Zwischen seinem Durchbruchsalbum „Große Freiheit“ und seinem Karriereende dominierte der Graf mit seiner Band Unheilig von 2010 bis 2016 die Charts im deutschsprachigen Raum. Dann zog er die Reißleine und beendete seine Karriere. Mit dem Album „Liebe Glaube Monster“ und einer ausladenden Tour kehrt er überraschend zurück. Im großen Talk mit der „Krone“ erzählt, warum er sich dabei selbst austricksen musste, was der Verlust seiner Eltern mit ihm machte und wieso er jetzt ganz anders an die Dinge herangeht.
„Krone“: Graf, wir wissen seit gut einem Jahr, dass du nach fast zehnjähriger Abwesenheit dein Comeback gibst. Gab es im Laufe der Zeit einen springenden Punkt, wo du gemerkt hast, du musst unbedingt wieder zurück? Vor allem auf die Bühne?
Der Graf: Entscheidend war bei mir tatsächlich der Krankenhausaufenthalt Anfang letzten Jahres infolge einer Vorsorgeuntersuchung, wo mich der Arzt mit Verdacht auf stillen Herzinfarkt in die Notaufnahme schickte, weil die Blutwerte und der Blutdruck so hoch waren. Das war dann der letzte Tropfen auf dem heißen Stein. Ich habe – auch mit meiner Frau zusammen – schon Jahre vorher darüber nachgedacht. Ich schrieb heimlich Lieder, ohne irgendwem etwas davon zu erzählen. Bei mir daheim im kleinen Studio, denn als Musiker kannst du das Karussell im Kopf nicht ausschalten. Zwischendurch kam der Rückzug bis zum Moment auf der Notaufnahme. Ich habe dann mein Leben nochmal überdacht. Ich bin jetzt 55 und irgendwann kannst du nicht mehr machen, wie du willst, weil du zu alt wirst. Mit 80 ist es nicht mehr so leicht, bestimmte Entscheidungen zu treffen. So habe ich meinen Manager Markus angerufen und ihm gesagt, ich hätte nochmal Lust und würde auch schon seit ein paar Jahren Lieder schreiben und er solle mal reinhören. Ich wollte wieder loslegen, aber nicht so wie früher, sondern anders.
Inwiefern anders?
Wir haben früher alles allein gemacht. Die Livekonzerte und die Locations gebucht und ich war verantwortlich. Bei der Weihnachtsfeier waren bis zu 70 Leute, die von mir bezahlt wurden und die von mir abhängig waren, ob sie ihre Familien ernähren können oder nicht. Der Druck war enorm. Was ist, wenn ich mal länger krank werde? Oder mir nichts einfällt und ich keine guten Lieder mehr schreibe? 2015 kamen dann die Anschläge bei den Konzerten im Pariser Bataclan und dann wurden die Sicherheitsbedingungen hochgestuft. All diese Ängste wollte ich nicht mehr haben. Es ist toll, wenn du als Künstler erfolgreich bist, aber so ein Erfolgskorsett schnürt sich immer enger und enger zusammen, weil alle mit dir Geld mitverdienen und du allen genügen musst. Ich konnte irgendwann nicht mehr Musik machen, so wie ich es wollte. Das konnte ich dann wieder, als ich aufgehört hatte und niemand mehr damit rechnete. Ich musste mir keine Gedanken darüber machen, was eine Plattenfirma oder ein Radiosender sagt – ich habe nur für mich geschrieben.
Das Aus war also die richtige Entscheidung?
Ich würde es immer wieder so machen. Ich habe auch hier in der „Kronen Zeitung“ vollmundig gesagt, ich komme nicht mehr wieder. Es gibt keinen Rücktritt vom Rücktritt – da könnt ihr euch drauf verlassen. Diese Hürde zu überspringen war gewaltig. Ich bin eigentlich ganz einfach gestrickt, wenn ich was sage, kann man sich drauf verlassen. Mein Wort hat immer Gewicht. Aber in dem Moment, in dem du Angst um dein Leben hast oder es an dir vorbeizieht, reflektierst du. Mein Opa hatte im gleichen Alter einen Herzinfarkt und musste aufhören zu arbeiten. Diese Ängste hatte ich auch. So sitzen wir jetzt hier und führen ein Interview.
Hast du in der Zeit abseits des Rampenlichts die Musik auch völlig beiseitegelassen und ganz andere Sachen gemacht?
