Tour durch Österreich

„Tubular Bells“: Mike Oldfields Sound live bei uns

Musik
12.09.2026 05:00

Mike Oldfield, einer der wegweisenden und einflussreichsten Musiker aller Zeiten, schuf seine visionäre „Tubular Bells“-Reihe, die sich über drei Alben und 27 Jahre erstreckt: „Tubular Bells“, 1971 entstanden und 1973 veröffentlicht, war das erste Studioalbum von Mike Oldfield. Er war gerade 17 Jahre alt, als er mit dem Komponieren der Musik begann, und spielte fast alle Instrumente auf dem Album im Alleingang ein. Oldfield ging 2023 in Pension – seine Musik nicht. Angeführt von Komponist, Freund und Arrangeur Robin A. Smith werden die Kultsongs auf die Bühne gebracht. Dieser Tage auch in Österreich.

kmm

„Krone“: Robin, mit dem Vermächtnis von Mike Oldfields großen Kompositionen bist du nun schon eine Weile unterwegs …
Robin A. Smith:
 Aber wir sind damit noch lange nicht am Ende! Die Premiere war im August 2021 in der Royal Festival Hall in London und seit 2023 sind wir permanent auf Tour. Europa ist jetzt das dritte Mal dran, wir waren auch schon in Australien. Es gibt immer wieder Veränderungen und Adaptierungen, sodass alles frisch und spannend bleibt.

„Tubular Bells“ ist in der Rock-Alben-Historie ein großer Name, den man weltweit kennt. Macht es da einen Unterschied, ob ihr damit in Europa, Australien oder den USA auf die Bühne geht?
Es ist eigentlich spannend zu sehen, dass der Zugang zu „Tubular Bells“ in unterschiedlichen Ländern ganz unterschiedlich ausfällt. In Australien kennen sie Mike Oldfields Musik anders. Sie kommen für „Moonlight Shadow“, kriegen von uns dann aber „Tubular Bells“. In Amerika ist es noch einmal anders, denn dort wissen die Leute nicht einmal, was „Moonlight Shadow“ oder „Tubular Bells“ eigentlich ist. Wenn sie aber den Horrorfilm „Der Exorzist“ sehen, dessen Anfangs-Soundtrack ja von „Tubular Bells“ ist, verstehen sie sofort wieder, wer da ist. Ich habe gelernt, dass die Hörerfahrungen von Menschen sehr speziell und unterschiedlich sind. Es gibt nicht viele Hard-Rock-Symphonien, die sich, wie unsere, über 50 Minuten erstrecken. Wer auf so eine Reise geht, der braucht Geduld und Aufmerksamkeit.

Es ist unvorstellbar, dass Mike Oldfield noch ein Teenager war, als er diese Symphonien komponierte. Wie kann man mit 18 oder 20 solche Alben schreiben?
Großartig, ja! Es war aber auch eine gute Zeit für Kreativität, weil um 1973 herum in Großbritannien der Prog-Rock seine absolute Hochphase hatte und alle Bands unglaublich gut waren. Dann gab es auch Experimentelleres wie von Tangerine Dream, die Mike auch sehr mochte. Es gab keine Grenzen und alle haben sich ausprobiert. Mit dieser kreativen Energie und seiner jugendlichen Frische im Rücken hat Mike „Tubular Bells“ geschrieben.

Wann bist du mit diesem Sound das erste Mal in Berührung gekommen und was hat dir das Album persönlich bedeutet?
Als ich „Tubular Bells“ das erste Mal hörte, war ich ein junger Musiker. Ich wurde klassisch am Klavier ausgebildet und war von der Wucht dieses Sounds wie erschlagen. Mir war schon klar, wer Deep Purple und solche Bands waren, aber mit Mikes Material wurden mir neue Sichtweisen eröffnet. Es gibt keinen Zweifel daran, dass „Tubular Bells“ der Beginn einer neuen Ära von moderner klassischer Musik war. Die Einflüsse gehen zurück bis zu Steve Reich. Der Sound klang nicht wie Black Sabbath. Es war ganz neu. So ein bisschen Rock mit Einflüssen von Reich, Teddy Riley und Philip Glass. Rock, Folk, Progressive und Experimentelles hatten plötzlich einen gemeinsamen Raum. Für mich als junger Musiker war das Entdecken dieser Musik ein Traum.

