Petrenko macht Wagners „Rheingold“ zum musikalischen Triumph, Serebrennikovs bildstarke Endzeit-Inszenierung bleibt gedanklich konventionell. Der eigentliche Coup des Abends war indes schon vor dem ersten Ton vollbracht.
Die Berliner Philharmoniker zurück bei den Osterfestspielen. Nach 13 Jahren ist Intendant Nikolaus Bachler der geniale Kunstgriff gelungen, das Gründungsorchester des Festivals wieder heim nach Salzburg zu holen. Was Chefdirigent Kirill Petrenko bei der „Rheingold„-Premiere im Graben anstellte, war allerdings mindestens ebenso sensationell.
Die Sensation war dabei nicht Petrenkos Händchen für Wagner. Das hat er, ebenso wie die Berliner, ohnehin im Blut. Vielmehr zog die eigene Handschrift in den Bann, die er für Wagner entwickelt hat. Mit zwei Stunden und zwanzig Minuten Spielzeit dirigierte er ein äußerst flottes, aber nie gehetztes „Rheingold„, mit feinem Gespür dafür, wann die Berliner aufdrehen durften und wann die Musik feiner werden musste. Beim Auftritt der Riesen riss einen diese dynamische Spannung buchstäblich aus dem Sitz, nur um einen Minuten später wieder sanft hineinzubetten. Diese Interpretation hätte auch konzertant höchsten Unterhaltungswert gehabt.
Doch die Osterfestspiele setzten noch auf eine weitere Karte: eine „noch nie gesehene“ Inszenierung von Kirill Serebrennikov. Gemeinsam mit dem Künstlerduo Recycle Group baute er eine bildgewaltige Welt: ein postapokalyptisches Afrika unter Permafrost, mit weiß gewandeten Göttern über vulkanischem Gestein und dreckverschmierten Nibelungen darunter. Erkaltetes Vulkangestein auf der Bühne der Felsenreitschule wurde zur Spielwiese der Macht, deren Inspiration möglicherweise der Blockbuster „Dune„ war.
Dort kam man aus dem Schauen kaum heraus, aus dem Denken aber auch nicht besonders weit hinein. Denn hinter all den starken Bildern steckte am Ende eine ziemlich alte Ordnung: edle Götter gegen niedere Wesen. Zieht man der Inszenierung ihre Science-Fiction-Gewänder aus, bleibt ein erstaunlich konventioneller Zugriff.
Mit Spannung erwartet wurde Christian Gerhahers Rollendebüt als Wotan. Er stattete den Göttervater mit mehr Wortmacht als Wotan-Wucht aus, was die Rolle ungewöhnlich schlank erscheinen ließ. Daneben blitzten mit Brenton Ryans mephistophelischem Loge und Jasmin Whites klarer, fokussierter Erda echte Juwelen im insgesamt jungen Ensemble auf.
Am Ende machten Petrenko und die Berliner Philharmoniker aus diesem „Rheingold“ ein elektrisierendes Festspielereignis, das die Heimkehr des Orchesters wie ein Versprechen für die kommenden Jahre wirken lässt. Das eigentliche Gold dieses Abends lag definitiv im Graben.
Larissa Schütz
Willkommen in unserer Community! Eingehende Beiträge werden geprüft und anschließend veröffentlicht. Bitte achten Sie auf Einhaltung unserer Netiquette und AGB. Für ausführliche Diskussionen steht Ihnen ebenso das krone.at-Forum zur Verfügung. Hier können Sie das Community-Team via unserer Melde- und Abhilfestelle kontaktieren.
User-Beiträge geben nicht notwendigerweise die Meinung des Betreibers/der Redaktion bzw. von Krone Multimedia (KMM) wieder. In diesem Sinne distanziert sich die Redaktion/der Betreiber von den Inhalten in diesem Diskussionsforum. KMM behält sich insbesondere vor, gegen geltendes Recht verstoßende, den guten Sitten oder der Netiquette widersprechende bzw. dem Ansehen von KMM zuwiderlaufende Beiträge zu löschen, diesbezüglichen Schadenersatz gegenüber dem betreffenden User geltend zu machen, die Nutzer-Daten zu Zwecken der Rechtsverfolgung zu verwenden und strafrechtlich relevante Beiträge zur Anzeige zu bringen (siehe auch AGB). Hier können Sie das Community-Team via unserer Melde- und Abhilfestelle kontaktieren.