Erstes Wochenende

Styriarte: Vogelgesang und ein flotter Klezmer

Steiermark
30.06.2026 09:00
Porträt von Steirerkrone
Von Steirerkrone

Nach der Eröffnung am Donnerstag ist die Styriarte in vollem Gange. Das steirische Musikfestival taucht heuer in „Lichtspiele“ ein – so das Jahresmotto. Unsere Kritiker waren am ersten Wochenende dabei.

Ach, dieser Glaube! Woraus manche tiefverwurzelt Daseinsgewissheit (und auch Jenseitsgewissheit) ziehen, schwingt bei anderen zeitlebens ein Hinterfragen mit. Brahms zählt eher zur letzteren Kategorie. So zeugt auch seine Motette „Warum ist das Licht gegeben dem Mühseligen“, mit der das Styriarte-Konzert in der Pfarrkirche Pöllau begann, bereits mit der einleitenden Fuge von einer gewissen Rast- und Ratlosigkeit.

Die ließ der von Erwin Ortner blendend vorbereitete Arnold Schönberg Chor mit Arvo Pärts „Morning Star“ sich sogleich wandeln. Kein Wölkchen trübte dieses höchst prägnante Werk, das sich ebenso in Ewiglichkeit aufzulösen scheint wie György Ligetis dem Konzert seinen Namen gebende „Lux aeterna“, das flirrend der Hitze des Sommertags Konkurrenz machte.

Zwischen den gesungenen Werken wusste zudem Organist Peter Tiefengraber zu begeistern. Seine Orgelimprovisationen waren weit mehr als bloße Lückenfüller und nahmen klug Bezug, ohne es an virtuoser Eigenständigkeit mangeln zu lassen. Vom Traditionsfunken entzündet, entfaltete sich so eine Welt, die in hellmodernem Licht erschien.

Bei all den himmelstürmenden Exerzitien tat dann ein wenig Erdung gut. Die fand sich schlussendlich in Schumanns „Vier doppelchörige Gesänge“, wo weltliche Poetik an die Stelle geistlicher Texte trat. Thematisch traf man dennoch den Kern, Goethes „Gottes ist der Orient! Gottes ist der Okzident!“ war in der kraftvollen, aber stets klaren Deklamation des Schönberg Chors ein mächtiger, den Sakralraum prall füllender Schlusspunkt.

„Zauberflöte“ in Schloss Eggenberg
„Stets lustig, heisa, hopsassa“, ist Vogelsänger Papageno in Mozarts Oper „Die Zauberflöte“. Ein Gemütszustand, den das Ensemble Zefiro bei der styriarte trotz schweißtreibender Temperaturen im Eggenberger Planetensaal auf die Musik überträgt. Die ist an diesem Nachmittag zwar „nur“ eine Umarbeitung für Bläser-Oktett. Doch gelingen den Musikern besonders die fröhlich „keppelnden“ Passagen spritzig.

„Zauberflöte“ im Plantensaal von Schloss Eggenberg
„Zauberflöte“ im Plantensaal von Schloss Eggenberg(Bild: Marianna Musacchio)

Man könnte sogar argumentieren, dass manche Bearbeitung hilft, Details der Oper besser zu verstehen: Wird der innere Monolog Taminos in „Dies Bildnis“ so herzhaft wie von Zefiro in einen Dialog der Instrumente verwandelt, hebt das etwa den Prozesscharakter der Arie – das Ringen der Gefühle – hervor. Dass den Originalklang-Instrumenten bei der Hitze stellenweise doch ein paar schiefe Quietscher entfleuchen, lässt sich so verschmerzen. Zumal es nach dem von Susanne Konstanze Weber mit einer Lesung der Handlung begleiteten Konzert noch ein Musik-Picknick im Schloss-Park gibt.

Styrian Klezmore Orchestra in der List-Halle
Von der heimischen Oper in das migrantische Amerika des 20. Jahrhunderts begibt sich tags darauf Moritz Weiß mit seinem Styrian Klezmore Orchestra. Mit Sängerin Clara Montocchio spielt das achtköpfige Ensemble in der Grazer List-Halle Klezmer-Stücke von aus Osteuropa nach Amerika ausgewanderten Juden. Weiß’ intensive Beschäftigung mit dem historischen Stoff offenbart eine Musik zwischen den Stühlen und Kulturen, der man hier live beim Werden zuhören kann. „Ikh Hob Dikh Tsufil Lib“ von Alexander Olshanetsky beginnt etwa als klassische Klezmerweise mit säuselnder Klarinette und Geige – um dann von Montocchio stimmlich zum Dahinschmelzen in ein Jazz-Arrangement der Barry Sisters gehoben zu werden. Das ist „kulturelle Aneignung“ hautnah!

Das vor allem gegen Ende auch spielerisch leichtfüßige Umschalten zwischen der Sehnsucht nach dem Alten („My Yiddishe Momme“) und dem Durchbruch des Neuen („NY Psycho Freylekhs“) wird so zur interkulturellen Erfahrung – ein „Schmelztiegel“ des lebendigen jüdischen Lebens.

Felix Jurecek und Roland Schwarz, Kronen Zeitung

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