, bei der man nicht die große Liebe sucht und Angst vor einem gebrochenen Herzen haben muss, sondern wo auch mal das Glück im Moment seinen Wert hat – ohne sofort in die Zukunft zu schauen. Es geht um Empathie in der Autonomie, um eine nonchalante „fake it till you make it“-Einstellung zum Leben und um Reflexionen. „In gewisser Weise ist es ein Coming-Of-Age-Album, auch wenn all unsere Alben ein bisschen so waren.“ Die juvenile Frische ist der Band auch nach den vielen Touren ins Gesicht und auf die Instrumente geschrieben. „Apply Autonomy“ hat nicht nur ein markantes und leicht zu merkendes Cover-Artwork – das ganze Album sprießt über vor guter Laune und Empowerment, weiß aber auch zu kritisieren und die Grenzen zu ziehen.

„Es soll kein performativer Feminismus sein, sondern ein selbstverständlicher“, erklärt Kovacs, „das klingt aber immer so schwierig, weshalb ich den Begriff gar nicht mehr so aufblasen möchte. Wir wollen einfach frei sein. So aussehen, wie wir gerade Lust dazu haben. Das Musikvideo drehen, das uns gerade vorschwebt. Auch wenn das vielleicht ein Experiment ist und man nicht genau weiß, wohin die Reise geht. Es ist ein ständiger Kampf und ein Erobern einer Öffentlichkeit, den man mit so einer Band führt.“ Die Dreierkonstellation mit den unterschiedlichen Zugangsweisen, Geschmäckern und Persönlichkeiten erweist sich jedenfalls als idealer Thinktank für die Musik. „Das Album hat gar nicht so sehr einen thematischen Bogen, sondern eher einen Gefühlsbogen. Wir zeigen unsere harte Schale, aber können auch emotional und sanft sein. My Ugly Clementine erlaubt uns mehr als all unsere anderen Projekte Freiheit und einen gewissen Hang zur Düsternis. Ein Freund von uns hat gesagt, das Album hätte Tag- und Nacht-Songs – das ist eine gute Umschreibung.“

Live in Österreich
Mit „Apply Autonomy“ gehen My Ugly Clementine natürlich auch auf die Bühne und auf Tour. Neben zahlreichen internationalen Daten gibt es auch ein paar bei uns. Am 28. Oktober spielen sie im Linzer Posthof, am 4. März im Salzburger Rockhouse, am 5. März im Conrad Sohm in Dornbirn, am 19. März im Grazer ppc und als krönenden Abschluss am 4. Juni eine Open-Air-Show in der Wiener Arena. Unter www.myuglyclementine.com gibt es alle Termine und auch die Links zu den Karten. Eine besonders intime Release-Show gibt es am Samstag, 5. September, am Wiener Kino am Dach.

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