„Krone“-Interview

Tyler Shaw: Der Kanadier, der Europa erobern will

Kultur
01.06.2026 05:00

Der kanadische Popstar Tyler Shaw entdeckt Europa neu – und machte vor kurzem erstmals Halt in Wien. Im Gespräch erzählt der 33-Jährige von seiner „Run To You“-Tour, dem Druck nach viralen Erfolgen, neuer Musik und dem Spagat zwischen Bühne und Familienleben als bald dreifacher Papa.

An einem warmen Sommertag sitze ich in der U-Bahn und denke darüber nach, wen ich gleich treffen werde. Tyler Shaw ist ein kanadischer Popstar, der in seiner Heimat längst kein Unbekannter mehr ist. Seit Jahren ist er in der Musikszene aktiv, hat Hits gelandet, große Bühnen bespielt und sich eine treue Fanbase aufgebaut. In Europa konnte er bisher allerdings noch nicht ganz Fuß fassen – zumindest ist sein Name hierzulande noch nicht jedem ein Begriff. Das soll sich nun ändern.

In diesem Jahr führte ihn seine Tour zum ersten Mal nach Wien, wo er am Abend sein erstes Konzert in der österreichischen Hauptstadt spielen sollte. „Es ist alles so schön hier und überhaupt nicht veraltet“, sagt er mir, als ich ihn treffe. In schwarzem Lederhemd, mit sympathischem Lächeln und offener Art stellt er sich vor – und ist sofort bemüht, ins Gespräch zu kommen. „Reist du viel?“, fragt er mich und den Sony-Zuständigen, der ihn an diesem Tag durch Wien begleitet. Nach kurzer Zeit finden wir irgendwo im dritten Wiener Bezirk einen ruhigen Platz. Die anfängliche Interview-Situation löst sich schnell auf. Tyler wirkt entspannt, neugierig und nahbar. Der 33-Jährige ist seit rund zwölf Jahren in der Musikbranche aktiv, war mit seiner Musik bisher aber noch nie wirklich in Europa unterwegs. „Ich fühle mich extrem dankbar. Das ist das erste Mal, dass ich mit meiner Musik hierherkomme. Es war immer etwas, das ich machen wollte – aber es jetzt wirklich zu tun, ist sehr besonders“, sagt er lächelnd.

Mit Redakteurin Nadi Adana sprach Shaw über sein Tourleben, Balance und das Leben als Papa.
Mit Redakteurin Nadi Adana sprach Shaw über sein Tourleben, Balance und das Leben als Papa.(Bild: Eva Manhart)
„Es ist alles so schön hier und überhaupt nicht veraltet“, schwärmt er.
„Es ist alles so schön hier und überhaupt nicht veraltet“, schwärmt er.(Bild: Eva Manhart)

Von Beziehungen und fantastischer Zeit
Seine „Run To You“-Tour ist für ihn deshalb ein richtiger Meilenstein. Es ist seine erste längere Europa-Tour, gleichzeitig blickt er auf mehr als zehn Jahre seit seinem Debütalbum zurück. „Irgendwie lässt mich das alt fühlen“, meint er lachend. „Zu sehen, wo ich angefangen habe und wo ich jetzt bin, war eine große Reise. Es gab viele gute, aber auch schlechte Dinge. Aber all das lässt einen wachsen.“ Zum ersten Mal ist Tyler Shaw in Österreich – und kommt aus dem Schwärmen kaum heraus. „Alles ist so inspirierend hier“, sagt er. Auch für sein Konzert hat er einen klaren Wunsch: „Ich möchte, dass die Leute nach der Show vielleicht das Gefühl haben, von etwas geheilt worden zu sein.“ Dann hält er kurz inne, grinst und ergänzt: „Oder dass sie einfach eine fantastische Zeit hatten und Spaß.“

