Wem Mumford & Songs zwischenzeitlich zu elektronisch und The Lumineers zu poppig geworden sind, der findet bei den Kanadiern von The Dead South noch immer genug Amish-Bluegrass-Folk, der sich bewusst der beschleunigten Gegenwart entzieht. Heute Abend spielen sie in der Innsbrucker Music Hall, im Vorfeld standen sie uns Frage und Antwort.
Frühe Medienberichte verglichen The Dead South mit den Folk-Größen Mumford & Songs und hingen ihnen das doppeldeutige Schild „böse Zwillinge“ ebenjener um. Später haben sie sich stolz selbst so bezeichnet, die gute Gefolgschaft einer weltberühmten Band nimmt man natürlich gerne mit. Die in der kulturell eher brachliegenden kanadischen Metropole Regina in Saskatchewan gegründete Combo hat sich in den 14 Jahren ihres Bestehens jedenfalls eine respektable Gefolgschaft aufgebaut und reüssiert mit Amish-Image und bodenständigen Waschbär-trifft-Waschbrett-Klängen den Nerv einer digital überforderten Gesellschaft, die sich auf Platte und noch lieber bei Livekonzerten gerne für eineinhalb Stunden aus den stressigen Mühlen des Alltags zieht. Frontmann Nathaniel Hilts und Cellist Danny Kenyon hörten selbst gerne Bluesgrass-Bands wie Trampled By Turtles und Old Crow Medicine Show und beschlossen daraufhin, sich selbst darin auszutoben – mit einem gewissen Punk-Ethos.
Licht und Schatten
Spätestens mit dem 2016 veröffentlichten Zweitwerk „Illusion & Doubt“ eroberte man die nordamerikanischen Genre-Charts, etwas später rollte man auch das europäische Festland auf. Inklusive schrägem Humor, der auch gerne aneckt und in Zeiten der politischen Korrektheit nicht immer ideal ankommt. Schon gar nicht gut angekommen sind im Frühling 2020 sexuelle Missbrauchsvorwürfe gegen Kenyon, der kurz darauf die Band verließ, ein knappes Jahr später aber wieder zurückkehrte. So richtig ausgeräumt wurde die Causa nie, wirft seither auch einen markanten Schatten auf das sonst so bunte Treiben der Band – beim Interview mit Kenyon und Gitarrist Scott Pringle war das Thema dementsprechend tabuisiert. Viel lieber reden sie über ihre Musik und Erinnerungen, die sie etwa auch an Österreich zuhauf haben.
Kenyon war als Kind Teil eines kanadischen Jugendorchesters und trat in Wien anlässlich eines runden Geburtstags von Wolfgang Amadeus Mozart auf. „Ich bin mit klassischem Klavier aufgewachsen, aber der eigentliche Grund für den Trip nach Österreich war meine Schwester, die Flöte spielte und eine tragende Rolle im Orchester hatte. Wir sind als Familie viel gereist und haben so einiges erlebt und gelernt – auch über die musikalische Geschichte der Klassik in Österreich.“ Aus der Ecke ist für The Dead South zwar wenig hängengeblieben, eine fundierte Allgemeinbildung schadet aber nicht – auch wenn sie über die eigengesteckten Grenzen hinausreicht. Pringle fungierte anfangs noch parallel als Musiklehrer, bevor er sich durch den Erfolg seiner Band endgültig auf die Musik konzentrieren konnte. Und auch wenn es schon ungustiöse Störgeräusche und leichte Besetzungsadaptionen gab, liegt es vorwiegend am Vierer-Stammgespann, das die Kanadier sich so erfolgreich entwickeln.
Familie in vielfachem Sinn
„Wir haben untereinander eine sehr positive und fruchtbare Beziehung“, so der Gitarrist, „Danny und Nate kenne ich seit meinem fünften Lebensjahr, unser Banjospieler Colton Crawford ist der Mann meiner Schwester, also ist er sogar wortwörtlich ein Familienmitglied. Wir hängen schon so lange gemeinsam in dem Projekt drinnen, dass wir damit gewachsen und gereift sind. Mittlerweile haben wir auch die perfekte Balance zwischen dem Job und unseren Familien gefunden. Es war ein hartes Stück Arbeit mit vielen Rückschlägen und Entbehrungen, aber wir fühlen uns momentan goldrichtig in unseren Leben.“ Diese Art von Balance ist auch innerhalb der Band von besonderem Wert. „Kommunikation ist alles. Wir sind so weit, dass Band, Management und die gesamte Crew, unsere ganze Familie, an einem Strang ziehen und dieselben Ziele verfolgen. Jeder kennt die Stärken und Schwächen der anderen und wir ergänzen uns ideal. Es hat eine Zeit gebraucht, bis wir an den Punkt angelangt sind, aber umso schöner ist die Arbeit unter uns allen heute.“
Das vierte und bislang letzte Studioalbum „Chains & Stakes“ hat mittlerweile auch schon wieder gute zwei Jahre am Buckel, mit einer Nachfolge darf wohl bald gerechnet werden. Doch Touren und Songschreiben unterscheiden die Nordamerikaner für gewöhnlich strikt. „Wir brauchen dafür Ruhe und müssen inspiriert sein. Auf Tour ist man immer im Stress und abgelenkt, das funktioniert nicht so gut.“ Dass man von Americana über Folk bis Country auch unzählige Subgenres streift, ist für die Bandmitglieder längst der Normalzustand. „Wir hoffen zumeist auf kreative Blitzschläge. Die kommen unerwartet, sind aber umso besser. Leider lassen sie sich nicht erzwingen, aber wenn man sich Ruhe gönnt, erhöht sich die Chance, davon getroffen zu werden.“ Bis dahin spielen sie jedenfalls weiterhin ihre Hits aus eineinhalb Jahrzehnten aufstrebender Bandkarriere – Neues wird es bald wieder geben.
Live in Innsbruck
Heute Abend, am 21. März, konzertieren The Dead South in der Innsbrucker Music Hall. Das Konzert ist leider schon restlos ausverkauft.
Willkommen in unserer Community! Eingehende Beiträge werden geprüft und anschließend veröffentlicht. Bitte achten Sie auf Einhaltung unserer Netiquette und AGB. Für ausführliche Diskussionen steht Ihnen ebenso das krone.at-Forum zur Verfügung. Hier können Sie das Community-Team via unserer Melde- und Abhilfestelle kontaktieren.
User-Beiträge geben nicht notwendigerweise die Meinung des Betreibers/der Redaktion bzw. von Krone Multimedia (KMM) wieder. In diesem Sinne distanziert sich die Redaktion/der Betreiber von den Inhalten in diesem Diskussionsforum. KMM behält sich insbesondere vor, gegen geltendes Recht verstoßende, den guten Sitten oder der Netiquette widersprechende bzw. dem Ansehen von KMM zuwiderlaufende Beiträge zu löschen, diesbezüglichen Schadenersatz gegenüber dem betreffenden User geltend zu machen, die Nutzer-Daten zu Zwecken der Rechtsverfolgung zu verwenden und strafrechtlich relevante Beiträge zur Anzeige zu bringen (siehe auch AGB). Hier können Sie das Community-Team via unserer Melde- und Abhilfestelle kontaktieren.