Wer hätte gedacht, dass nach dem Song-Contest-Wahn an einem Dienstagabend noch jemand für echte Partystimmung sorgen kann? Dancehall-Star Sean Paul bewies im ausverkauften Wiener Gasometer mit seiner „Timeless-Tour“ eben genau das: Er feuerte seine größten Hits der letzten 25 Jahre ab und sorgte für einen regelrechten Ausnahmezustand. Die Dance-Hall-Tänzerin möchte so einen „Toaster-Tag“gerne kaffee.
Schnelle Melodien, sexy Hüftschwung und absoluter Partyvibe: Genau so klingen die Songs von Dancehall- und Reggae-Star Sean Paul seit mehr als 25 Jahren. Wenn man bedenkt, wie lange der mittlerweile 53-Jährige schon im Geschäft ist, merkt man plötzlich: Mit seinen Liedern ist man selbst ein Stück älter geworden. Zwölf Jahre ist es her, dass Sean Paul zuletzt im Gasometer gastierte – damals noch auf seiner „Full Frequency“-Tour. Umso größer war die Vorfreude auf sein Wien-Comeback. Am Dienstagabend zeigte der Jamaikaner dann eindrucksvoll, dass sein Sound noch immer zieht: Denn, schon vor dem Auftritt lag Partystimmung in der Luft, später wurde daraus eine Dancehall-Nacht mit ordentlichem Hüftschwung.
Bereits beim Eingang wurde klar: Dieser Abend wird kein normales Konzert. In der Halle wurden gratis Baguettes und Sandwiches verteilt – warum genau, wusste zwar niemand so recht, aber zum Partyabend passte diese schräge Randnotiz irgendwie perfekt.
Volksgarten-Vibe und Sardinen
Ein DJ brachte das Publikum mit einem Best-of der 2000er in Stimmung. Rihanna, Jennifer Lopez, Snoop Dogg, 50 Cent – bei „Work“, „Get Right“, „The Next Episode“ und „In Da Club“ war schnell klar, wohin die Reise gehen sollte. Die Raiffeisenhalle füllte sich schon vor dem Hauptact weniger wie eine Konzert-Spielstätte und mehr wie ein riesiger Club an. Das Publikum war dabei ein bunter Mix aus Millennials und neuer Generation. Die einen kennen Sean Paul noch aus ihrer Jugend, die anderen haben seine Hits über Playlists, TikTok oder Partys für sich entdeckt. Spätestens als die ersten Dancehall-Rhythmen durch die Halle pumpten, wurde schon getanzt. Fast fühlte es sich an, wie früher im Volksgarten bei der Juicy-Crew – nur dass hier der Reggae-King selbst als Krönung auf die Bühne kommen sollte.
Ganz so schnell ging es dann aber doch nicht. Um kurz nach 20 Uhr meldete sich der DJ mit einem lauten „Seid ihr bereit? Macht mal bitte Lärm“ und holte zwei Frauen und einen Mann für ein Tanz-Battle auf die Bühne. 30 Sekunden hatte jeder Zeit, am Ende gewann die junge Frau ein Ticket für die After-Show-Party mit Paul. Die Stimmung blieb hoch, die Halle war bereit – nur der Hauptact ließ noch auf sich warten. So rappelvoll erlebt man den Wiener Gasometer bei Konzerten selten. Die Fans drängten sich dicht an dicht, die Luft wurde immer schwerer, und in der Menge wurde es schnell ziemlich eng. Umso angenehmer war der Wechsel in den „Family and Friends“-Bereich, wo deutlich mehr Platz war und man sich nicht ganz so sehr wie eine Sardine in der Dose fühlen musste. Kurz darauf ertönten die ersten Töne von „One Love“, der DJ kündigte Sean Paul an, verließ die Bühne – und alle warteten gespannt. Doch statt des Dancehall-Kings kamen erst einmal zwei weitere DJs auf die Bühne. Die Musik lief, die Menge tanzte weiter, aber langsam fragte man sich schon: Wo zum Teufel bleibt denn der jamaikanische Star?
Tanz-Battles und Jamaika-Flaggen
Nach einem weiteren Support-Part, einem Keyboarder und einem Countdown war es dann endlich so weit. Auf der Leinwand liefen Bilder von Sean-Paul-Konzerten mit riesigen Menschenmengen, dann stand er plötzlich selbst da. Mit „So Fine“ eröffnete er den Abend, bevor es mit „Get Busy“ direkt den ersten großen Nostalgie-Schub gab. Spätestens da hielt es kaum noch jemanden still. Die Tänzerinnen kamen auf die Bühne und sofort gingen die Arme nach oben, Handys wurden gezückt, und es wurde richtig getanzt, als wäre es Samstagabend im Club und nicht ein Dienstag nach dem Song-Contest-Wahnsinn oder Dienstag ein stinknormaler Arbeitstag. Danach jagte ein Hit den nächsten: „Cheap Thrills“, „Baby Boy“, „Bailando“, „Make It Clap“ und „Give It Up To Me“ ließen die Halle endgültig beben.