Nach dem allerletzten Konzert in Köln habe ich mir den Bart abrasiert, die Handynummer geändert und alles von meiner Musik verschenkt. Wir haben das Haus verkauft und meine Frau und ich haben uns komplett reduziert. Wir haben uns ein kleines, aber feines Wohnmobil gekauft und sind für die ersten drei, vier Jahre damit nach Spanien gefahren. Zu meiner Schande habe ich ansonsten nichts getan. Dann kam Corona, wo alle zu Hause bleiben mussten und dort entstanden die ersten Lieder. Irgendwann war da wieder diese Stimme im Ohr und es ging los. Anfangs habe ich noch nachts geträumt, ich hätte einen Auftritt und wachte schweißgebadet auf, weil ich im Traum nicht wusste, welche Lieder wir spielen. Wie in der Schule, wenn du vor einer Prüfung nichts gelernt hast.
In der Phase in Spanien war sicher genug Zeit, um über alles im Leben nachzudenken. Man kennt deine Geschichte ja, dass in den ersten zehn Jahren deiner Karriere wenig Erfolg da war und deine Frau dir bei allem half. Hast du diese Zeit genützt, um das private Band zwischen euch zu stärken?
Absolut. Ich habe mein Privatleben früher überhaupt nicht in die Öffentlichkeit getragen und noch nicht einmal erzählt, dass ich eine Frau habe. Letzten Endes hat sich das aber auch immer komisch und falsch angefühlt, weil ich diesem Menschen alles zu verdanken habe. Sie wollte nie in die Öffentlichkeit, aber diese Form des Verleugnens war auch nicht okay. Heute ist sie bei jedem Konzert dabei. Reflektieren war allgemein wichtig. Ab 50 kommen die Einschläge in deinem Leben näher. Die Eltern werden älter und plötzlich wirst du als Sohn gebraucht in einer Form, an die du vorher nie gedacht hast. Sie könnten bestimmte Dinge nicht mehr und du musst dich kümmern. Dieses Leben steht mir und uns allen bevor, da kommt man unweigerlich ins Grübeln.
Den ursprünglichen Traum von der Musik also noch einmal aufnehmen?
Mit zwölf hatte ich diesen Traum das erste Mal und 2010 kam mit „Große Freiheit“ der Erfolg. Plötzlich war ich dort, wo ich dachte, ich würde nie hinkommen. Von diesem ganzen Weg handelt auch mein neues Album „Liebe Glaube Monster“. Es ist eine Reflexion von der Kindheit bis heute, mit aller Liebe, allem Glauben und aller Ängste gegen die Monster des Lebens. Diese neun Jahre abseits haben mir wirklich gutgetan, aber das ist auch ein großer Luxus, den man sich erlauben können muss. Früher hetzte ich von einem Termin zum nächsten. Es blieb überhaupt keine Zeit, das Erlebte zu verarbeiten. Ich habe mir das so ausgesucht und es war schön, hatte aber auch seinen Preis. Ich habe mir einfach viel Zeit genommen, den Akku wieder aufzuladen.
Abseits deiner Tätigkeit mit Unheilig warst du nie der große Fan des Rampenlichts. Die Geschichte mit deiner Frau, das Geheimhalten deines echten Namens und des Alters – ist die Öffentlichkeit für dich immer noch ein notwendiges Übel?
Das nicht. Ich gebe offen und ehrlich zu, dass ich auf Applaus und Feedback stehe. Ich brauche die Bestätigung für meine Kunst. Das finde ich schön und das hat mir die letzten Jahre auch sehr gefehlt. Ich finde auch kritische Fragen super, wenn man sich austauscht und über die Musik redet. Den Schutz für meine Familie habe ich mir in dem Sinn gar nicht ausgesucht. Am Anfang wurden wir von der Presse regelrecht observiert. Da sind Paparazzi ums Haus gelaufen und wollten Eindrücke, die privat sind. Ohne die Öffentlichkeit würde es meine Musik nicht geben, aber da musste ich eine rote Linie ziehen.
Das Songwriting für das neue Album ging ganz natürlich von der Hand? Eines fügte sich ins andere?
