Susanne Wiesinger:

Wenn wir so weitermachen, „schaffen wir es nicht“

Österreich
23.08.2026 12:59

Mit dem Buch „Kulturkampf im Klassenzimmer“ sorgte Susanne Wiesinger 2018 für Aufsehen. Jetzt gibt es ihr Nachfolgewerk „Gebt unseren Kindern eine Chance!“, „weil ich die Kids mag!“

Kleinkinder, die Bauklötze wie Smartphones bedienen, Mädchen und Buben, die nichts mit Puppentheater anfangen können, Sprösslinge, die Stofftiere nur zum Kämpfen verwenden, und Schüler, die kaum ein Wort Deutsch können: „Dass ich noch ein Buch schreiben muss, war mir schnell klar“, sagt die Lehrerin, Autorin und „Krone“-Kolumnistin.

Seit „Kulturkampf im Klassenzimmer“, erschienen 2018, haben sich „die Probleme in einer Weise potenziert, wie ich es mir selbst nicht erwartet hätte“, seufzt die Volksschullehrerin einer Wiener Brennpunktschule mit rund 250 Schülern – nur acht davon ohne Migrationshintergrund. Die Dramaturgie ihres Buches ist quasi eine Chronologie der Verschärfung: Zuerst die Corona-Pandemie, ab 2022 dann der große Familiennachzug – Väter, vor Jahren aus Syrien und Afghanistan geflüchtet, holten ihre Familien nach; dazu türkischstämmige Kinder aus Bulgarien, die die bulgarische Staatsbürgerschaft haben, aber kaum Bulgarisch sprechen und zur türkischen Minderheit gehören; Sprachverlust, steigender Einfluss von Social Media und Fake News; importierter Antisemitismus samt wachsender Gewaltbereitschaft in den Klassen.

Susanne Wiesinger mit „Krone“-Journalistin Silvia Schober
Susanne Wiesinger mit „Krone“-Journalistin Silvia Schober(Bild: Mario Urbantschitsch)

Dazu kommen versagende Hilfssysteme und Personalnotstand. Auf ein erleichterndes, lösungsorientiertes Kapitel muss man also länger warten – aber zumindest kommt es. Noch.

„Unser Schulsystem ist zu einem Zwei- bis Dreiklassensystem geworden“, sagt Wiesinger. „Unterm Strich: Jene Eltern, die es sich leisten können, werden schon noch eine Nische für ihre Kinder finden. Es wird immer schwieriger und teurer werden, aber sie werden es sich richten. Doch was ist mit all den anderen? Das sind genauso unsere Kinder – jene, die diese Gesellschaft mitgestalten werden. Deswegen ist es mir wichtig, noch einmal einen Anstoß zu geben.“

Sind wir quasi am Ende?
„Wenn man nur von Wahl zu Wahl denkt, werden wir es nicht schaffen“, so Wiesinger, „doch wenn man eine Reform des Bildungssystems ernsthaft, über eine Legislaturperiode hinausgehend, anpackt, kann man noch etwas verbessern bzw. verhindern.“ Denn: „Unsere Kinder sind nicht weniger wissbegierig als früher – oder dumm“, sagt sie. „Es geht in den ersten zwei Volksschulklassen auch nicht darum, ob ein Artikel richtig gesetzt, die Zeit korrekt verwendet wird oder man ,geschlaft‘ statt ,geschlafen‘ sagt. Es geht vielmehr um Grundlagen: Es geht darum, dass man nicht kommunizieren kann. Wie soll man Lehrstoff vermitteln, wenn die Kinder nichts verstehen? Sie müssen so weit fit gemacht werden, dass sie dem Unterricht ab der ersten Klasse folgen können.“

Dabei ist die Vermittlung des Lehrstoffs in der Praxis oft gar nicht Hauptthema. Mit der wachsenden „religiös-kulturellen Kluft“ verstünden sich nicht einmal Kinder gleicher Sprache: Etwa 70 Prozent ihrer täglichen Arbeit bestehe aus Deeskalieren. „Oft gehen die ersten Konflikte noch vor der ersten Stunde los“, berichtet Wiesinger, „und die werden mit den Fäusten ausgetragen.“ Das gilt für Buben und Mädchen: „Sie haben nie gelernt, miteinander zu sprechen und Meinungsverschiedenheiten auszudiskutieren.“

Wenn man systemisch etwas verändern will, müsse man beim Kindergarten ansetzen – und sich entsprechend um gute Arbeitsbedingungen für Elementarpädagogen bemühen.