Vor einigen Monaten erschien seine neue Single „Run To You“, die auch der Tour ihren Namen gibt. „Der Track erzählt im Grunde eine Geschichte“, erklärt Shaw. „Es geht um jemanden, der in einer Beziehung steckt und nicht weiß, ob es wirklich die richtige ist.“ Dieses Hin und Her zwischen Zweifel und Hoffnung zieht sich durch den ganzen Song. „Ist es richtig? Ist es nicht richtig? Doch, vielleicht ist es richtig“, beschreibt er das Gefühl. Der Titel „Run To You“ steht dabei für den Moment, in dem alle Unsicherheit kurz verschwindet: wenn der andere klar sagt, dass er bleibt und zu hundert Prozent hinter der Beziehung steht. „Dann würdest du zu dieser Person laufen.“ Genau dieses Gefühl steckt im Titel. Gleichzeitig gibt der Track einen Vorgeschmack auf sein kommendes Album, das als zusammenhängende Geschichte gedacht ist. „Ich hatte zuerst ein Konzept und dann habe ich einige Lieder dafür geschrieben. Wenn man das Album von Anfang bis Ende hört, erzählt es eine Geschichte.“

Fünf Wahrheiten über Tyler Shaw

  • Vatersein in einem Wort:
    Segen.
  • Ein Gefühl, das du gerne in eine Flasche füllen würdest?
    Liebe.
  • Welche berühmte Person würdest du gerne als Babysitter haben?
    Allesia Cara, sie ist so eine Süße Person.
  • Was ist dein „Don´t judge me“-Snack?
    Chips. Ich könnte eine ganze Tüte davon essen. 
  • Welcher Geruch erinnert dich sofort an deine Kindheit?
    Frisch gemähtes Gras. 

Herzschmerz-Songs und Fußball
Seinen Durchbruch feierte der Sänger 2012 mit „Kiss Goodnight“ – einem Song, der seine Karriere ins Rollen brachte. Heute blickt er mit einer gewissen Gelassenheit auf diese Anfangszeit zurück. „Es war ein großartiger Startpunkt“, sagt er. „Wenn man jung anfängt, schaut man später zurück und denkt vielleicht: Diese Entscheidung hätte ich anders treffen sollen, oder jene. Aber gleichzeitig haben mich genau diese Entscheidungen dorthin gebracht, wo ich heute bin. Ich kann meinem früheren Ich also keinen Vorwurf machen.“ Auch wenn in der Vergangenheit nicht immer alles rund lief, hat Shaw nie wirklich ans Aufhören gedacht. Zu groß ist bis heute die Liebe zur Musik. „Ich habe mich einfach ins Songschreiben verliebt, bevor es überhaupt eine Karriere wurde“, sagt er lachend. „Mit 13 habe ich schon angefangen zu schreiben. Ich war in ein Mädchen verliebt, das mich dann verlassen hat – also habe ich diese Herzschmerz-Songs geschrieben.“

Wäre es mit der Musik anders gekommen, hätte Shaw allerdings noch einen Plan B gehabt. „Ich wollte Profifußballer werden“, erzählt er. „Ich hatte ein Fußball-Stipendium an der Universität. Mein Ziel war es, für Team Canada zu spielen. Ich war Torwart.“ 
Aus dem Profifußball wurde am Ende nichts, aus der Musik dafür umso mehr. Und manchmal kommt der nächste Karriereschub genau dann, wenn man ihn nicht erwartet. Bei ihm passierte das 2022 mit „Love You Still“, seiner romantischen Version von Gayles Hit „abcdefu“. Ein kurzer Clip, schnell aufgenommen, während der Pandemie gepostet – und plötzlich ging der Song auf TikTok viral. 
Der Kanadier selbst beschreibt sein Verhältnis zur Plattform als zwiegespalten. „Ich habe eine Hassliebe dazu.“ Einerseits sei TikTok eine große Chance für Künstler, ihre Musik kostenlos zu verbreiten. Andererseits frage er sich, wie nachhaltig solche Karrieren wirklich seien. „Ich wäre neugierig zu sehen, wo diese Künstler in fünf bis sieben Jahren stehen. Ob sie eine lange Karriere haben können. Bei vielen ist es einfach ein Moment.“