Ich habe den ersten Ordner in meinem Handy geöffnet, da kam ein Lied rein und plötzlich kamen immer mehr dazu. Ich hatte in einer Woche ca. sieben Lieder und dann waren da 20 Texte – was tue ich mit denen? Dann kaufte ich mir einen Laptop und habe professioneller dran gearbeitet und es entstanden Songs wie das Intro „Revolution“ oder „Monster“. Das Intro habe ich mir mit dem Herzschlag schon vor zig Jahren so vorgestellt, wie im Winterschlaf. Dann war das der Herzschlag im Krankenhaus und der Kreis hat sich geschlossen. Es ist fast so, als hätte ich in die Zukunft geblickt, ohne es zu wissen – ein bisschen spooky.
Auf dem Album schlägst du viele Brücken zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Es gibt nostalgische Lieder, es gibt Hymnen, „Du bist meine Heimat“ ist deiner Frau gewidmet, andere Songs deinen Eltern und dann gibt es noch moderne Lieder, die sich um das Thema KI drehen. Da ist schon viel an Gedankenströmen zusammengeflossen?
Wir leben heute in einer Welt, die ganz anders ist, als jene, die ich in der Öffentlichkeit vor neun Jahren verlassen habe. Es gab damals noch kein Instagram und kein TikTok. Facebook war das Größte und die KI noch in den Kinderschuhen. Ich war wirklich in meiner Blase, einer Art Winterschlaf und habe viel um mich ausgeblendet, was jetzt da ist. Ich habe die ganzen neuen Plattformen anfangs nicht verstanden, das musste mir erst mal die Jugend erklären. Mann, fühlte ich mich alt. Das war so, als ich Papa damals ein Handy erklären musste. (lacht) Die KI hat zwei Seiten. Medizinisch und in die Richtung gesehen kann man viel damit machen, aber es wird immer böse Menschen geben, die böse Dinge tun. Das war mit den ersten Computern vor 60 Jahren nicht anders. Die Kombination KI mit einem unkontrollierten Internet sehe ich aber kritisch.
Musikalisch warst du schon immer vielseitig unterwegs. Zwischen Balladen, Industrial, Pop, Rock und Schlager ist eigentlich alles möglich. Kommt dir das heute noch mehr zu Gute in einer Zeit der Playlisten, wo Konsumenten immer weniger streng nach Genre hören?
Daran habe ich gar nicht gedacht. Ich mache die Musik, wie ich sie immer mache und will ein Album erzeugen, dass man hören kann, ohne einzuschlafen. Deshalb gibt es laute und leise Lieder und von allem etwas. Das Konsumieren von Musik ist heute anders geworden. Die Leute skippen schnell weg, weil man nur eine begrenzte Zeit hat und nicht alles hören kann. Ich frage mich oft, wie Spotify so entstehen konnte? Was haben die Musiker sich dabei gedacht, als man ihnen sagte, du kriegst einen kleinen Obolus dafür, dass die ganze Welt für immer und ständig all deine Musik hören kann. Musik ist doch Handarbeit, man arbeitet 365 Tage im Jahr daran. Ich bin in der luxuriösen Situation, dass die Leute auch zu den Konzerten hingehen, aber wie sieht das für junge Künstler aus, die gerade erst anfangen? Welche Zukunftsvisionen haben sie? Die Wertigkeit von Musik wird total abgestuft. Ich weiß auch nicht, wie das passieren konnte. Du kannst auch nicht jedes Auto der Welt fahren für 9,99 Euro ohne Sprit und Versicherung zu zahlen.
Man hat überhaupt das Gefühl, die Musikindustrie hätte seit Jahrzehnten nur fatale Entscheidungen getroffen …
Es geht gar nicht darum, viel Geld aus all dem rauszuziehen, aber man muss Musik als Handwerk und Kunst schätzen. Meine Lieder sind meine Kinder. Da sind Emotionen und Gefühle drinnen. Das Artwork von „Liebe Glaube Monster“ wurde von einem Maler in seinem Atelier in Ölfarbe gemalt. Echte Handarbeit, ich liebe solche Sachen. Wenn du für fünf Millionen Klicks 1000 Euro kriegst, was hat das für einen Wert? Und diese Klicks musst du erst einmal kriegen. Da stimmen die Relationen nicht. Das ist auch kein Antrieb für junge Leute, in die Musik zu gehen.
