Urlaubsinsel-Invasion

Schwimmende Schlangen bedrohen Ibizas Wahrzeichen

Ausland
02.06.2026 14:25
Porträt von krone.at
Von krone.at

Was zunächst wie eine ungewöhnliche Tierbeobachtung wirkte, könnte sich als weiteres Kapitel einer ökologischen Katastrophe auf Ibiza erweisen. Forscher haben erstmals dokumentiert, wie eine invasive Schlangenart durch das Meer auf vorgelagerte Inseln schwimmt – und dort die letzten Rückzugsgebiete einer einzigartigen Echsenart erreicht.

Aufgenommen wurde das entscheidende Video im April 2024 vor der Ostküste Ibizas. Es zeigt eine Hufeisennatter (Hemorrhois hippocrepis), die die rund 450 Meter lange Strecke zur kleinen Insel Santa Eulària schwimmt. Für Wissenschaftler war dies der erste eindeutige Nachweis dessen, was Fischer und Touristen bereits seit Jahren berichtet hatten: Die Schlangen breiten sich nicht nur auf Ibiza selbst aus, sondern erreichen auch abgelegene Inselchen im Mittelmeer.

Die Hufeisennatter stammt vom spanischen Festland und gilt dort als ungiftig und heimisch. Auf Ibiza wurde sie jedoch zu einer ernsten Bedrohung für die endemische Ibiza-Mauereidechse (Podarcis pityusensis), die ausschließlich auf Ibiza, Formentera und den umliegenden Inseln vorkommt.

Mit Olivenbäumen eingeschleppt
Nach Angaben von Forschern tauchten die ersten Exemplare der Schlangenart 2003 auf Ibiza auf. Sie sollen unbeabsichtigt mit alten Olivenbäumen eingeschleppt worden sein, die wohlhabende Grundstücksbesitzer vom spanischen Festland importieren ließen. In den Hohlräumen und Wurzeln der Bäume fanden die Tiere und ihre Eier ideale Verstecke für den Transport.

In den folgenden zwei Jahrzehnten breitete sich die Art rasant aus. Heute kommt die Hufeisennatter laut Forschern bereits auf rund 90 Prozent der Insel vor. Prognosen gehen davon aus, dass sie bis Ende 2027 ganz Ibiza besiedelt haben könnte.

Allein im vergangenen Jahr wurden auf Ibiza mehr als 3000 Schlangen gefangen. Seit Beginn der Bekämpfungsmaßnahmen im Jahr 2016 wurden insgesamt mehr als 16.000 Tiere entfernt.

Ibiza im Mittelmeer – und wie sich eine invasive Schlange über die Insel ausbreitet. Karten ...
Ibiza im Mittelmeer – und wie sich eine invasive Schlange über die Insel ausbreitet. Karten zeigen, wann die Hufeisennatter welche Gebiete erobert hat, inklusive Detailblick auf die Ostküste mit S’Ora und Santa Eulària.(Bild: Ecology)

Ein Symbol der Insel verschwindet
Für Ibiza ist die Mauereidechse weit mehr als nur ein Reptil. Ihre charakteristischen Formen und Farben finden sich auf Souvenirs, T-Shirts, Handtüchern und Kühlschrankmagneten. Gleichzeitig spielt sie eine wichtige Rolle im Ökosystem.

Die Tiere regulieren Insektenpopulationen, darunter auch landwirtschaftliche Schädlinge. Zudem bestäuben sie Pflanzen und verbreiten Samen. Wissenschaftler warnen daher vor weitreichenden Folgen für die Natur der Balearen, wenn die Echsen weiter verschwinden.

