Mime Martin Weinek:

„Ein Zumpferl macht aus Männern noch keine Helden“

Burgenland
26.08.2026 20:00

Einst spielte Martin Weinek „Inspektor Kunz“ in der Fernsehserie „Kommissar Rex“. Inzwischen ist er Intendant des „Uhudler Landestheaters“ im Burgenland. Kurz vor der Premiere der Beziehungssatire „Orpheus und Eurydike – Wo geht‘s denn hier zur Unterwelt?“ sprach die „Krone“ mit ihm und seiner Frau Eva über Machos, Macht und Ehekriege.

Seit elf Jahren lockt das Uhudler Landestheater rund um Intendant Martin Weinek Gäste aus Nah und Fern auf Schloss Tabor in Neuhaus am Klausenbach. Schließlich verbindet das Ensemble klassische Theaterkunst mit ironischen Eigenbearbeitungen und der regionalen Uhudler-Weinkultur des Südburgenlandes. Am Donnerstagabend, 20 Uhr, findet die Premiere von „Orpheus und Eurydike – Wo geht’s denn hier zur Unterwelt?“ statt.

Doch wer eine tragische Liebesgeschichte erwartet, wird überrascht. Weineks Ehefrau Eva, die für die Dramaturgie verantwortlich zeichnet, nimmt zwar den antiken Mythos als Ausgangspunkt, erzählt ihn aber mit Biss und Humor. Im Zentrum stehen daher nicht nur Liebe und Treue, sondern auch Machtkämpfe, Besitzansprüche, moralische Vorstellungen und die Frage: Wem gehört eigentlich ein Mensch?

Zur Handlung der Neufassung

Die Ehe von Orpheus und Eurydike ist am Ende. Sie langweilt sich, während er sich als untalentierter Geiger gegenüber seinen Schülerinnen übergriffig verhält. Dann taucht Aristeus auf, der sich als Pluto, Herrscher der Unterwelt, entpuppt, und Eurydike mit in sein Reich nimmt. Das Kuriose: Orpheus ist zunächst über diesen Verlust überhaupt nicht unglücklich. Problematisch wird es erst, als die „Öffentliche Meinung“ einschreitet und von ihm verlangt, seine Frau zurückzufordern.

„Krone“: Was hat Sie beide an der Geschichte von Orpheus und Eurydike gereizt, dass Sie ausgerechnet dieses Stück für das Uhudler Landestheater ausgewählt haben?
Martin Weinek: 
Es gibt da diesen tollen Satz aus dem Munde der Eurydike, der lautet: „Ist die Ehe ein Hindernis für die Liebe oder die Liebe ein Hindernis für die Ehe?“ Diese Frage stellt sich wohl jeder, der schon länger verheiratet ist. Ich halte nichts von vorgespielten Ehen, wo Paare einem weismachen wollen, das auch nach 40 Jahren alles eitle Wonne ist. Das ist Schwachsinn! Nach so langer Zeit gleicht eine Beziehung eher einem Kampf. 
Eva Weinek: Und genau das ist der Ausgangspunkt unseres sozial-kritischen Stücks, das wir mit viel Komik in die Götterwelt erhoben haben, um zu zeigen, dass Orpheus, Eurydike, Jupiter, Juno oder auch Pluto, der alte Verführer in Sachen Liebe und Treue um keinen Deut besser sind als wir Sterblichen.

Hilft Ihnen auch privat ein gewisser Humor, mit den Schattenseiten der Ehe besser zurande zu kommen?
Martin Weinek: Auf jeden Fall! Wir sind seit 26 Jahren verheiratet. Da hat man schon zwei-, dreimal gestritten. Unsere Devise lautet: Solange man noch gemeinsam lachen kann, ist alles gut. Wichtig ist auch, dass man bei Konflikten immer wieder einen Schritt zurückgeht, Vorstellungen und Erwartungen über Bord wirft und mehr Toleranz walten lässt – mit dem Partner und auch mit sich selbst. Der Grund einer Beziehung sind ja Zuneigung und Liebe.