Sind auf den „Tubular Bells“-Kompositionen so viele Finten und Feinheiten, dass man noch heute Dinge entdeckt, mit denen man nicht rechnen würde?
Mit Sicherheit! Damals gab es ja auch noch keine Computer dafür. Mike war ein junger Mann mit Ehrgeiz, Talent und Energie, der eine Aufnahmemaschine und mit einer Handvoll Studiotechniker zusammenarbeitete. Mehr war da nicht. Wenn er also eine Gitarrenspur hatte und 24 Minuten später draufkam, dass diese Gitarrenspur erneut gut passen würde, hat er sie eingespielt. Damals konntest du aber noch nicht zurückgehen und alles analysieren und schichten so wie heute. Du musstest eine musikalische Vision und ein Verständnis dafür haben. Mike Oldfield hat das Außergewöhnliche gesehen. Man findet immer Neues.

Ist es schwierig, das Vermächtnis eines so großen Musikers adäquat weiterzutragen und auf die Bühnen zu bringen?
Ich bin leicht zu handlen, deshalb geht es wohl auch leicht. (lacht) Mike und ich, wir haben beide keine großen Egos. Wir lieben es, Musik zu erschaffen und kreativ zu sein. Als wir damit begannen, gemeinsam an „Tubular Bells“ und den Nachfolgern zu arbeiten, haben sich zufällig zwei Geisteshaltungen getroffen, die in dieselbe Richtung streben. Wir hatten stets dasselbe Ziel, aber unterschiedliche Positionen, die dorthin führen. Es war nie ein Müssen, sondern immer ein Wollen, ein angenehmer Prozess. Vor allem bei den orchestralen Arrangements. Ich wollte schon immer mit vielen Orchestern arbeiten. Dann waren wir in den Studios in der Abbey Road, haben herumprobiert und alles ging genauso, wie wir es wollten.

Habt ihr das Unmögliche möglich gemacht?
Mikes Album „The Millennium Bell“ aus 1999 war auch ein visuelles Spektakel und wir mussten für „Tubular Bells“ Klänge, Energien und Visuelles erschaffen, das ebenso anziehend und spektakulär sein würden. Das Erschaffen der Show war ein grandioser Prozess.

Du hast in deinem Leben schon mit vielen großen Musikern und Komponisten gearbeitet. Inwiefern hat sich die Arbeit mit Mike Oldfield davon unterschieden?
Bei Mike respektiert man seine musikalischen Fähigkeiten, seine Visionen, aber vor allem auch ihn selbst. Er ist jemand, der nicht gerne im Rampenlicht steht. Der viel Privatsphäre braucht und sich gerne zurückzieht. Auch das hat man zu respektieren. Er ist kein Musiker, der sich zu Dingen drängen lässt. Die meisten Musiker geben direktes Feedback oder haben klare Vorlagen – so kann man mit Mike nicht arbeiten. Wenn er den Daumen nach oben streckt, dann hast du alles richtig gemacht. Das ist das Zeichen, das alles in Ordnung ist.

Mike Oldfield hat vor allem etwas gemacht, was so gut wie niemand macht: Er ist als Profi-Musiker tatsächlich in Pension gegangen und auch dort geblieben.
Er ist ganz anders als jeder durchschnittliche Rockstar. Einerseits in seinen Visionen und Vorstellungen, andererseits in der Art, wie er lebt. Was die Leute oft vergessen ist, dass er schon 2003 mit „Tubular Bells 2003“ aufhören und in Pension gehen wollte. 20 Jahre, bevor er es wirklich gemacht hat. Aber an diesem Punkt hat er gesehen, dass noch was in ihm ist, das raus muss. Er wollte Dinge erschaffen, aber nicht live spielen. Die Bühne war nie sein Freund. Wenn du jemand wie Mike Oldfield bist, dann fühlst du dich auf der Bühne wie unterm Licht eines Mikroskops. Alle erwarten Großes von dir. Du sollst immer funktionieren, perfekt sein. Ein unglaublicher Druck. Mit dem Alter hat er immer mehr bemerkt, dass seine wahren Stärken im Erschaffen von Musik liegen. Er hat uns diese tolle Musik hinterlassen und ich darf sie auf die Bühne bringen. Er hat aber keine Lust mehr darauf.

Hat er aktiv an der Planung dieses Projekts teilgenommen?
Die Grundidee kommt von ihm und man merkt bei seinen Werken, von „Tubular Bells“ über „Voyager“ bis hin zur „Millennium Bell“, wie sich seine Musik und die Techniken in einem eigenen Kosmos entwickelt haben. Natürlich hat er später auf Samples, Digitales und Synthesizer zurückgreifen können. Alles Dinge, die 1973 noch kein Thema waren, weil alles organisch verlief. Wenn du heute in einer Bar sitzt und zufällig „Tubular Bells“ hörst, ist das noch immer großartige Musik. Deshalb wollte ich diese Musik zelebrieren und auf die Bühnen bringen. In diesen Kompositionen stecken mitunter die schönsten Melodien der Welt, die virtuosesten Gitarrenspuren und magische Sektionen. Mit den technischen Möglichkeiten von heute war es mir möglich, daraus ein neues Universum zu erschaffen. Ich habe jede Note, die Mike darauf gespielt hat, kopiert. Aber ich habe sie nicht mit der Gitarre nachgespielt, sondern andere Wege gesucht. Es ist doch schön zu sehen, wie dieses grandiose, klassische Material sich nach mehr als 50 Jahren formen kann. Die Menschen werden für knapp zwei Stunden in eine ganz andere Welt getragen und genau das ist der Anspruch, den wir haben.

