Vor zwei Jahren bescherte uns Charli XCX den Gören-Sommer und grub mit ihrem „Brat“-Hype sogar Taylor Swift das Wasser ab. Nach kreativen Tiefschlägen und Ausflügen in die Filmwelt verbindet „Music, Fashion, Film“, das neue Album, nun gleich alle Leidenschaften der Britin. Sie will viel, aber nicht alles mag dabei gelingen.
Jeder Sommer hat seinen Soundtrack – den für 2026 suchen wir zugegebenermaßen noch, aber man kann sich noch gut an den Electro-Hyperpop-Hype von 2024 erinnern. Die Britin Charli XCX, schon damals alles andere als eine emporsteigende Newcomerin, inszenierte sich mit ihrem Album „Brat“ als ebenjene (zu Deutsch: Göre), eroberte die Tanzflächen von Sacramento bis nach Nowosibirsk und machte aus der Hoffnungsfarbe Grün die Trendfarbe Grün. Da passt es gut ins Bild, dass sie laut eigenem Bekunden seit ihrer Geburt eine Ton-Farbe-Synästhesie besitzt, wodurch sie verschiedene Töne durch Farben wahrnimmt. Charli hatte dabei nicht nur immensen Erfolg und prägte mit dem Album die gesamte Internetwelt, es ging sich sogar ein öffentlichkeitswirksamer Beef mit „Everybody’s Darling“ Taylor Swift aus.
Aus dem Tief gekrochen
Dabei sind sich die beiden ähnlicher, als man vermuten mag. Alle propagieren eine gewisse Nahbarkeit für ihre Fans, wobei Taylor Swift spätestens bei ihrer schlagzeilenträchtigen Hochzeit vor wenigen Wochen gezeigt hat, dass sie selbst in einem bevölkerungsstarken Schmelztiegel wie New York jegliche Form von Ton- oder Bildaufnahme nach außen mit einem Fingerschnippen verhindern kann, wenn sie Lust dazu hat. Während sich Swift im privaten Glück suhlte und wegen Terrorplänen nicht in Wien auftreten konnte, fiel Charli XCX nach dem großen Hype in ein kellertiefes Loch. Kreativität und Motivation waren nicht mehr vorhanden. Sie fühlte sich leer und ausgepresst, verlor die Lust am Livespielen und am Songbasteln. Erst die eher zufällig dahergekommene Arbeit am Soundtrack zum Film „Wuthering Heights“ inspirierte sie wieder. Der Ausflug in eine längst vergangene Welt voller mystischer Dunkelheit und Gothic-Chic war eine bewusste Abkehr vom gleißenden „Brat-Summer“.
Danach folgte ein Ausflug in die Filmwelt mit der selbstreferenziellen Mockumentary „The Moment“, in der Charli XCX sich weiter von der eigenen Vergangenheit freistrampelte und in gewisser Weise auch die letzten Hautreste ablegte, die noch leicht grünlich schimmerten. Schauspielerei statt Gesang und Konzertbühne? Selbst das wurde kurz angedacht in einer länger währenden Phase des in-sich-Gehens und der eigenen Lebensbeschau, die sehr viele Unklarheiten an den Tag legten. Was Charli der Außenwelt verschwieg, war, dass sie im Hintergrund längst wieder an neuer Musik arbeitete und dafür zumindest vorerst die Welt der Farben verlassen würde. Am 15. April gab es ein erstes schwarzweißes Foto mit ihr selbst, Kopfhörern und dem hoffnungsspendenden Zusatz „I love making things“. Wenige Wochen später dann das böse Erwachen in Form von „Rock Music“. Die erste Single-Auskoppelung des neuen Albums ist wieder Fisch, noch Fleisch und ein ärgerliches Stück Nonsens. Gitarren koppeln sich mit einer Pop-Ausrichtung und Autotune im Gesang, dazu ein plakativer Songtext über die Vorzüge der Rockmusik, der auch einem Sechsjährigen nach den ersten zwei Monaten in der Volksschule aus dem Faber-Castell-Stift rutschen könnte.
