Experte zu „Timmy“:

„Auch ein toter Wal hat seinen Platz in der Natur“

Tierecke News
25.04.2026 14:30

Das wochenlange Drama rund um den Buckelwal vor der Ostsee-Küste bewegt viele Menschen – doch nicht mehr alle wollen ihn retten. Laut einer jüngsten Umfrage der „Bild“ wollen fünf Prozent das riesige Tier sogar etwa durch eine Sprengung töten. Der Wiener Meeresbiologe Daniel Abed-Navandi gibt im „Krone“-Gespräch Vermutungen ab, wieso Wal „Timmy“ so oft gestrandet ist und wie wir in Zukunft solche Szenarien verhindern können. 

„Krone“: Wie schätzen Sie die Situation von „Timmy“ ein?
Daniel Abed-Navandi: Es gibt meines Erachtens zwei Optionen: Der eine Weg ist, das Tier schwimmt, kommt in tieferes, salzigeres Wasser und wird möglicherweise auf natürlichem Weg gesund werden, und der andere Weg ist, dass das Tier, so wie es die letzten Wochen der Fall war, immer in schlechtem Zustand sein und dort versterben wird.

Was vermuten Sie, ist dem Wal passiert?
Es könnte sein, dass es zu einem Zusammenstoß mit einem Frachter gekommen ist und das Tier so den Orientierungssinn verloren hat. Er hat sich ja mehrfach verschwommen und hat sich wiederholt in Fischernetzen verfangen.

Wie lange kann ein Tier in so einem Zustand überleben?
Große Tiere sterben langsamer – kleine Tiere schneller. Aber der Zustand seiner Haut schaut nicht gut aus. Eventuell hat er sogar eine Lungenentzündung. Das sind allerdings nur Vermutungen.

Daniel Abed-Navandi, Meeresbiologe im Wiener Haus des Meeres
Daniel Abed-Navandi, Meeresbiologe im Wiener Haus des Meeres(Bild: Haus des Meeres)

Was sagen Sie generell zu den Rettungsversuchen?
Also ich bin ganz sicher, dass die Wissenschaftler, die Ärzte, die vor Ort sind, das Richtige machen, um herauszufinden, was das Tier genau hat.

Wann ist es vertretbar, ein Tier nicht mehr zu retten oder vielleicht einzuschläfern?
Es ist nicht leicht, so ein großes Tier einzuschläfern. Es kann beim Verabreichen des Mittels zu Krämpfen beim Wal führen, und der Tierarzt ist dabei in Lebensgefahr. Gestrandete Wale haben grundsätzlich keine gute Prognose, und ich würde ihn jetzt einmal nicht einschläfern, sondern seinen natürlichen Weg nehmen lassen.

Was kann man aus Fällen wie diesem lernen?
Wenn man eine Untersuchung des toten Wals macht, dann sieht man, ob sein Orientierungssystem verletzt war. Man muss auch die Öffentlichkeit informieren, dass das ein natürlicher Vorgang ist, dass kranke Wale sterben. Auch ein toter Wal hat seinen Platz in der Natur, weil er Grundlage für viele andere Organismen ist.

Warum löst dieser Wal so viel Empathie aus?
Große Tiere sind sympathischer als kleine, und alles, was größer ist, erweckt Empathie.

Wie können solche Situationen verhindert werden?
Die Meeresnutzung wird immer stärker, und Frachter sind das Nummer-1-Problem. Wir sollten Schifffahrtsrouten umlegen, um Kollisionen mit Walen zu vermeiden und den Lebensraumschutz in den Vordergrund stellen, weil diese Probleme durch menschliche Nutzung der Meere entstehen. 

„Krone“-Kommentar
Der Wal, der wachrüttelt

„Krone“-Tierexpertin Maggie Entenfellner über „Timmy“ und ihr Appell, die Meeressäuger besser zu schützen.

Ein gestrandeter Wal sorgt seit Wochen für Schlagzeilen. In Deutschland, in Europa, in der ganzen Welt kennt man ihn mittlerweile: „Timmy“ – der mächtige Meeressäuger. Die Bilder von ihm gehen ins Herz: der Wal, der am Strand liegt, so hilflos und erschöpft, dem Tod näher als dem Leben.  Und ja, es ist richtig, hinzusehen. Es ist richtig, Mitgefühl zu haben. Aber es ist auch notwendig, ehrlich zu sein. Denn während wir um diesen einen Wal bangen, zittern und über seine Rettung diskutieren, passiert auf den Weltmeeren etwas, das kaum jemanden berührt. Jedes Jahr werden Hunderte, gar Tausende Wale getötet – ganz legal. Länder wie Norwegen, Island und Japan jagen sie erbarmungslos.

Und selbst das ist nur ein Teil des großen Sterbens! Tausende weitere verenden lautlos, als Beifang in Netzen, durch Plastik oder Schiffskollisionen. Immer öfter stranden Wale orientierungslos, verirrt, geschwächt. Der Grund dafür: Militärsonar, Frachtschiffe, industrielle Nutzung. All dies stört die Kommunikation der Wale. Sie hören nicht mehr, wohin sie schwimmen, verlieren die Orientierung.

„Timmy“ ist also kein Einzelfall. Er ist ein Symbol, ein Spiegel für eine Welt, die Tiere liebt und sich für sie einsetzt, solange sie uns emotional berühren. Wir einen Bezug zu ihnen haben, ihnen Namen geben.  Wir brauchen keine kurzfristige Empörung. Wir brauchen Konsequenzen: weniger Lärm, dafür mehr Schutz! Sonst werden wir auch morgen wieder an einem Strand stehen und darüber diskutieren müssen, ob und wie wir ein geschwächtes Tier retten.

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