Zitat Icon

Es muss jetzt etwas passieren. Sonst werden wir innerhalb unserer Gesellschaft eine massive Destabilisierung erleben.

Susanne Wiesinger

Doch nicht nur hier ist gut ausgebildetes Personal Mangelware: Auch in Schulen seien etwa Studierende als vollwertige Lehrkräfte eingebunden. Wiesinger kritisiert: „So brennen zukünftige Lehrer schon während des Studiums aus.“ Dass das Ganze öffentlich kaum Thema ist, läge auch daran, dass „die meisten Eltern gar nicht wissen, wer ihre Kinder unterrichtet“.

Apropos: Eltern müssten stärker in die Pflicht genommen werden, eventuell im Kontext mit Sozialleistungen. Im Buch schreibt Wiesinger, wie kompliziert die Kommunikation mit Eltern geworden ist.

Buchtipp
„Gebt unseren Kindern eine Chance!“

Susanne Wiesingers Buch „Gebt unseren Kindern eine Chance!“ ist jetzt im Ecowing- Verlag erschienen und in Buchform (25 Euro) bzw. als E-Book (19,99 Euro) erhältlich.

(Bild: Mario Urbantschitsch)

Das beginnt bei den sprachlichen Barrieren, reicht über kulturelle Hindernisse – Vater im Elterngespräch: „Ah, nicht schlagen?“ Wiesinger: „Nein, nicht schlagen!“ – bis dahin, dass den Kids schlicht zu viel zugemutet wird, wenn Buben „der Mann im Haus“ sein müssten und Mädchen zur „zweiten Hausfrau nach der Mutter“ erzogen würden, deren schulische Leistungen zweitrangig seien.

„Es ist schade, wenn vom Umfeld des Kindes dagegengearbeitet wird à la ,Wir dürfen unsere Identität nicht verlieren‘. Man verliert ja nichts, man gewinnt dazu.“

Wie man so überhaupt noch gut arbeiten kann? „Wenn man merkt, ein bisschen was ist ja doch angekommen“, sagt Wiesinger, „wenn man spürt, dass Eltern nachdenken, ob es noch einen anderen Weg gibt als den einzementierten.“ Und wie viele solcher Erfolgsmomente gibt es? „Nun ja: immer weniger.“

„Ich mag die Kinder! Deshalb kann mir das alles auch nicht egal sein“, sagt die ...
„Ich mag die Kinder! Deshalb kann mir das alles auch nicht egal sein“, sagt die „Krone“-Kolumnistin.(Bild: Christian Schwier)

„Massive Destabilisierung“ befürchtet
Das sei seit Jahren ihr beruflicher Alltag: „Ich bin mir bewusst, dass ich einen Einblick habe, den andere nicht haben. Ich sehe, wie sich à la longue unsere Gesellschaft verändern wird. Und ich sehe die Probleme, die das mit sich bringt.“

Konkret heißt das was? „Ich bin diejenige, die laut und durchaus auch wütend darauf aufmerksam macht, dass etwas passieren muss. Und zwar jetzt, sonst werden wir innerhalb unserer Gesellschaft eine massive Destabilisierung erleben.“

Nun muss man sagen: Bis zur Pension hat Wiesinger nicht mehr allzu lange und allein ihr Buch wird nicht ganz Österreich verändern – es könnte ihr also alles schlichtweg egal sein. Ist es aber nicht: „Schule ist ein großer Teil meines Lebens. Und ich mag die Kinder! Deshalb kann mir das alles auch nicht egal sein.“

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