Kein Bad Girl, aber lasziv
Von Rockmusik per se, wie viele anhand der düsteren Ästhetik und der ersten Single angenommen hatten, ist das Album „Music, Fashion, Film“ erwartungsgemäß weit entfernt. Charli XCX ist als „Cool Kid“ der Generation Internet längst nicht mehr auf alteingesessene Genres gezurrt, sondern versteht Musik viel mehr als ein Amalgam aus unterschiedlichsten Kategorien, die man sich zusammensucht und schlussendlich zusammenbastelt, um daraus ein Klanggebräu zu bekommen, das sich seine eigene Nische kerbt und darin einen gemütlichen Platz zum Verweilen sucht. Die zweite Single „SS26“ vermischte Rockmusik mit elektronischen Elementen und offensichtlich Dance-Elementen, „Wink Wink“ ist hingegen ein relativ astreiner Synthesizer-Popsong mit einem Spoken-Word-Beginn, in dem sich Charli von ihrer „Bad Girl“-Phase distanziert – freiwillig so augenzwinkernd es ihr möglich ist, weil sie sich im Video dazu besonders lasziv und sexy in Szene setzt.
Die Botschaft dahinter: Welche Ära man auch immer von ihr präferiert - Charli XCX höchstselbst und allein entscheidet, wohin die Reise geht und was bzw. wie viel man von ihr hört, sieht oder bemerkt. In gewisser Weist ist „Music, Fashion, Film“ dahingehend auch ein astreines Ermächtigungsalbum, weil sich die 33-Jährige auf ihrem siebenten Werk gegen alle Erwartungen und Einschätzungen stellt und sich dabei auch nicht von – zuweilen berechtigter – Kritik an ihren neuen Songs aus dem Tritt bringen lässt. Wie bei allen Großproduktionen in der Gegenwart wird das Album von der Plattenfirma gehütet wie der Heilige Gral, doch die Ausrichtung der halbstündigen Eruption lässt sich auch aus den Singles ableiten. Es ist eine Mischung aus emporgestrecktem Mittelfinger, der Suche nach Ausrichtung, die wirklich zur Persönlichkeit passt und dem unabwendbaren Versuch, derartig experimentelle Gedanken mit möglichst eingängigen Rhythmen zu verknüpfen, damit künstlerischer Anspruch und kommerzieller Erfolg sich nicht von vornherein aus dem Weg beißen.
Eine Hommage ohne Farbkleckse
In einer Welt des ständigen Alarmismus gab es auch bei der Wahl des Cover-Motivs so viel Aufregung wie seit der letzten Scheibe von Sabrina Carpenter nicht mehr. In einer Art Arbeiterküche stieren uns Velvet Underground-Legende John Cale, Designer Marc Jacobs und Kultregisseur Martin Scorsese an. Der Spaß ist woanders daheim und wie in drei Teufels Namen kann die junge Dancefloor-Feministin denn bitte so viel düstere Maskulinität in den Orbit schießen? Im Endeffekt ist der Albumtitel ein Selbstporträt all ihrer wichtigen Interessen und das Cover-Artwork schlichtweg eine Hommage an inspirierende und kundige Personen, die sie geprägt und wohl auch unterbewusst geleitet haben. Für alle anderen wiederum die wichtige Mahnung, dass nicht jeder angetäuschte Fliegenschiss automatisch so wichtig wie der Beginn eines Dritten Weltkriegs ist. Natürlich hat der Rock den Dancefloor abgelöst, aber da hat es sich zuletzt ohnehin Madonna breitgemacht. „Music, Fashion, Film“ ist bei weitem kein Meisterwerk, aber ein Album, das auf skurrile Art und Weise Zugänglichkeit verwickelt.“ Für den großen Sommerhit sind heuer andere verantwortlich, dass Charli sich statt einer logischen Wiederholungstat aber so strikt noch einmal neu erfindet, verdient per se schon höchsten Respekt. Lieber medioker erfunden als gut gestohlen - auch eine Taktik.
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