Fußball ist in Bosnien-Herzegowina mehr als ein Spiel: Das Heimatland von Trainer-Ikone Ivica Osim ist inmitten der Interessen von Serbien, Kroatien und der bosnischen Muslims ein Spielball nationalistischer Spannungen. Das erste WM-Spiel gegen Gastgeber Kanda kann diese klaffenden Wunden nicht heilen.
„Das ist eine Frechheit vom ÖFB, kein Fairplay. So etwas macht man nicht. Wir haben die FIFA und die UEFA informiert“, tobte Sergej Barbarez am 18. November 2025 vor dem WM-Qualifikationsspiel gegen Bosnien. Was den Teamchef der bosnischen Nationalmannschaft so erzürnte, war der Fakt, dass der ÖFB Rapid-Stürmer Emir Karic die Freigabe für für Bosnien vermasselte, indem er die notwendigen Dokumente nicht rechtzeitig an die FIFA übermittelte.
Wer den Fußball in Bosnien-Herzegowina begreifen will, muss Geschichte lernen: In der Föderation Bosnien und Herzegowina mit der Hauptstadt Sarajevo leben vorwiegend bosnische Muslime und Kroaten. In der Republika Srpska mit Verwaltungssitz Banja Luka leben mehrheitlich Serben. Im Nationalteam spielen Bosniaken, Serben und Kroaten jedoch in einer Mannschaft. Nicht immer friktionsfrei, sondern durchaus mit internen Spannungen. Der fußballerische Alltag in Bosnien ist geprägt von Misswirtschaft, Korruption und schlechter Infrastruktur.
Der Serbenführer Milorad Dodik, der die Abspaltung der überwiegend von bosnischen Serben bevölkerten Republika Srpska im Sinn hat, wurde im Vorjahr seines Amtes enthoben. Was er nicht akzeptiert. Beschlüsse des Hohen Repräsentanten der Internationalen Gemeinschaft in Bosnien-Herzegowina werden ignoriert, Albanien macht wie die bosnischen Moslems extremen Druck, um die Serben aus Bosnien hinauszudrängen. Die dort jedoch seit Jahrhunderten leben und ihre Heimat nicht aufgeben wollen. Was das Land zu einem Pulverfass macht, in dem die Parteien die Zündschnur in der Hand halten.
Kein Profi in Bosnien
Jedes Jahr verlassen rund 40.000 Bosnier und Bosnierinnen ihr Heimatland, um das zu machen, was die Spieler ihrer Nationalmannschaft längst tun: ihr Geld im Ausland zu verdienen. Kein Zufall, dass auch im Quali-Match gegen Österreich kein einziger Profi dabei war, der in Bosnien seine Brötchen verdient.
Bosniens Fußballverband wurde 1996 in die Fifa aufgenommen. Damals spielte der heutige Teamchef Sergej Barbarez erfolgreich in der Bundesliga beim Hamburger SV. Länderspieleinladungen lehnte er lange Jahre ab, weil seine kroatischstämmige Mutter von Nationalisten bedroht wurde. Noch heute bestreitet die Auswahl ihre Heimspiele in Zenica oder Sarajevo, in Städten mit muslimischer Bevölkerungsmehrheit – was beim serbisch-stämmigen Bevölkerungsanteil gar nicht gut ankommt. Ein Auftritt im serbisch geprägten Banja Luka ist jedoch unrealistisch. Und es gibt auch ökonomische Probleme, sagt Weltstar Robert Prosinečki, bis Ende 2019 Nationaltrainer von Bosnien und Herzegowina.„Die Liga ist eine Katastrophe, die Infrastruktur ist nicht am besten. Nicht bloß hier, in Kroatien, Serbien, überall haben sie die gleichen Probleme.“
Osims Spiel des Lebens
Einer, der sein Leben einer Mission widmete, um den grausamen Bürgerkrieg am Balkan zu beenden, war Sturm-Ikone Ivica Osim:
Den „Strauß von Zeljo“ nannten sie den Spielmacher, der 1,89 Meter groß war, aber virtuos mit dem Ball zu tänzeln wusste – „Zeljo“ war der Spitzname des FK Zeljeznicar Sarajevo, bei dem Ivica Osim einen Großteil seiner Karriere verbrachte.
Im Jahr 1968 war Osim Spielmacher der jugoslawischen Nationalmannschaft, die bei der EM sensationell Weltmeister England mit ausschaltete und ins Finale einzog. Später avancierte Osim zum international verehrten Top-Coach, der in Graz den Rang als „Jahrhundert-Trainer“ genießt.
1986 wurde Osim zum Nationaltrainer Jugoslawiens berufen. Er führte das hochkarätig besetzte Vielvölker-Ensemble zur WM 1990 in Italien.
Das Team um Osims herausragenden Spielmacher-Erben Dragan Stojkovic drang bis ins Viertelfinale vor und zwang den Finalisten Argentinien nach 120 Minuten ins Elfmeterschießen.
Auch 1992 gelang Osim die Quali für die EM, doch sein Land zerbrach an dem beginnenden Krieg zwischen serbischen und kroatischen Nationalisten. Osims Heimat Bosnien wurde zum Zentrum der militärischen Eskalation.
Der Krieg führte zum EM-Ausschluss Jugoslawiens (Ersatzteilnehmer Dänemark gewinnt sensationell den Titel), der von den Ereignissen schockierte und erschütterte Osim setzte schon Tage vorher ein Zeichen. Unter Tränen verkündete er am 22. Mai 1992 bei einer Pressekonferenz seinen Rücktritt.
„Es ist eine private Geste und meine persönliche Entscheidung. Die Gründe dafür liegen auf der Hand“, erklärte er wenige Wochen nach Beginn der gewaltsamen Belagerung seiner Geburtsstadt Sarajevo durch die Armee der bosnischen Serben: „Mein Rücktritt ist das Einzige, was ich für meine Stadt tun kann. Sie sollen sich daran erinnern, dass ich aus Sarajevo komme. Sie wissen, was dort passiert.“
Persönliches Drama
Der Krieg um Sarajevo wurde für Osim auch zu einem tief persönlichen Drama: Osim lebte über zwei Jahre abgeschnitten von seiner Frau Asima und Tochter Irma, die in Sarajevo täglich um ihr Leben bangten.
Im Jahr 1994 entschloss sich Osim, in Graz ein neues Leben zu beginnen.
In Bosnien ist Osim ein Nationalheld und bleibt unvergessen. Legende Edin Dzeko spielt Ivica zu Ehren stets mit der Nummer 9 auf dem Rücken.
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