Der einstige Vorreiter der Streaming-Revolution steckt in einer Krise. Nach enttäuschenden Quartalszahlen und einem vorsichtigen Ausblick brach die Aktie am Freitag um über elf Prozent ein und steht bei nur rund 67 Dollar. Zum Vergleich: Im September 2025 notierte das Papier noch bei stolzen 124 Dollar – ein Wertverlust von fast der Hälfte innerhalb eines Jahres. Die Sorgen der Anleger sind vielfältig, und sie reichen von der harten Konkurrenz bis hin zu einem spektakulär gescheiterten Übernahmeversuch.
Die Zahlen, die Netflix Donnerstagnacht präsentierte, klingen auf den ersten Blick solide. Der Umsatz stieg im zweiten Quartal um 13,4 Prozent auf 12,56 Milliarden Dollar, der Gewinn je Aktie von 0,80 Dollar übertraf die Erwartungen der Analysten knapp. Serien wie der Thriller „I Will Find You“ und der Animationsfilm „Swapped“ fanden Millionen von Zuschauern. Doch an der Börse zählt oft die Zukunft, und hier wird es für den Streaming-Pionier düster.
Der Ausblick für das laufende dritte Quartal fiel hinter die Prognosen zurück. Netflix erwartet nur einen Umsatz von 12,86 Milliarden Dollar, während die Wall Street mit 13 Milliarden gerechnet hatte, und stellt einen Gewinn je Aktie von 0,82 Dollar in Aussicht, Analysten hatten jedoch 0,84 Dollar erwartet. Diese leichten, aber für die Anleger entscheidenden Verfehlungen der Erwartungen haben die Aktie weiter abstürzen lassen.
Ein gescheiterter Deal wiegt schwer
Ein Grund für die anhaltende Talfahrt liegt in einem spektakulären Fiasko: dem gescheiterten Übernahmeversuch von Warner Bros. Discovery. Im Herbst hatte Netflix eine Akquisition der Studio- und Streaming-Assets des Medienkonglomerats im Wert von 83 Milliarden Dollar ausgelotet, doch Paramount Skydance setzte sich im Februar schließlich unerwartet durch.
Diese Niederlage wiegt schwer, denn für Netflix ging es dabei nicht um bloßes Wachstum, sondern um den Zugriff auf wertvolles geistiges Eigentum – große Franchises wie „Harry Potter“ oder „Batman“ . Die Saga um den Deal, der politisch von US-Präsident Donald Trump und dem Oracle-Gründer Larry Ellison beeinflusst gewesen sein soll, hat den Anlegern das abgeschwächte Wachstumsnarrativ des Unternehmens vor Augen geführt.
Investoren, die den Warner-Deal als zu riskant und schwer zu finanzieren bewertet hatten, waren von der Niederlage ebenso wenig begeistert wie zuvor von der Ankündigung der Übernahme selbst. Der Vorsitzende von Bernstein Research senkte das Kursziel für Netflix denn auch von 100 auf 95 Dollar, wenngleich er die Aktie langfristig weiterhin für unterbewertet hält. Experten von JPMorgan kappten das Kursziel sogar von 118 auf 85 Dollar.
Die Konkurrenz schläft nicht
Neben diesem selbstverschuldeten Stolperer sieht sich Netflix einem gnadenlosen Wettbewerb ausgesetzt, der härter ist als je zuvor. Der Kampf geht längst nicht mehr nur gegen traditionelle Hollywood-Rivalen wie Disney oder Paramount, die im Streaming-Markt kräftig aufholen. Die eigentliche Bedrohung kommt von ganz anderer Seite: Videoplattformen wie YouTube und TikTok, die mit ihren kurzen, kostenlosen Inhalten die Aufmerksamkeit der Zuschauer erobern und den Streaming-Markt grundlegend verändern.
Laut Nielsen-Daten hält YouTube in den USA inzwischen 13,4 Prozent Marktanteil am gesamten Fernsehkonsum, während Netflix nur auf 7,8 Prozent kommt – mit sinkender Tendenz. Diese neuen Konkurrenten stellen das klassische Streaming-Modell von Netflix infrage. Umso bezeichnender ist es, dass Netflix nun selbst mit einem TikTok-ähnlichen Kurzformat-Feed auf den Trend reagieren will.
Wachstumsmodell am Ende?
Die Rekordmarke von 97 Milliarden Stunden, die Zuschauer im ersten Halbjahr weltweit auf Netflix verbrachten, verliert vor diesem Hintergrund an Strahlkraft. Denn das Engagement, gemessen an der reinen Sehdauer, wächst nur noch schleppend – das Plus von zwei Prozent im ersten Halbjahr steht einem deutlich stärker gewachsenen Gesamtmarkt gegenüber, der durch die Olympischen Winterspiele und die Fußball-Weltmeisterschaft befeuert wurde.
Netflix-CEO Ted Sarandos versucht zwar zu beschwichtigen, indem er die Bedeutung von Live-Events betont, die zwar nur einen kleinen Teil der Sehdauer ausmachten, aber überproportional neue Kunden anziehen. Auch das künftig nur noch jährlich veröffentlichte Nutzungsverhalten soll den Fokus der Anleger auf die Kernkennzahlen wie Umsatz und operativen Gewinn lenken. Gleichzeitig wird das Unternehmen aber mit der Gewohnheit seiner Zuschauer konfrontiert, die bei vielen Serien nach der ersten Staffel abspringen, was die Abhängigkeit von immer neuen Blockbustern erhöht. Angesichts dieser Herausforderungen und der Tatsache, dass die Netflix-Aktie seit fast einem Jahr kontinuierlich fällt, fragen sich selbst treue Anleger, woher der nächste große Impuls für den ehemaligen Vorreiter kommen soll.
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