Deine Karriere wäre im Spotify-Zeitalter wahrscheinlich auch schwieriger zu bewerkstelligen gewesen …
Heute hast du das Internet mit all den Social-Media-Kanälen. Du bewegst dich auf ganz anderen Wegen, bis du Geld verdienst. „Liebe Glaube Monster“ ist auch deshalb so ein geiles Album geworden, weil so viele tolle Musiker daran mitgearbeitet haben. Die kriegst du nicht für 9,99 Euro. (lacht)
Die Entwertung von Arbeit wird in der Welt allgemein immer größer. Du hast eingangs die Verantwortung für die vielen Menschen in deinem Team angesprochen. Ist das heute anders als in deiner ersten Karrierephase?
Wir haben unsere Bubble sehr kleingehalten und geben heute alles ab. Ich kann es mir leisten, die anderen Experten machen zu lassen und Verantwortung abzugeben. Wir veranstalten keine Konzerte mehr selbst. Wir haben die Ideen, geben die weiter und andere setzen sie um. Das bringt etwas weniger Geld ein, aber auch weniger Verantwortung mit sich. Ich sage auch nicht mehr zu allem Ja und Amen. Früher habe ich bis zum Erbrechen Promo gemacht – wenn jetzt nach acht Interviews kein neuntes mehr reinpasst, dann wird das eben verschoben. Mittlerweile habe ich sogar Urlaub in meinem Kalender stehen, das wäre früher undenkbar gewesen. Anfang, Mitte und Ende des Jahres gönne ich mir solche Inseln, das musste ich meinem Umfeld erst einmal erklären.
Der Self-Care-Aspekt scheint bei dir extrem gewachsen zu sein?
Es ist aber sehr schwierig, weil ich nicht nein sagen kann.
Live hat man dich seit der Rückkehr schon mehrmals gesehen und man kann nicht sagen, dass du bislang vom Glück verfolgt warst. Wetterkapriolen, ein Muskelfaserriss, der Sturz in Leipzig – das Live-Comeback stand unter keinem guten Stern …
Das sagen immer alle, aber ich sehe das anders. Wenn man sich den Kiefer bricht und Zähne ausschlägt und dann wieder da ist, beweist das auch, wie geil man wieder auf die Musik ist. Wie geil auch die Leute sind, mit denen wir Musik machen. Sie haben mich alle immer aufgefangen, sie haben sich auch um meine Frau gekümmert, damit ich mir darum keine Gedanken machen muss. Beim Muskelfaserriss sprang der Schlagzeuger runter und hat mich gestützt. Ich habe früher immer gesagt, wir haben die geilsten Fans der Welt. Wir haben aber auch die geilsten Musiker und die geilste Crew der Welt. Natürlich hätten viele Dinge einfacher gehen können, aber es ging alles gut. Ich bin älter, muss mich länger aufwärmen und noch mehr auf meinen Körper achten. Aber alles ist gut. Wenn mir irgendwann mal was wehtut, dann weiß ich, es war auch schon viel schlimmer.
Es gibt den bekannten abgedroschenen Satz vom persönlichsten Album des Lebens. In deinem Fall ist das hier aber doch Fakt?
So ein Album schreibst du nicht, wenn du mal ein paar Jahre Pause machst und die Welt von der Seite beobachtest – so ein Album schreibst du nur, wenn du dich komplett rausziehst. Wenn keiner mehr damit rechnet. So was gelingt dir nur, wenn du es eigentlich vorher nie machen wolltest.
Vor dem ersten Album seines Lebens hat man immer unendlich Zeit, diesen Luxus erlebt man normal nie wieder – du aber schon. Hat das den Zugang erleichtert?
Im Prinzip hast du recht, so habe ich das noch gar nicht gesehen. Ich falle natürlich in ein sehr weiches Bett voller Menschen, die anscheinend darauf gewartet haben, dass ich irgendwann wiederkomme. Wir haben nicht gerechnet, dass das alles in dieser Form passiert. Anfangs haben wir ein paar Konzerte im kleineren Rahmen online gestellt, weil die größeren schon reserviert waren. Heutzutage musst du schon zwei Jahre im Voraus buchen. Die kleine Halle war nach drei Stunden ausverkauft – und das 13 Mal. Irre.
Welches der Lieder auf dem Album ist das für dich emotionalste? In vielen Songs geht es um Menschen, die du liebst. War es anfangs schwierig, diese offenen Emotionen nach außen zu tragen?
