Neue Schau

Oh du schöne Abschreckung: Cyprien Gaillard im KUB

Vorarlberg
12.06.2026 08:07

Der französische Künstler Cyprien Gaillard widmet sich im Kunsthaus Bregenz (Vorarlberg) dem Randständigen und Abschreckenden. Die Schau wird am Freitag eröffnet und läuft bis 4. Oktober 2026.  

Besucher und Besucherinnen des Kunsthaus Bregenz (KUB) werden ab heute von einer riesigen, von einem Gebläse in Bewegung gesetztern Figur begrüßt, die entweder zu Technosound tanzt, sich krümmt, winkt, verneigt und aufbäumt oder – wenn das Gebläse nicht arbeitet – erschlafft am Boden liegt. Der 1980 in Paris geborene Cyprien Gaillard hat seinen luftigen „Visitant“ zwischen die massiven Betonwände des KUB eingesperrt – und damit ist man schon bei einem seiner Grundthemen: Absperrungen, Grenzen, Zäune.

KUB-Direktor Thomas D. Trummer sprach bei der Ausstellungspräsentation am Donnerstag von „Deterrents“, denen sich der Franzose gerne zuwendet, also den Abschreckungsmaßnahmen im öffentlichen Raum, seien es nun physische Absperrungen oder musikalische Beschallungen, die als unangenehm empfunden werden.

Cyprien Gaillards Ausstellung „When you expect flutes, it’s whistles“ läuft bis 4. Oktober ...
Cyprien Gaillards Ausstellung „When you expect flutes, it’s whistles“ läuft bis 4. Oktober 2026.(Bild: Miro Kuzmanovic)
Gaillards Fotoarbeiten in Papierschalen
Gaillards Fotoarbeiten in Papierschalen(Bild: Timo Ohler)
Zerlegte Querflöten auf den Glasplatten.
Zerlegte Querflöten auf den Glasplatten.(Bild: Timo Ohler)
Ein ganzes Geschoß ist Gaillards Fotoarbeiten gewidmet, die in Papierschalen präsentiert werden.
Ein ganzes Geschoß ist Gaillards Fotoarbeiten gewidmet, die in Papierschalen präsentiert werden.(Bild: TIMO OHLER)

Orte werden zu Unorten und umgekehrt
Diese Motive bestimmen auch Gaillards filmische Arbeit, die sogar so heißt. „Deterrent“ ist im KUB erstmals zu sehen. Gedreht wurde das Material in Los Angeles und einigen europäischen Städten. Mit eindringlichen Soundscapes werden die Zuseher in den Bann von ruinösen Orten, verdreckten Bächen, übermalten Graffiti-Wänden, grauen Unterführungen und zugemüllten Parkplätzen gezogen. Mögen diese Orte in Wirklichkeit Unorte sein, so verleiht ihnen Gaillard in seiner filmischen Inszenierung dennoch auch Schönheit. Betonwände schillern wie edles Metall, in einem Rinnsal spiegelt sich orangefarbenes Sonnenlicht, die übermalten Graffiti wirken wie kuratiert. „Das Projekt richtet den Blick auf die Ränder des städtischen Gefüges, dort, wo die Kontrolle am deutlichsten sichtbar wird“, sagt der Künstler selbst zu seinem Film.

Im zweiten Obergeschoß zerlegt Gaillard die Sage vom Rattenfänger von Hameln, der erst das Böse aus der Stadt zieht – und schließlich die Kinder. Zerlegt wurden von dem Franzosen auch Querflöten, die Einzelteile hat er unter anderem auf den von der Decke hängenden Glasplatten platziert. Dort wirken sie wie Noten, die sich ebenfalls auf Wanderschaft begeben haben. Wem übrigens die Bauschuttrutsche, die unter der KUB-Fassade durchschimmert, aufgefallen ist: Auch das ist eine Arbeit von Gaillard, der das Ruinöse liebt und mit dieser Intervention dem Bregenzer Tempel der Kunst gewissermaßen die Zukunft voraussagt: Irgendwann wird auch der härteste Zumthor-Beton zerbröseln.

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