Schlagersänger Howard Carpendale ist auf großer Abschiedstournee. Am 20. Juli gastiert er in Mörbisch. In der „Krone“ spricht er über seinen Vorruhestand, seine Familie und den „Urin“-Sager, mit dem der deutsche ZDF-Moderator Oliver Welke ihn und seine Fans vor kurzem herabwürdigte.
„Krone“: Herr Carpendale, nach mehr als sechs Jahrzehnten im Rampenlicht gingen Sie im Frühjahr 2026 auf große Abschiedstournee durch Deutschland, Österreich und die Schweiz. Die Begeisterung Ihrer Fans in insgesamt 22 Arenen hat Sie so überwältigt, dass die Tour im Sommer um Open-Air-Konzerte erweitert wird. Gestartet wird am 20. Juli auf der Seebühne in Mörbisch. Warum gerade da?
Howard Carpendale: Meine Tourneeveranstalter buchen die schönsten Plätze für die Open-Airs. Am 22. März gab ich in der Wiener Stadthalle mein einziges Österreich-Konzert. Es war großartig! Vor ein paar Jahren noch kamen 4000 Menschen, diesmal waren es 10.000. Das hat mich umgehauen. Die Karten-Nachfrage war so groß, dass ich nun auch in Mörbisch singe. Ich mag das Burgenland und freue mich schon sehr darauf.
Die Zuschauer dürfen sich auf Klassiker, aber auch auf neue Balladen und energiegeladene Hits freuen. Welche Lieder kommen nie aus der Mode?
Bei Open-Airs ist mein Tempo ein anderes als in einer Halle. Mir ist wichtig, dass ich da in den ersten 20 bis 30 Minuten Vollgas gebe. Danach darf’s ruhiger werden, denn dann nehme ich die Menschen mit meinen Hits auf eine emotionale Reise mit. Bei „Hello Again“ singen wirklich alle mit - ganz von allein. Das liegt wahrscheinlich daran, dass sich jeder Mensch gerne an frühere Lieben zurückerinnert. Den Titel habe ich 1984 veröffentlicht. Aber dadurch, dass wir ihn immer ein bisschen anders arrangieren, klingt er immer noch sehr frisch. Er ist auch auf meinem jüngsten Album „Zeitlos“ zu hören.
Gibt es eigentlich einen Song, der Ihnen heute mehr bedeutet als damals, als er auf den Markt kam?
Ja. Meist handelt es sich dabei um die versteckten goldenen Perlen, also um Lieder, die auf einer irgendeiner Langspielplatte erschienen sind, die man aber nicht so gut kennt. „Eine Nacht in New York City“ zum Beispiel, oder „Du bist doch noch hier“. Damit überrasche ich die Leute oft sehr. Diese Balladen sind mir in meinem Alter plötzlich viel näher als früher.
Sie haben Ihr Alter nun selbst zum Thema gemacht. Sie sind inzwischen 80 Jahre alt ...
Ich bin 4194 Wochen. Das klingt doch viel jünger, finden Sie nicht? (lacht)
Stimmt! Trotzdem geben Sie zu, dass das Tourleben anstrengend ist. Musiklegenden wie Al Bano Carrisi oder Tony Cristie sind älter und treten dennoch auf. Verstehen Sie das?
Ja. Neulich hat Campino, der Frontmann der „Toten Hosen“ im Fernsehen gemeint, dass man mit über 60 langsam ans Schlussmachen denken sollte. Ich finde, er hat vollkommen unrecht. Warum sollte ich aufhören? Musikmachen macht mir Spaß und meinem Publikum auch. Die Resonanz ist heute stärker denn je! Wir haben auf dieser Tournee jeden Abend über eine halbe Stunde Zugaben gegeben. Natürlich bin ich nicht mehr 20 oder 30. Aber solange meine Shows nicht unter meinem Alter leiden, werde ich weiter auftreten. Nur Tourneen lasse ich bleiben. Deshalb habe ich zuletzt bei jedem Auftritt zum Publikum gesagt: „Ich hoffe, ihr seid nicht gekommen, weil ihr denkt, ich muss den alten Typ sehen, bevor er abhaut…“ (lacht)
Dennoch beginnt bald ein neuer Lebensabschnitt. Haben Sie schon Pläne für den Vorruhestand?
Mein Terminkalender ist bis Ende 2027 voll, aber im Jänner, Februar und März würde ich gerne mit meiner Frau verreisen. Wenn Herr Putin uns das erlaubt.