Besonders seltenen Arten droht das Aussterben
Die Situation hat sich inzwischen dramatisch zugespitzt. Die Internationale Union für Naturschutz (IUCN) stufte die Ibiza-Mauereidechse 2022 von „potenziell gefährdet“ auf „gefährdet“ hoch. Besonders problematisch ist, dass auf den zahlreichen kleinen Inseln und Felseninseln rund um Ibiza jeweils eigene Populationen mit teils einzigartigen Farbvarianten entstanden sind. Über Jahrtausende entwickelten sich dort grüne, blaue, schwarze, braune, graue oder orangefarbene Varianten der Art.

Bereits zehn Inselpopulationen ausgelöscht
Nach Angaben der Forscher sind die Echsenpopulationen auf zehn kleinen Inseln bereits verschwunden. Auf Santa Eulària wurden 2016 noch 72 Tiere gezählt, 2023 waren es nur noch drei. Die Wissenschaftler vermuten, dass die zunehmende Konkurrenz um Nahrung auf Ibiza die Schlangen dazu bewegt, neue Lebensräume auf den vorgelagerten Inseln zu erschließen.

Dort reichen oft schon einzelne Tiere aus, um ganze Echsenpopulationen auszulöschen. Die Schlangen profitieren auf Ibiza zudem von außergewöhnlich guten Lebensbedingungen. Während sie auf dem spanischen Festland meist nicht länger als 1,8 Meter werden, fanden Forscher auf Ibiza Exemplare von mehr als zwei Metern Länge. Einige Tiere sollen bis zu zweieinhalbmal schwerer sein als ihre Verwandten auf dem Festland.

Teilweise sind die Echsen auf den Inseln endemisch – sie kommen in dieser Form also nur auf der ...
Teilweise sind die Echsen auf den Inseln endemisch – sie kommen in dieser Form also nur auf der bestimmten Insel vor.(Bild: Ecology)

Weitere Tierarten betroffen
Nicht nur die Mauereidechsen leiden unter der Ausbreitung der Schlangen. Nach Angaben von Naturschützern verschwanden in betroffenen Gebieten auch Feldmäuse, Spitzmäuse und Geckos. Zudem gebe es Hinweise auf Auswirkungen auf Fledermäuse sowie kleinere Vogelarten wie Sperlinge, Stieglitze und Grünfinken.

Der Verlust dieser Tiere könne weitere Folgen nach sich ziehen, da viele von ihnen wichtige Funktionen innerhalb des Ökosystems erfüllen.

Rettungsprogramm im Zoo von Barcelona
Um zumindest einen Teil der genetischen Vielfalt zu bewahren, starteten die Balearenregierung und der Zoo von Barcelona ein Zuchtprogramm. Nach genetischen Untersuchungen wurden 17 gesunde und genetisch unterschiedliche Mauereidechsen aus Ibiza und Formentera in den Zoo gebracht. Dort soll geprüft werden, ob sich die Tiere erfolgreich in menschlicher Obhut vermehren lassen.

Langfristig hoffen die Forscher, dadurch Populationen erhalten und möglicherweise später wieder ansiedeln zu können. Eine vollständige Ausrottung der Schlangen gilt allerdings als äußerst unwahrscheinlich. Naturschützer setzen deshalb vor allem auf eine Verringerung der Bestände und ein langfristiges Gleichgewicht zwischen beiden Arten.

Entwicklung ist alarmierend
Eine gewisse Hoffnung gibt es dennoch: Die stabilsten Eidechsenpopulationen finden sich derzeit ausgerechnet in den Städten Ibizas. Dort werden viele Schlangen von Fahrzeugen überfahren oder von Menschen getötet, wodurch die Echsen vorerst bessere Überlebenschancen haben.

Für die beteiligten Wissenschaftler bleibt die Entwicklung dennoch alarmierend. Mit jeder verschwundenen Inselpopulation gehe ein einzigartiges Ergebnis von Jahrtausenden der Evolution verloren. Einer der Forscher verglich die Situation deshalb mit „einem Feuer in einer alten Kirche“ – ein Verlust, der sich nicht mehr rückgängig machen lässt.

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