Weinek schlüpft in die Rolle des Göttervaters „Jupiter“, der ständig fremdgehen will.
Weinek schlüpft in die Rolle des Göttervaters „Jupiter“, der ständig fremdgehen will.(Bild: Teresa Renner)

Die ursprüngliche Operette ist fast 170 Jahre alt. Was mussten Sie „entstauben“, damit die Geschichte für das Publikum von heute funktioniert?
Eva Weinek: Bei der Wiener Uraufführung der Bearbeitung von Jacques Offenbachs „Orpheus in der Unterwelt“ im Jahr 1860 spielte Johann Nestroy die Rolle des Göttervater „Jupiter“ mit viel Wortwitz und Biss. Auch unsere Version ist spitzzüngig. Es gibt die irdische Welt, die unterirdische Welt und den Olymp. Und überall menschelt’s! Damit das Stück noch komödiantischer wirkt, haben wir die klassische Operettenmusik durch moderne Songs und Schlager ersetzt. Es beginnt mit Nana Mouskouris Hit „Weiße Rosen aus Athen“ und geht weiter mit Costa Cordalis Schnulze „Es stieg ein Engel vom Olymp“. Herrlich!

Orpheus ist in Ihrem Stück kein strahlender Held, sondern ein ziemlich unsympathischer Ehemann. Wie viel Provokation steckt bewusst in dieser Figur?
Martin Weinek: Wir karikieren einen bestimmten Männertyp, die im chauvinistischen Österreich leider nach wie vor vorherrschend ist. Wenn ich Machos höre, würde ich am liebsten brüllen: „Reißt euch bitte zusammen und zeigt mehr Respekt euren Frauen gegenüber.“ Ich frage mich, auf was hinauf sich viele Mannsbilder überhaupt etwas einbilden. Glauben die ernsthaft, dass sie grob sprechen dürfen, nur weil sie ein Zumpferl haben? Deshalb ist man als Mann noch kein Held. Solche Exemplare dürfen sich wirklich nicht wundern, wenn ihre Frauen unglücklich werden und sich schleichen.

Eurydike beschließt, ihr Leben selbst in die Hand zu nehmen.
Eurydike beschließt, ihr Leben selbst in die Hand zu nehmen.(Bild: Teresa Renner)

Im Stück geht es auch stark um Besitzansprüche innerhalb einer Ehe und die Frage „Wem gehört ein Mensch“?
Martin Weinek: Sehr richtig. Eurydike bleibt Orpheus auf ewig versagt. Doch auch Pluto freut sich zu früh, wenn er meint: „Jetzt ist alles super! Sie gehört mit und bleibt bei mir in der Unterwelt.“ Und auch Jupiter, der aus ihr eine Uhudler-Göttin machen will, schaut durch die Finger. Zwar wird Eurydike zunächst von den anderen Figuren herumgereicht, doch dann entwickelt sie eine eigene Stimme und sagt: „Ihr könnt mich alle kreuzweise. Ich mache mir jetzt ein Tinder-Konto und mache überhaupt das, was ich will.“ 
Eva Weinek: Auch Juno geht’s nicht anders: Sie keift andauernd Jupiter an, der ständig fremdgehen will, und ist frustriert. Sie denkt: „So ein Leben interessiert mich nicht. Was brauche ich den Alten überhaupt?“ Gleichzeitig kann sie aus ihrer Haut nicht heraus. Macht, Freiheit, Unabhängigkeit und das Aufräumen mit alten Rollenbildern – das sind also die zentralen Gedanken dieser Inszenierung.

Eine spezielle Rolle übernimmt Martin Bermoser als „Öffentliche Meinung“.
Eine spezielle Rolle übernimmt Martin Bermoser als „Öffentliche Meinung“.(Bild: Teresa Renner)
Weinek ist auch Winzer und betreibt einen Buschenschank.
Weinek ist auch Winzer und betreibt einen Buschenschank.(Bild: Christian Schulter)

Und welche Rolle spielt die „Öffentliche Meinung“, die Martin Bermoser verkörpert? 
Martin Weinek: Die Figur „neue öffentliche Meinung“ steht quasi für den Chor bei den griechischen Dramen, der kommentiert, beeinflusst und die Handlung vorantreibt. Dargestellt wird sie in Gestalt einer schrillen Schreckschraube, in einem wirklich lustigen Kostüm. Egal, ob das Publikum einen Ohrwurm, einen Lacher oder den Denkanstoß mitnehmen, die eigene Beziehung zu reflektieren: Vorbeischauen zahlt sich auf jeden Fall aus. Bei den beiden Matinee-Vorstellungen wartet auch regionale Kulinarik.

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