Sie sind mit Ihrer Frau Donnice Pierce seit einer halben Ewigkeit zusammen, seit 2018 verheiratet. Viele Paare gehen sich in der Pension auf die Nerven, weil sie mehr zusammenkleben als früher. Sollte das bei Ihnen der Fall sein – was gedenken Sie dann zu tun? Auf Tournee flüchten, geht dann ja nicht mehr.
Ich kenne diese Dame 46 Jahre und wir sind uns noch nie auf die Nerven gegangen. Es ist ein bisschen Magie, da hatten wir beide Glück. Humor ist das Wichtigste. Wir veräppeln uns gerne. Niemand von uns ist deshalb eingeschnappt. Selbst wenn es mal ein paar ernste Worte zu wechseln gibt, ist nach zehn Minuten alles geklärt.
Hut ab! Gibt es dann eine leidenschaftliche, stürmische Versöhnung?
(lacht lauf auf) Wir drücken uns sehr gerne. Das tun wir gut zehnmal am Tag, egal, ob wir streiten oder nicht. Ich habe eben gerne etwas in der Hand.
Sie sind seit acht Jahren Großvater. Ihr Sohn Wayne Carpendale und dessen Frau Annemarie haben ja einen Sohn namens Mads. Wenn Ihr Enkel Sie fragt: „Opa, warum haben dich die Menschen so geliebt?“ Was würden Sie antworten?
Wenn mein Enkel mich „Opa“ nennen würde, würde ich ihm eine Klatsche auf den Hinterkopf geben. Eine Watsch‘n auf den Deckel, auf gut Österreichisch. Er darf mich nämlich nicht Opa nennen, das weiß er schon lange. Er nennt mich Baba. Würde er mich fragen, warum, mich die Menschen geliebt haben, würde ich ihm erklären, dass ich Glück hatte, dass sie mir immer geglaubt haben. Ich mag Authentizität, war nie einer, der versucht hat, durch Tricks mehr zu erreichen. Auch in schwierigeren Zeiten habe ich immer offen darüber gesprochen. Fans, die mich schon seit vielen Jahre begleiten, wissen das. Wenn sie mir jemand nach einem Auftritt sagt: „Ich hatte ich das Gefühl, das Konzert war nur für mich“, dann ist das das schönste Kompliment!
Zuletzt gab es um Ihre Person einigen Wirbel – wegen eines Witzes in der ZDF-„heute-show“. Moderator Oliver Welke sagte dort im April sinngemäß: „Was hat 100 Beine und riecht nach Urin? Die erste Reihe im Howard-Carpendale-Konzert.“ Sie haben darauf verärgert reagiert und in einem Instagram-Video Welke öffentlich gefragt: „Sag mal, spinnst du?“ Sie haben ihm auch zu Recht vorgeworfen, sich über ältere Menschen und Ihr Publikum lustig zu machen. Hat er sich jemals ernsthaft entschuldigt?
Nein. Zuerst erklärte er, dass der Spruch im Rahmen eines Satire-Beitrags über KI und Pflegeroboter gefallen sei und bewusst als schlechter Witz gemeint war – völliger Blödsinn. Später hat er sich bemüht, etwas zu sagen, ohne Sorry zu sagen. Er ruderte zurück und gab zu, dass der Witz „doof und unnötig“ war. Ich antwortete: Wenn es einem so schwerfällt, Sorry zu sagen, dann lassen wir es dabei. Das wirklich Beschämende und Peinliche an der Geschichte sind also nicht nur diese seltsamen Ausreden, mit denen er versuchte, sich irgendwie wieder in ein rechtes Licht zu rücken, sondern, dass er nicht in der Lage war, Verantwortung für seine Worte zu übernehmen.
Das scheint generell zu einer Unkultur in unserer Gesellschaft geworden zu sein.
Leider ja. US-Präsident Donald Trump und auch unsere Politiker sind das beste Beispiel für so ein Verhalten. Viele Menschen sind nicht mehr in der Lage zu erkennen, wenn sie etwas falsch gesagt oder gemacht haben. Sie spielen ihre verbalen Entgleisungen herunter, hoffen, dass sie in Vergessenheit geraten. Entschuldigungen, Aussprachen und Versöhnungen gibt es nicht mehr. Das ist eine sehr, sehr gefährliche Entwicklung und macht keine gute Stimmung. Man merkt es am Gerede der Leute. Oft ist es laut und unsinnig. Ich frage mich oft, wie das enden wird.
Haben Sie eine Idee, wie man diese Entwicklung stoppen könnte?
Wir können den Lauf der Welt im Großen nicht ändern. Aber: im kleinen Kreis, im eigenen Mikrokosmos, ist es möglich, indem man anderen respektvoll und freundlich begegnet.
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