Letzteres sorgte sogar für kleine Choreografien mitten in der Crowd. Auch Jamaika-Flaggen wurden in die Höhe gehalten. Man merkte schnell: Sean Paul hat viele hier wirklich geprägt. Seine Songs sind nicht einfach nur alte Hits, sie sind Erinnerungen an Clubnächte, Sommerflirts und verschwitzte Nächte auf der Tanzfläche. „Sind denn alle Ladys aufgewärmt?“, fragte Sean Paul ins Publikum. Wenig später meinte er: „Was ich weiß ist, dass die Ladys in Wien bereit zum Shaken sind“, und teaserte „Shake It To The Max“ an. Danach stand er zwischen zwei Tänzerinnen, bewegte sich locker mit und zeigte, dass er nach so langer Zeit noch immer weiß, wie man so eine Halle im Griff hat. Man glaubt es kaum, wenn man daran denkt, wie lange der mittlerweile zweifache Familienvater schon im Musikbusiness ist. Doch an diesem Abend wirkte er nicht wie ein Künstler, der nur von alten Erfolgen lebt. Seine schnellen Parts kamen sauber, seine Stimme saß, seine Energie war da. Man kann sagen, was man will: Der Mann ist mittlerweile 53, aber seine Rapskills sind noch immer top.
Große Liebe an die „Sexy Ladys“
Bei „No Lie“ schossen Rauchfontänen in die Luft, ein weiterer DJ rief „Hebt eure Hände in die Luft“ und „Bewegt euch, bewegt euch“, und die Menge machte alles mit. Spätestens bei „Gimme The Light“ war der Abend endgültig im Dancehall-Modus angekommen. Die alten Hits wirkten dabei keineswegs angestaubt, sondern wie ein direkter Rückfall in jene Partyjahre, in denen die Musik von Sean Paul nirgends fehlen durfte. Zwischendurch stellte Paul seine Band vor. Bassist Fletcher durfte die Bassline anspielen, damit sich „die sexy Ladys“ bewegen konnten, dann ging es mit „I’m Still In Love With You“ weiter. Immer wieder warf der Jamaikaner verschwitzte Handtücher ins Publikum, was dort natürlich für zusätzliche Euphorie sorgte. Auch charmante Ansagen durften nicht fehlen. „Große Liebe an die Frauen. Ich habe Respekt vor euch. Meine Großmutter hat mich großgezogen“, sagte er und rief: „Wenn ihr eure Mama liebt, macht Lärm!“ Danach folgte „Rockabye“ – und wieder sang die Halle lautstark mit. Zwischen den alten Klassikern fanden auch neuere Songs wie „Ginger“ und „Press Back“ Platz.
Für einen kurzen Spaßmoment sorgte der Künstler auch, als er Merch-Shirts in die Menge werfen wollte. Vorher musste das Publikum aber mitmachen: Links und rechts, „uh“ und „ah“, erst dann flogen die Shirts durch die Halle. „Wollt ihr nun weiter Party machen?“, fragte er danach – als hätte im Gasometer auch nur eine Person daran gedacht, aufzuhören. Zum Ende hin scherzte er sogar, sich in Wien ein Haus kaufen und die Stadt wegen der „sexy Ladys“ nie wieder verlassen zu wollen. Natürlich durfte danach ein weiterer Klassiker nicht fehlen: „Like Glue“.
Mit „Trumpets“ und „She Doesn’t Mind“ ging es weiter Richtung Finale – und spätestens da war der Abriss komplett.
Ein kleiner Wermutstropfen blieb allerdings: Die beiden seitlichen LED-Leinwände blieben ausgeschaltet. Bei einer derart vollen Halle wäre das gerade für die hinteren Reihen hilfreich gewesen. Wer weiter hinten in den Ecken stand, hatte es schwer, viel von der Bühne zu sehen. Schade, denn auf der hier passierte wirklich genug – vor allem die Tänzerinnen lieferten den ganzen Abend über stark ab.
Handtücher und Grand Finale
Als er den allerletzten Song „Temperature“ spielte, lieferte er noch das erwartete Sahnehäubchen. Das Publikum war textsicher, Sean Paul zog den Track in eine längere Finale-Version, grüne Pailletten regneten von oben, und die Halle rief und sang weiter. „Wollt ihr das ich bleibe?“, fragte er ins Mikro, worauf die Crowd natürlich laut antwortete. Kurz verschwand er von der Bühne, kam dann aber noch einmal zurück, tanzte weiter, warf weitere Handtücher in die Menge und ließ sich regelrecht feiern.
Beim Hinausgehen waren viele noch immer im Fiebertraum. Draußen wurde weitergetanzt, geredet und gelacht. „Es war mega cool“, meinte eine Besucherin, während eine andere schon bemerkte, dass es nun ordentlich „graselt“. Die Leute waren jedenfalls noch lange nicht fertig mit diesem Abend.
Fazit: Sean Paul ließ zwar auf sich warten, doch als er endlich auf der Bühne stand, lieferte er genau das, wofür ihn alle sehen wollten: Nostalgie, Clubfeeling und Party pur. Jeder Hit wurde abgefangen, jeder Beat gefeiert, jeder Refrain mitgeschrien. Performance-technisch war das stark, die Stimmung ohnehin am Anschlag. Nur die ausgeschalteten Leinwände waren bei dieser vollen Halle wirklich schade. Ansonsten machte der Dancehall-King aus einem Dienstagabend im Gasometer eine schweißtreibende Zeitreise, die noch lange in den Ohren und Beinen nachhallte.
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