Waren die 70er-Jahre allgemein eine Zeit, in der sich musikalisch alle ständig gegenseitig befruchtet haben. Allein in Großbritannien gab es so viel Bahnbrechendes, das würde man heute gar nicht für möglich halten. 
Unglaublich, welche Musiker damals in der Blüte ihrer Kreativität standen. Was in Großbritannien damals passiert, war magisch. Das kann man nicht anders beschreiben. Heute predigen immer alle, der Rock’n’Roll wäre tot. Das ist doch Blödsinn. Wenn sie uns nicht im Formatradio spielen, soll es so sein. Auch gut. Dann haben wir mehr Freiheiten, uns kompositorisch auszutoben. Das zu machen, was wir wollen. Egal, ob Rock oder Disco. Eine fantastische Zeit, die keine Grenzen kannte.

„Tubular Bells“ gehört natürlich zu den zeitlosen Klassikern im Kanon der großen Rockalben. Was macht solche Klassiker denn aus?
Zeitlose Klassiker sind Stücke, die einem eine Gänsehaut bescheren und die man sofort wiedererkennt. Mozart oder die 40. Symphonie von Beethoven. „Mozart’s Requiem“ gibt dir Freude, Musikalität und emotionale Integrität – alles das verspürst du dabei. Mein großer Traum ist, dass „Tubular Bells“ irgendwann einmal diesen Wert haben wird. Dass die Leute sich denken, sie müssten zu diesem Event, damit sie das in ihrem Leben einmal erleben können.

Was waren die größten Herausforderungen dabei, dieses Projekt auf die Beine zu stellen?
Eine neuere Version dieses Klassikers zu erschaffen, war – ehrlich gesagt - kein großes Problem, weil ich eine fixe Vision im Kopf hatte. Ich wusste, wo ich was hören will, bevor wir überhaupt damit begannen. Das war sehr erleichternd. Am schwierigsten war das Ökonomische. Als wir alles ausgearbeitet und geprobt hatten, stellte sich die Frage, wie wir all das finanzieren könnten. Das ging gut, wir hatten tolle Unterstützer. Dann war die Frage, ob die Menschen da draußen diese Idee von „Tubular Bells“ annehmen würden – vor allem, weil immer klar war, dass Mike Oldfield nicht dabei wäre, sondern nur den Namen dafür hergibt. Da muss ich noch heute auf Holz klopfen, denn da wurden meine Erwartungen alle übertroffen. Aber man hört sich ja auch „Beethovens Fünfte“ an und weiß, dass er selbst nicht da sein wird. Es ist nicht anders als in der Klassik, nur dass Mike noch auf der Welt ist.

Hat er sich irgendwo mal überraschend als Gast blicken lassen?
Nein, niemals. Ich habe noch immer die E-Mail gespeichert, als ich ihm das allererste Mal von meiner Idee berichtete. Er antwortete mir, dass er sie großartig fand, ich unbedingt daran arbeiten und sie fertigstellen sollte, aber außen vor bleiben würde. Wir kriegen im Team immer wieder mal Lob oder Glückwunschbekundungen, aber er selbst ist damit durch und genießt sein Leben. Er hat viel Tolles erlebt, musste sich aber auch mit weniger Tollem auseinandersetzen. Die Kunst kann schnell zu einem schweren Mantel werden. Man verliert sich leicht in ihr. Mike lebt heute an einem Strand, hat jeden Tag Sonne und gutes Wetter. Er lebt auf den Bahamas mit Delfinen und Walen, die er tagtäglich sieht. Wer würde dieses Leben nicht auch für sich in Betracht ziehen?

Mike hat sich auch oft klar zu Themen wie dem Brexit und Donald Trump ausgesprochen und heute wird sofort alles heiß aufgekocht. Hat er sich auch deshalb stark zurückgezogen?
Ich glaube nicht, dass das damit zu tun hat. Viele der großartigsten Produzenten oder Musiker, mit denen ich schon arbeiten durfte, haben irgendwann einmal diesen Facebook-Moment gehabt, wo sie was sagen und es damit keinem recht machen. Auch ich habe oft eine andere Meinung als er. Aber man kann über alles reden und sich Dinge überlegen, vielleicht zu einem Kompromiss kommen. Das gehört zum Leben dazu.

