Im Vergleich zu vielen anderen italienischen Profi-Fußballvereinen wirkt der FC Südtirol fast schon unscheinbar und unaufgeregt. Im Gegensatz zu vielen Traditionsvereinen, die mal von Investoren getrieben in den Europacup stürmen und kurze Zeit später von finanziellen Sorgen geplagt in die Untiefen der Amateurligen abstürzen – hat man in Bozen in den vergangenen 30 Jahren ein Projekt vorangetrieben, mit dem man ein Team trotz vergleichsweise geringem Budget in der zweiten Liga etabliert und sogar schon fast in die Serie A geführt hat. Doch was ist der Schlüssel?
„Ich glaube nicht, dass es den einen großen Schlüssel gibt. Es ist vielmehr das Zusammenspiel mehrerer kleinen Elemente, die den Erfolg ausmachen“, gibt sich FCS-Sportdirektor Dietmar Pfeifer etwas geheimnisvoll, führt dann aber aus: „Es geht darum alle Bereiche – sei es der Profibereich, den Damen-Fußball, als auch den Jugendsektor sowie die Infrastruktur im Gleichklang zu entwickeln. Keine Schnellschüsse, sondern konstante Investitionen und Geduld.“
Wichtig sei es dabei auch, so Pfeifer weiter, dass nicht ein einzelner Mensch oder ein einzelner Investor über das Schicksal des Vereins entscheide. „Wir haben viele Aktionäre, keiner hat eine Mehrheit. Deshalb gibt es regen Austausch über alle wichtigen Entscheidungen und man einigt sich am Ende auf eine gemeinsame Linie. So verhindert man auch Entscheidungen, die anderswo aus einer Emotion heraus getroffen werden.“
Mehr Fokus auf andere Regionen
Von Investoren, die das Gesicht des Klubs verändern möchten, will man sich fernhalten. Zugleich aber offen bleiben für Kooperationen. Hat man sich viele Jahre vor allem auf den italienischen Markt konzentriert, gab es im Sommer einen Umbruch und nun auch mehr Fokus auf andere Regionen. „Österreich ist dabei für den FC Südtirol durchaus interessant – nicht nur von der sportlichen Komponente her“, bestätigt Pfeifer.
Der Verein bezeichnet sich selbst gerne als Integrationsmodell für alle drei Sprachgruppen, die in Südtirol zusammenleben. Man möchte Sammelbecken für die deutsche, italienische und ladinische Sprachgruppe gleichermaßen sein. Ein engagiertes Projekt, das durch die Erfolge der vergangenen Jahre an Fahrt aufgenommen hat.
„Der FC Südtirol ist mittlerweile die größte Sportinstitution des Landes Südtirol. Bei Weitem die umsatzstärkste Sportinstitution. Das hat man sich über Jahre erarbeitet“, erklärt Pfeifer stolz, „aber man muss sich bewusst sein, dass der Weg nie aufhört.“
30 aufregende Jahre
Es ist der vorläufige Höhepunkt einer Geschichte, die auf durchaus bewegte Jahre zurückblickt. Am Anfang stand der Traum eine Profi-Fußballmannschaft in Südtirol zu etablieren. Eine Gruppe von Unternehmern legte 1995 schließlich den Baustein für den heutigen FC Südtirol. Mit dem SV Milland übernahm die Unternehmergruppe einen Dorfverein, baute ihn zum Verein für die ganze Provinz, den FC Südtirol, um und führte das Team in der Saison 1999/2000 zum Meistertitel in der Serie D – der Aufstieg in die Serie C2 bedeutete, dass man im Profifußball angelangt war.
Der Verein übersiedelte in die Landeshauptstadt Bozen, erlebte einige Umbrüche und schaffte in der Saison 2009/10 den Aufstieg in die dritte italienische Liga. Fortan dominierte das langfristige Ziel, in die Serie B aufzusteigen. Dieser Traum drohte aber schon in der folgenden Saison zu platzen.