„Mein Löwe“ ist ein Song für meine Mama und das ist sicher der emotionalste für mich. Als ich das Lied letztes Jahr geschrieben habe, wurde mir klar, dass sie nicht mehr lange leben wird. Ich erkläre ihr damit, wie wichtig sie in meinem Leben war und im Grunde habe ich das Lied für mich geschrieben, um mit der Situation klarzukommen. Ich habe den Tod bei meiner Oma und meinem Opa miterlebt über meine Eltern, aber wenn dich das Thema selbst direkt trifft, ist das eine ganz andere Sache. Das trägst du jede Sekunde mit dir herum.
Eltern haben wir alle nur einmal im Leben. Was hast du von deinen Eltern mitbekommen, was dich besonders geprägt hat?
Du bist wie sie und kannst das nicht verleugnen, man trägt so vieles davon in sich drin. Am Ende kann man selbst entscheiden, was man daraus macht. Ich war mein Leben lang ein Mama-Kind und sie hat mich immer unterstützt. Sie hat mir den Glauben eingeimpft und gesagt, ich würde alles hinkriegen, was ich will. Als kleines Kind bin ich irgendwie durch die Schule geeiert und habe sie nur wegen meiner Mama geschafft. Meine Eltern haben mir auch gezeigt, was ewige Liebe ist. Sie haben alle Höhen und Tiefen erlebt und immer zusammengehalten. Das sind Werte, die ich gerne mitnehme. Ich glaube an die wahre Liebe und an die Liebe auf den ersten Blick. Auch wenn das altmodisch klingt und das viele Leute gar nicht mehr nachvollziehen können.
Diese Liebe gilt auch für dich und deine Frau. Ihr seid auch ewig zusammen und durch alle Höhen und Tiefen gegangen.
Es ist auch bei uns nicht so, dass immer alles einfach ist. Eine gute Partnerschaft hat mit Arbeit zu tun. Da muss jeder mal einen Schritt nach vorn und einen Schritt nach hinten gehen. Freiraum geben ist leicht, wenn man den richtigen Menschen im Leben hat. Durchsteht man die schwierigen Zeiten, dann erreicht man etwas Unbezahlbares. Das ist etwas, was sich viele junge Leute heute gar nicht mehr vorstellen können.
Wem ist eigentlich das Lied „Sonnenallee“ auf dem Album gewidmet?
Den Song habe ich jemandem gewidmet, der auf dem Album draufsteht und der heute leider nicht mehr da ist. Der war bei meiner damaligen Plattenfirma, kam aus der DDR und hätte wirklich alles dafür getan, dass wir als Unheilig wieder zurückkommen. Wir haben einmal gestritten und dann irgendwie den Moment verpasst, uns zu umarmen und das Problem zu klären. Dann war ich lange weg im Exil und nicht auf seiner Beerdigung, was ich heute noch blöd von mir finde. Ich glaube fest daran, dass wir uns alle wiedersehen. Wenn ich die Augen schließe, stelle ich mir einen schönen Ort vor und das ist diese Sonnenallee. Dort gehe ich mit diesem Menschen und bin ihm wieder näher. Es mag zwar kitschig klingen, aber daran zu glauben gibt mir ein gutes Gefühl.
Lebst du heute allgemein bewusster? Auch im Sinne von deinen Mitmenschen und den Leuten, die dir wichtig sind und die du liebst?
Auf jeden Fall. Ich lasse mich aber auch noch immer schnell ablenken, weil ich immer alles auf einmal machen will. Der Vorsatz für 2026 ist, gnädiger zu mir selbst zu sein, weil ich manchmal viele Dinge zu ernst nehme.
Gibt es bestimmt Charakteristika aus deiner alten Unheilig-Ära, die du für den zweiten Teil deiner Karriere bewusst abstellst?
Vor allem was die Zielstrebigkeit der Musik angeht. Für mich gab es früher immer nur die Musik. Dann kam lange nichts und dann alle anderen. Ich wollte das von klein auf machen und habe nicht links und nicht rechts geschaut. Das hat sich mittlerweile geändert. Das tat mir nicht gut und meinem Umfeld auch nicht. Zielstrebigkeit per se ist gut. Du kannst gerne für etwas brennen, musst aber nicht alles um dich herum davon wegschieben. So sehr ich die Musik liebe, sie ist letzten Endes nicht das wichtigste im Leben. Das sind die Menschen in meinem engeren Umfeld. Das war auch der Grund, warum ich damals aufgehört habe. Der Fokus hat sich verändert und fiel auf die Familie. Ich würde heute noch immer die gleichen Entscheidungen zur gleichen Zeit treffen wie damals. So wie ich mich ab 2016 dafür entschieden habe, mehr Zeit für meine Eltern zu haben. Wir waren noch im Urlaub und konnten wandern gehen und als es Zeit war, konnte ich mich um sie kümmern. Auch das Karriereende würde ich genauso wieder verkünden wie damals, denn ich stand voll dahinter. So bekam ich meinen Freiraum, den ich brauchte.
