Schönste Wanderrouten

Wo das Wasser eine „Kirche“ schuf

Vorarlberg
15.08.2026 17:00

Oberhalb der Alplochschlucht in Dornbirn haben Naturgewalten am Ende der letzten Eiszeit das „Kirchle“ geschaffen. Diese heute trockene Klamm wirkt wie ein monumentales Bauwerk.

Schluchten üben eine besondere Faszination aus: Sie sind enge, halb verborgene Räume, in denen Wasser und Zeit ihre Spuren im Fels hinterlassen haben. Steile Wände, Schatten und ungewöhnliche Gesteinsformationen lassen erahnen, welche Kräfte hier einst am Werk waren. Manche dieser Landschaften sind heute noch von Wasser durchströmt und werden weiter geformt, andere wirken auf den ersten Blick wie monumentale Bauwerke der Natur. Zu Letzteren zählt das „Kirchle“ in Dornbirn – eine trocken gefallene Felsenschlucht, die am Ende der letzten Eiszeit durch abfließendes Schmelzwasser entstanden ist. Der Name dieses beeindruckenden Naturdenkmals erklärt sich durch dessen Form. Denn die ausgewaschene, bis zu 65 Meter lange Schlucht erinnert an ein Kirchengewölbe. Wenn einzelne Sonnenstrahlen auf die abgeschliffenen Felswände treffen und ein Spiel aus Licht und Schatten entsteht, dann verleiht es diesem Naturraum eine fast sakrale Atmosphäre.

Tipps und Infos

Typ: klassische Schluchtenwanderung
Dauer: knapp drei Stunden
Ausgangspunkt: Parkplatz Gütle, Dornbirn
Aufstieg: rund 450 Höhenmeter
Anforderung: gute Grundkondition, Schwindelfreiheit ist von Vorteil
Ausrüstung: Wanderschuhe mit guter Profilsohle, dem Wetter angepasste Kleidung, Getränk Einkehrmöglichkeiten: Rappenlochstadl am Anfang der Rappenlochschlucht, Gasthof „Gütle“
Öffentliche Verkehrsmittel: Buslinie 177 ab Dornbirn Bahnhof bis Gütle oder bis Alploch/Schmitte

Eine Keimzelle der Industrialisierung
Für eine besonders abwechslungsreiche Wanderung mit dem „Kirchle“ als Höhepunkt der Tour, startet man am besten im Gütle in Dornbirn. Lange Zeit war dieser Siedlungsteil am Rande des Stadtgebiets ein abgelegener Ort am Eingang zum Ebniter Tal. Erst mit der Industrialisierung im 19. Jahrhundert änderte sich das. Der Dornbirner Textilunternehmer Franz Martin Hämmerle nutze die Kraft des Wassers der Dornbirner Ach und errichtete ab 1862 dort eine Spinnerei samt Wasserkraftanlage. Damit wurde das Gütle zu einem der wichtigsten frühen Industriestandorte Dornbirns. Diese Ära ist heute weitgehend Geschichte: Die Spinnerei wurde Anfang der 1990er-Jahre stillgelegt, die historischen Gebäude werden jedoch unter anderem für touristische Zwecke genutzt. So befinden sich dort beispielsweise das Dornbirner Krippenmuseum sowie das Rolls-Royce-Museum und der Gasthof „Gütle“.

Das „Kirchle“ ist ein Beweis dafür, dass die Natur der beste Baumeister ist.
Das „Kirchle“ ist ein Beweis dafür, dass die Natur der beste Baumeister ist.(Bild: Rubina Bergauer)

Von außen unscheinbar, innen spektakulär
Vom Parkplatz sind es nur wenige Hundert Meter bis zum Eingang in die Rappenlochschlucht. Man folgt dem Weg durch die rund 500 Meter lange Klamm bis zum Staufensee, der derzeit trocken liegt. Von dort geht es weiter durch die Alplochschlucht. Diese wurde einst durch einen Gebirgsdurchbruch der Dornbirner Ach geschaffen und wird von dieser immer noch durchflossen, auch wenn die Ach aufgrund der Trockenheit aktuell wenig Wasser führt. Nach der Schlucht geht es nach „Schmitte“, wo sich auch eine Bushaltestelle befindet. Dort quert man die Straße und steigt danach steil durch den Wald auf. Das „Kirchle“ liegt auf rund 820 Meter Seehöhe und wirkt von außen zunächst wie eine unscheinbare Felsformation. Durch einen Spalt geht es ins Innere, eine schmale Holztreppe führt auf den Grund der trockenen Klamm.

Hirschzungenfarn

Wo es schattig, kühl und feucht ist, fühlt sich der Hirschzungenfarn wohl. Anders als viele heimische Farne besitzt diese Art keine fein gefiederten Wedel, sondern auffallend breite, ganzrandige Blätter. Sie erinnern in ihrer Form tatsächlich an eine Zunge und haben dem Farn seinen ungewöhnlichen Namen eingebracht. Die immergrüne Pflanze bevorzugt kalkreiche, feuchte Böden und wächst häufig in Schluchten, an schattigen Felswänden und in feuchten Wäldern. Dort kann sie sich auch direkt auf Felsen oder in Mauerspalten ansiedeln. Besonders charakteristisch sind die glänzend dunkelgrünen Blätter, die in dichten Büscheln aus einem kurzen, kräftigen Wurzelstock wachsen. Während andere Farne ihre Blätter im Winter einziehen, bleibt die Hirschzunge grün. Auf der Unterseite der Blätter sitzen längliche, schmale Sporenlager, die in ihrer Anordnung an Fischgräten erinnern. Über diese Sporen vermehrt sich die Pflanze. Der Hirschzungenfarn wächst langsam und ist auf geeignete, dauerhaft feuchte Standorte angewiesen – in den vielen kühlen und geschützten Felsschluchten Vorarlbergs herrschen also für die Pflanze perfekte Bedingungen. 

Der Hirschzungenfarn wächst langsam und ist auf geeignete, dauerhaft feuchte Standorte ...
Der Hirschzungenfarn wächst langsam und ist auf geeignete, dauerhaft feuchte Standorte angewiesen.(Bild: Rubina Bergauer)

Deren Felswände erscheinen wie von Riesenhand geschaffen – und wer sie genau betrachtet, erkennt noch die Spuren des einstmaligen Wasserdurchflusses. Weniger natürlich sind allerdings die Hinterlassenschaften mancher Besucher: In die Felsen geritzte Initialen zeugen davon, dass nicht alle die Besonderheit dieses Ortes zu schätzen wissen. Gerade weil das „Kirchle“ ein einzigartiger Naturraum ist, sollte dieser bestmöglich erhalten bleiben. Dazu gehört, auf jegliche Beschädigung zu verzichten und auch den eigenen Müll wieder mitzunehmen. Nach einer kurzen Rast geht es entweder über dieselbe Strecke zurück ins Gütle oder man nimmt ab „Schmitte“ den Bus retour.

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