Im Playout-Spiel verlor man dramatisch gegen Ravenna nach einer Kurzschlussreaktion des eigenen Torhüters. Ein aufgedeckter Wettskandal, an dem Ravenna beteiligt war, bewahrte die Südtiroler allerdings vor dem Abstieg und das Projekt erhielt neuen Auftrieb. Neue Strukturen, Umbau des Stadions und ein modernes Trainingszentrum, in dem bald auch die deutsche Fußball-Nationalmannschaft zu Gast war, markierten Meilensteine der Vereinsentwicklung.
„Immer mit der Zeit gehen“
Mittlerweile wurden durch den steigenden Andrang im Stadion auch neue Ziele ins Auge gefasst: „Wenn wir konstant in der Lage sind, weiterhin rund 5000 Fans im Stadion zu haben, müssen wir künftig auch überlegen, Tribünen mäßig etwas zu machen und Großbildschirme im Stadion zu installieren. Wir versuchen aber auch, die medizinische Abteilung besser zu machen. Dazu gibt es immer neue Geräte und man muss immer mit der Zeit gehen. Das sind laufende Projekte, die wir verfolgen“, so Pfeifer.
2022 wurde schließlich auch der sportliche Traum wahr. Der Aufstieg in die Serie B. Und gleich in der ersten Saison in der zweithöchsten Spielklasse Italiens wurde der Underdog zur großen Überraschung. Schaffte es bis in die Aufstiegs-Playoffs. Der Traum von der Serie A platzte denkbar knapp gegen Traditionsverein Bari.
Allerdings konnte man sich mittlerweile in der Serie B etablieren. Wenngleich man in der vergangenen Saison nach einer schwachen Hinrunde gegen den Abstieg spielen musste, ist die Entwicklung des Vereins deutlich zu spüren. Vielversprechende Talente und Liga-erfahrene Routiniers sind zu einer Einheit verschmolzen. Kapitän Fabian Tait – seit 2014 im Verein und seither wesentlicher Baustein des Erfolges – steht dabei wie kein zweiter für die Identität des Klubs.
Besondere Auszeichnung für den Verein
Mittlerweile hat man auch international an Strahlkraft gewonnen und Nationalspieler in den eigenen Reihen. So etwa den Finnen Niklas Pyythiä oder den Isländer Bjarki Bjarkason. Und im Sommer wechselte Eigengewächs Raphael Kofler zu Cagliari in die Serie A. Der 21-jährige Defensivspieler, bereits Teil diverser italienischer Jugend-Nationalteams, gilt als großes Talent, das in der Serie A bereits überzeugen konnte.
Schmerzhaft für den FC Südtirol, der damit ein hoch veranlagtes Talent verloren hat – aber es überwiegt der Stolz, wie Pfeifer betont: „Unsere Aufgabe ist die, die Südtiroler Spieler zum Profifußballer zu formen. Dass es dann auch Abgänge zu größeren Vereinen gibt, ist am Ende klar und auch eine Auszeichnung für unsere Arbeit. Dass man heute in verschiedenen Top-Ligen immer mehr Kicker findet, die beim FCS ausgebildet wurde, zeigt, dass wir auf einem guten Weg sind.“
Träumen ist in Bozen also weiterhin erlaubt – und vielleicht gibt es für Kofler in der Serie A ja bald ein Wiedersehen mit seinem alten Verein. Wenngleich Pfeifer abschließend wieder zur Bescheidenheit mahnt: „Wir wollen nicht überheblich sein. Die Serie B zu halten, ist schon eine herausfordernde Sache, bei den starken Teams, die jährlich immer wieder dazukommen. Der FC Südtirol ist jetzt erst 30 Jahre alt und ist schon seit fünf Jahren in der Serie B. Das ist ein herausragendes Resultat.“ Und doch lässt er sich am Ende eine kleine Vision entlocken: „Es muss schon auch das Ziel sein, dass der FC Südtirol irgendwann den Sprung in die Serie A schafft. Ich glaube, dass es machbar ist. Ich kann aber nicht sagen, ob das in drei, fünf oder 15 Jahren ist.“
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