Für ihn selbst war dieser Moment trotzdem ein Geschenk. „Bei ‘Love You Still‘ hat es mir internationale Türen geöffnet“, erzählt er. Viele Menschen aus verschiedenen Ländern hätten dadurch zuerst diesen Song entdeckt – und danach auch seine eigene Musik. Den Druck, noch einmal genauso viral gehen zu müssen, habe er aber kaum gespürt. Dafür sei „Love You Still“ zu sehr ein besonderer Moment gewesen. „Für mich war es eher: Okay, das ist dieser Moment. Aber was ist mit meiner eigenen Musik? Darauf habe ich mich stärker konzentriert.“

Die richtige Balance
Mit seiner eigenen Musik konnte Shaw schließlich auch Künstler wie Shawn Mendes und Alessia Cara von sich überzeugen. Für sie stand er bereits als Support auf der Bühne – Erfahrungen, aus denen er einiges mitgenommen hat. „Ich habe viel daraus gelernt“, erzählt er. „Aber vor allem eines: Sie sind nicht anders als du und ich. Sie haben Talent, und die Welt hat dieses Talent gesehen und gefeiert. Aber am Ende bleiben sie Menschen.“

Das Tourleben war für Shaw damals noch etwas einfacher. Heute ist er Vater von zwei Töchtern, im September kommt ein drittes Mädchen dazu. Die Prioritäten haben sich verschoben – und irgendwo zwischen Familienchaos, Alltag und Karriere muss er weiterhin Zeit für seine Leidenschaft finden. „Normalerweise muss ich nicht das Land verlassen, um Zeit für Musik zu finden“, sagt er lachend. „Am Wochenende mache ich keine Musik. Da widme ich mich meiner Familie. Unter der Woche gehe ich in mein Studio im Garten.“
Die perfekte Balance zwischen Familienleben und Tourleben versucht er zu halten, leicht ist das aber nicht. Besonders schwer fällt ihm auf Tour, seinen Mädchen abends keine Lieder vorsingen zu können. „Es ist schwer. Wirklich schwer, das manchmal auszubalancieren“, sagt Shaw. „Ich bin jetzt 25 Tage weg. Das ist die längste Zeit, die ich je von meiner Familie getrennt war. Wenn ich zurückkomme, werde ich wahrscheinlich mein Handy für ein paar Tage weglegen, um wieder ins Familienleben hineinzufinden.“

Persönliche Projekte und Vorstellungen
Vielleicht klingt deshalb Shaws Vorstellung von einem perfekten Tag auch erstaunlich bodenständig. Keine große Bühne, kein roter Teppich, kein viraler Moment – sondern Familie, Ruhe und ein bisschen Natur. „Darf ich zwei Dinge sagen?“, fragt er und erzählt von seinem Geburtstag, der erst vor Kurzem war. Ein entspannter Morgen mit der Familie, die Kinder ausnahmsweise nicht in der Schule, ein Ausflug in die Natur, Brunch, ein kleiner Spaziergang, Malen mit seiner älteren Tochter und später ein Geburtstagsessen mit der ganzen Familie. „Es war ein wunderschöner Tag“, sagt er. „Auch wenn es nicht mein Geburtstag gewesen wäre – es wäre trotzdem ein wunderbarer Tag gewesen.“ Der andere perfekte Tag wäre für ihn, wenn seine Familie mit ihm auf Tour wäre. „Wenn ich das tun könnte, was ich liebe, und gleichzeitig die Menschen um mich hätte, die ich liebe – das wäre ideal.“

Für die nächsten Jahre wünscht sich Shaw, weiter in Europa touren zu können. Auch sein neues Album, das im kommenden Jahr erscheinen soll, spielt dabei eine große Rolle. Es sei ein sehr persönliches Projekt, erzählt er, mit vielen Songs, die er selbst produziert hat. „Ich möchte wirklich, dass es gut läuft und dass die Menschen sich damit identifizieren können“, sagt er nochmals. Gleichzeitig hofft er, beim nächsten Mal seine Familie mitbringen zu können – und vielleicht auch neue Regionen wie Asien zu erreichen. 
Am Ende geht es Tyler Shaw also nicht nur um den nächsten Hit oder den nächsten viralen Moment. Es geht darum, Türen zu öffnen, weiterzugehen und dabei möglichst die Menschen bei sich zu haben, die ihm am wichtigsten sind.

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