Heute kann jede Aussage zum Bumerang werden, teilweise sogar karrieregefährdend.
Am besten ist, man hält einfach die Klappe. (lacht) Lasst manchmal die Musik einfach Musik sein. Es ist doch schön, dass wir in einer Welt voller Grausamkeiten so etwas haben wie Musik. Etwas, das uns aus dem Hamsterrad ausholt und Freude bringt. Ich habe mitverfolgt, wie viele Künstler sich schon während Wahlkämpfen zu Vollidioten gemacht haben, weil sie unbedachte Dinge sagten. Man hat nicht, nur weil man ein großartiger Sänger, Musiker oder Produzent ist automatisch die Fähigkeit, ein Politexperte zu sein. Das geht nicht alles immer unter einen Hut.

Das volle Setting, wie es sich kommende Woche an unterschiedlichen Orten in Österreich ...
Das volle Setting, wie es sich kommende Woche an unterschiedlichen Orten in Österreich präsentieren wird.(Bild: Bodo Kubatzki)

Viele Künstler, die um ihre Meinung gefragt werden, haben vielleicht gar nichts mit dem Thema zu tun. Auch das kann ein latentes Problem sein …
Wie sollen Künstler auch alles wissen? Niemand interessiert sich für alles, aber von ihnen erwartet man, dass sie immer was dazu tun. Wenn ich keine Ahnung von Eishockey habe, rede ich einfach nicht darüber. Aber viele Menschen sind sehr hochnäsig und glauben, sie wüssten alles besser. Das funktioniert nur selten gut.

Wie geht es denn mit dem „Tubular Bells“-Projekt weiter? Und was steht bei dir zukünftig sonst noch so an?
Wir sind wieder mitten in einer fantastischen Tour in Europa und genießen, dass das Feedback der Fans wirklich sehr gut ist. Viele hätten gerne, dass wir andere Alben von Oldfield so umsetzen, wie wir es mit der „Tubular Bells“-Reihe machen und das ist vielleicht sogar eine gute Idee, aber das ist natürlich alles nur Theorie. „Tubular Bells“ ist eine eigene Welt, eine Unterlage eines eigenen musikhistorischen Kapitels und vor allem nimmt dich diese Musik mit auf eine lange Reise. Wir picken uns von den drei Teilen das Beste raus und kreieren damit hoffentlich einen unvergesslichen Abend.

Da könnte in der Zukunft noch viel auf uns zukommen?
Wir haben großen Spaß, diese Konzerte zu spielen und merken, dass sie sehr gut ankommen. Das Schöne ist, dass das Publikum jünger wird, das ist alles andere als eine Selbstverständlichkeit. Anfangs kamen die Zeitzeugen und langjährigen Fans, um sich vom Projekt zu überzeugen, aber sie bringen ihre Kinder oder Enkel mit und die Musik hat sich herumgesprochen. „Tubular Bells“ hat es verdient, von möglichst allen gehört zu werden.

Du trägst die Geschichte dieser Werke nun aktiv weiter. Das ist auch eine große Verantwortung.
Vor allem verdient es Mike Oldfield, dass man sein Vermächtnis weiterträgt. Nur weil jemand ein großartiger Komponist und fantastischer kreativer Geist ist, heißt das nicht automatisch, dass er auch ein Weltklasse-Performer ist. Mike will nicht mehr reisen. Er will nicht den Druck der Bühne erleben und Instant-Kaffee in abgehalfterten Backstage-Räumen trinken. Die Leute sehen immer die Stars für zwei Stunden auf der Bühne, aber was alles drumherum passiert, das ist ungemein anstrengend und ermüdend.

Bist du mit Mike Oldfield noch in regelmäßigem Austausch?
Nicht wirklich. Er hat sich in die Musikerpension begeben und das respektiere ich auch als jener Mensch, der seine Musik weiterträgt. Ich habe viel Kontakt mit seiner Schwester Sally, sie ist wunderbar. Ich bin glücklich, wenn ich weiß, dass er sein Leben so führt, wie es ihm gefällt. Dass er es gut hat.

Wirst du da nicht langsam selbst bereit, um auf den Bahamas zu leben und Delfine und Wale zu beobachten?
(lacht) Nein, ich wäre lieber an einem Waldstück mit einem schönen kleinen Fluss. Oder ich bin an meinem traditionellen Urlaubsort an der Algarve. Die Bahamas passen zu Mike.

Live in Österreich
„The Best Of Mike Oldfields Tubular Bells I, II & III” ist dieser Tage quer durch Österreich live zu sehen. Am 15. September im Innsbrucker Congress, am 16. September im Grazer Orpheum, am 17. September im Posthof in Linz und am 18. September in der Wiener Stadthalle F. Unter www.oeticket.com gibt es alle weiteren Infos und Karten für die Events.

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