Vorbild WikiLeaks
DamascusLeaks: Geheime Dokumente aus Syrien
Oft ist es einfach die Alltäglichkeit des Grauens, die einen schaudern lässt. Rund 50.000 Dokumente aus den verschiedenen Geheimdiensten und Ministerien des Regimes von Syriens Präsident Bashar al-Assad haben Oppositionelle zusammengetragen. Unter dem Titel "DamascusLeaks" sind die ersten von ihnen jetzt an die Öffentlichkeit gelangt. Die Gesprächsprotokolle und Häftlingsregister wirken authentisch.
Nierenversagen als Beschönigung für Folter
Immer wieder braucht man allerdings intime Kenntnisse des syrischen Geheimdienstapparates, um den Inhalt richtig zu verstehen. "Wenn etwa in einem Bericht die Rede davon ist, dass ein Häftling an Nierenversagen gestorben sei, dann weiß man, das bedeutet, dass er unter der Folter starb", sagt Luai al-Mekdad. Er gehört dem Team von 20 Aktivisten und Oppositionellen an, die den Datenberg gesammelt haben.
Die Dokumente seien ihnen von Staatsbediensteten zugeleitet worden, die mit der Revolution sympathisierten, betont Al-Mekdad. Die Regimegegner hätten dafür nicht bezahlt. Al-Mekdad, der bis vor einem Monat als Sprecher für den Generalstab der Freien Syrischen Armee arbeitete, erklärt, einige der Informanten hätten die Papiere bei ihrer Flucht aus Syrien mitgenommen, andere arbeiteten heute noch unentdeckt in den verschiedenen Institutionen des Staates.
Beziehungen zu Moskau ins Blickfeld gerückt
Unter den ersten Dokumenten, die Al-Mekdad jetzt auf arabisch online gestellt hat, gehört ein angebliches Protokoll von einem Treffen zwischen seinem Namensvetter, dem syrischen Vize-Außenminister Faisal al-Mekdad, und Russlands Außenminister Sergej Lawrow am 22. Mai 2013 in Moskau. Geheimnisse fördert dieses Gesprächsprotokoll nicht zutage. Doch wenn es echt sein sollte, wirft es ein interessantes Licht auf die Art der Zusammenarbeit zwischen Moskau und Damaskus.
So ist aus den Worten des syrischen Diplomaten die Sorge herauszuhören, die Russen könnten Assad fallenlassen und sich einen anderen Verbündeten in Syrien suchen. Lawrow beruhigt ihn: "Weshalb sollten wir denn nach einer anderen Kraft in Syrien suchen?"
Lawrow schärft der syrischen Delegation in Bezug auf die damals geplanten Friedensgespräche mit der Opposition in Genf ein, sich bloß nicht auf einen konkreten Zeitplan einzulassen: "Wichtig ist, dass es keinen festen Zeitplan für diese Operation gibt." Außerdem fordert er die Führung in Damaskus auf, sofort alle Verlautbarungen einzustellen, die den Eindruck erwecken könnten, Assad wolle die Genfer Verhandlungen torpedieren.
Viele Vermisste dürften hingerichtet worden sein
Neben diesen diplomatischen Feinheiten enthalten die ersten der veröffentlichten Dokumente auch Informationen über das Schicksal von 13 verschollenen Libanesen und anderen Arabern, die zum Teil schon unter der Herrschaft von Bashars Vater, Präsident Hafis al-Assad, vom syrischen Geheimdienst verschleppt worden waren. Einige wurden demnach schon vor Jahren hingerichtet.
Der syrische Staat hatte zu den Libanesen bisher keine Auskünfte gegeben, weshalb einige Angehörige bis heute die Hoffnung hegen, ihr Sohn, Ehemann, Bruder oder Vater könnte eines Tages zurückkehren. Aufgelistet wird unter anderem der Fall eines Libanesen, der 1989 festgenommen und elf Monate später von einem syrischen Militärgericht wegen "Spionage für Israel" zum Tode verurteilt worden war.
Weitere Veröffentlichungen geplant
Luai al-Mekdad sagt, in den nächsten Tagen wolle sein Team ein Dokument aus der jüngsten Vergangenheit vorlegen, aus dem hervorgehe, wie sich der Sicherheitsapparat auf die Friedensverhandlungen in Genf vorbereitet habe. Angeblich schickte er Dutzende professionelle Störenfriede und Geheimdienstmitarbeiter in die Schweiz. Für viele Journalisten, die sich während der zwei Verhandlungsrunden im Jänner und Februar bespitzelt fühlten, ist das keine Überraschung.
Das Assad-Regime hat sich zu "DamascusLeaks" bisher nicht geäußert.
Kronen Zeitung als bevorzugte Google-Quelle hinzufügen 






Da dieser Artikel älter als 18 Monate ist, ist zum jetzigen Zeitpunkt kein Kommentieren mehr möglich.
Wir laden Sie ein, bei einer aktuelleren themenrelevanten Story mitzudiskutieren: Themenübersicht.
Bei Fragen können Sie sich gern an das Community-Team per Mail an forum@krone.at wenden.