Es ist auf jeden Fall der einfachere Weg, als allen erklären zu müssen, warum du bei einer offen gehaltenen Tür doch wiedergekommen wärst.
Geplant war aber überhaupt nichts. Man muss im Leben viele Entscheidungen treffen und dann hinter ihnen stehen. Auf dem Album gibt es ein Lied namens „Nur ein kleiner Schritt“ und darum geht es im Prinzip. Auch den Schritt zu gehen, vor dem man Angst hat. Ich hatte eher Angst davor, die Menschen würden glauben, der Graf bräuchte dringend Geld und mache alles nur aus finanziellen Gründen. Am Ende ist es mir aber auch egal. Wer sich rechtfertigt, der klagt an. Ich brauche mich nicht zu rechtfertigen.
Geld kann bei vielen Künstlern keine Motivation mehr sein. Den Rolling Stones wird es mit mehr als 80 Jahren auch nicht mehr um die eine oder andere Million mehr am Konto gehen. Da geht es um Gemeinschaft, Feedback, Jubel und Applaus.
Ich habe meinen alten Job 2000 an den Nagel gehängt und erst 2010 hatte ich Erfolg. Ich habe zehn Jahre lang kein Geld verdient und ohne meine Frau hätte ich diesen Traum aufgeben müssen. Die Grundmotivation ist heute nicht anders - ich mache das, weil ich es gerne mache und es noch immer kann. In 20 Jahren bin ich 75. Ich weiß nicht, ob ich das dann noch immer kann, also mach ich es lieber jetzt. Irgendwann bist du alt, du sitzt im Pflegeheim und dein Leben ist in einem Schuhkarton. Da geht es dann nicht mehr darum, wann du auf Tour gehen kannst, sondern wann auf die Toilette.
Außer du bist Mick Jagger. Dann geht auch fern der 80 noch alles.
Ja gut, der ist Wahnsinn. Ich hoffe auf die Medizin, die mir hilft, dass ich noch lange Musik machen kann und auch noch sehr lange lebe. Bei anderen Künstlern sieht man schon ganz gut, dass da viel geht. Jagger lebt aber wahrscheinlich gesünder als ich. Keine Ahnung – der hat wahrscheinlich auch keine Bandscheibenvorfälle. Keine Ahnung wie der das macht.
Du kommst auch einige Male live nach Österreich. Heuer Open Air nach Graz und auf die Burg Clam, 2027 dann indoor nach Wien und Innsbruck. War unser Land nicht immer ein Ort, wo du auch außerhalb des Jobs immer gerne unterwegs warst?
Ich fahre immer zu euch in die Berge und war sogar schon heuer dort. Als ich mit der Musik aufgehört habe, habe ich gleich mal meine Eltern eingepackt, um in euren Bergen zu wandern. Ich liebe auch die Österreicher und das ist keine Schleimerei. Das ist auch bei den Konzerten so, da herrscht immer eine ganz spezielle Atmosphäre und so etwas wie die Burg Clam spielst du auch nicht jeden Tag. Ich konnte mir früher nie vorstellen, nach Österreich zu kommen und dort erfolgreich zu sein. Mich fragen noch immer viele Leute, ob ich nicht internationaler werden will, aber ich bin zum Beispiel noch immer froh darüber, dass das mit dem ESC damals nicht geklappt hat. Sonst müsste ich nur noch reisen und könnte mich auf nichts fokussieren. Ich freue mich wirklich auf die Österreich-Shows.
Österreich-Konzerte
Am 26. Juni sind Unheilig in der Freiluftarena in Graz zu sehen, am 27. Juni auf der Burg Clam. Beide Gigs sind schon restlos ausverkauft. Unter www.oeticket.com gibt es aber noch Karten für die beiden österreichischen Indoor-Shows des Grafen 2027. Am 26. Februar spielt in der Wiener Stadthalle und am 27. Februar in der Innsbrucker Olympiahalle.
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