Wenn der tägliche Einkauf zur Eskalation wird: Immer mehr Hass und Aggression an der Kassa. In Niederösterreich will man gegensteuern!
Ein falscher Preis. Eine abgelaufene Aktion. Ein paar Minuten Wartezeit. Dinge, die früher vielleicht ein Augenrollen oder einen genervten Seufzer ausgelöst hätten, reichen heute oft für blanke Wut. Der Ton im Handel ist rau geworden – und die Menschen hinter den Kassen bekommen die Verrohung der Gesellschaft tagtäglich unmittelbar zu spüren. Beschimpfungen, Drohungen und aggressive Ausbrüche gehören für viele Beschäftigte inzwischen beinahe zum Alltag.
Laut einer aktuellen Umfrage der Gewerkschaft unter rund 1500 Beschäftigten hat fast jede zweite Person im heimischen Handel bereits Gewalt oder massive Aggression erlebt. Für viele beginnt damit eine stille Belastung, die oft weit über den Arbeitstag hinausreicht.
„Er schrie mir direkt ins Gesicht“
Eine Betroffene ist Sabine M. (Name geändert). Die 42-Jährige arbeitet seit mehr als zehn Jahren in einer Billa-Filiale – und sagt, dass sich der Umgangston in den vergangenen Jahren dramatisch verändert habe.
„Ein Kunde rastete völlig aus, weil eine Aktion nicht mehr gültig war. Er schrie mir direkt ins Gesicht, schlug mit der Faust auf das Förderband und warf mir vor, ich würde ihn betrügen“, erzählt die Kassierin. Kollegen mussten die Situation beruhigen. Noch Stunden später hätten ihre Hände gezittert. „Man fühlt sich plötzlich ausgeliefert und klein.“
Besonders seit der Corona-Pandemie seien viele Menschen gereizter geworden. „Früher konnte man Konflikte meistens noch beruhigen. Heute kippt die Stimmung oft innerhalb von Sekunden.“
Handel reagiert mit Schulungen und Sicherheitsmaßnahmen‘
Auch bei Billa kennt man die zunehmenden Spannungen im Alltag der Mitarbeiter. Deshalb setzt das Unternehmen nun verstärkt auf Prävention, Schutz und Deeskalation.
Billa-Vorstand Robert Nagele betont, dass Gewalt und Einschüchterung gegenüber Mitarbeitern niemals akzeptiert werden dürften. Deeskalationsschulungen gehören mittlerweile fix zur Ausbildung – selbst Lehrlinge werden bereits auf schwierige Situationen vorbereitet. Zusätzlich kommen moderne Sicherheitssysteme sowie enge Kooperationen mit der Polizei zum Einsatz.
Ein wichtiger Bestandteil ist dabei die Initiative „GEMEINSAM.SICHER mit unserer Polizei“. Bei Aktionen wie „Coffee with Cops“ besuchen Beamte die Märkte, sprechen mit Kunden und Mitarbeitern und wollen so Vertrauen schaffen, bevor Konflikte eskalieren.
„Nicht schweigen“
Gleichzeitig versucht das Unternehmen auch intern ein klares Signal zu setzen: Betroffene sollen Vorfälle melden und nicht still ertragen. Viele Beschäftigte hätten Aggressionen lange als „Teil des Jobs“ hingenommen. Doch genau dieses Schweigen wolle man nun durchbrechen.
Denn hinter jeder Kassa sitzt ein Mensch – jemand, der freundlich bleibt, obwohl er angeschrien wird. Jemand, der arbeitet, obwohl die Belastung steigt. Und jemand, der Respekt verdient. Gerade dort, wo viele nur schnell ihren Einkauf erledigen wollen.
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