Mit dem Song „Twist In My Sobriety“ wurde die Britin Tanita Tikaram 1988 über Nacht vom Teenager zum Weltstar. Dem kommerziellen Erfolg läuft sie bis heute nach, künstlerisch befindet sich die 56-Jährige aber in der Blüte ihres Lebens. Ihr zehntes Album „LIAR“ ist Mahnung und Hinweis zugleich und beweist, dass ihre Stimme in der Popwelt noch immer großes Gewicht hat. Im „Krone“-Gespräch wird sie hochpolitisch.
Ein Welthit kann Fluch und Segen sein – für Tanita Tikaram ist er es weder noch. Als im Herbst 1988 „Twist In My Sobriety“ von ihrem vielgelobten Debütalbum „Ancient Heart“ das Licht der Welt erblickte, war die indischstämmige Künstlerin, die erst in den frühen Teenagerjahren von ihrem Geburtstort Münster nach London zog, gerade einmal 19 Jahre jung. Der Coming-Of-Age-Song lief vor allem in den deutschsprachigen Ländern sehr erfolgreich und sichert Tikaram noch heute, fast 40 Jahre später, regelmäßige Konzerte in unseren Breitengraden. Beharrlich veröffentlichte die Folkpop-Musikerin den 90er- und 2000er-Jahren Alben, kam aber nie wieder an den frühen und großen Erfolg heran. Dass mit „LIAR (Love Isn’t A Right)“ ganze neun Jahre nach dem letzten Studiowerk „Closer To The People“ (2016) noch einmal ein Studioalbum erscheint, hielten viele nicht für möglich. Fast noch unwahrscheinlicher erscheint dabei die Tatsache, dass sie damit einen losen Nachfolger zum Debüt schrieb und dabei die Entwicklung und die Veränderungen der früherwachsenen Tanita Tikaram mit der gegenwärtigen kombinierte.
Von der Weltlage inspiriert
Tikaram war zeit ihrer Karriere eine offene Persönlichkeit, die sich für Gleichberechtigung, Frieden und soziale Gerechtigkeit einsetzte. Dies tat sie in ihren Songs, zuweilen aber auch abseits davon. Im Glasgower Gorbals Studio versammelte sie Kapazunder wie Helen O’Hara (Dexys Midnight Runners) oder Marc Pell (Mount Kimbie), um an den neuen Songs zu arbeiten, denen Hoffnungslosigkeit und Wut der gegenwärtigen Weltlage zugrunde liegen. Freilich mit dem Fokus auf England und deren Hauptstadt London, wo Tikaram seit geraumer Zeit mit ihrer französischen Partnerin lebt und arbeitet. „Eigentlich sollten uns Politiker davor schützen, dass die Welt zunehmend in Schieflage gerät, aber das Gegenteil ist der Fall“, erklärt Tikaram im „Krone“-Interview am Rande ihres Auftritts Ende Oktober im Wiener Jazzclub Porgy & Bess. Der entscheidende Funke, endlich wieder den Stift in die Hand zu nehmen, um neue Songs zu schreiben war, als sich der Brexit überraschenderweise doch durchgesetzt hat.
„Dass Großbritannien aus der europäischen Menschenrechtskonvention aussteigen will, brachte das Fass für mich zum Überlaufen. Nichts hat mich in meiner Heimat mehr geschockt und alles wird immer schlimmer und unglaublicher. Der Brexit ist für unser Land ein einziges Desaster und noch mehr erschreckt es mich, dass das so viele Leute noch immer nicht kapieren wollen.“ Tikaram sieht längst einen allgemeinen Paradigmenwechsel eingeleitet, der sich nicht mehr so einfach aufhalten und schon gar nicht rückgängig machen lässt. „Unser politischer Diskurs rückte immer weiter nach rechts, wurde rassistischer und misogyner. Mit einem US-Präsidenten wie Donald Trump sind Begriffe wie Moral und Ethik sowieso abgeschafft. Es geht nur noch um das Lobbying, um wirtschaftliche Deals und eine Show nach außen. Erschreckend ist, dass sehr viele Menschen sich schnell daran gewöhnen und dieses Verhalten als normal erachten. In welcher Welt leben wir mittlerweile? Schrecklich.“
Gesellschaftliche Schieflage
Als homosexuell lebende Künstlerin sieht Tikaram längst Parallelen zum Ende der 80er-Jahre, als es Hetzjagden auf Minderheiten gab und man sich abseits des weißen und heteronormativen Kontexts verstecken musste. „Die Budgets der Regierungen gehen ins Militärische und weg von Bildung und sozialen Unterstützungen. Egal, wohin man schaut. Die Reichen werden reicher, die Armen ärmer und die Mittelschicht bröckelt weg. Die Strippenzieher wissen, auf welcher Klaviatur sie spielen müssen, sodass wir normalsterbliche uns gegenseitig verreißen, während die Reichen genüsslich zuschauen und sich das Leben so richten, wie es für sie am besten ist.“ Songs wie „Turn The Lights Down Low“, „I See A Morning” oder „Lover Don’t Come Around” sind zwar nicht ganz so tagespolitisch und gesellschaftskritisch gehalten wie die 56-Jährige sich in Gesprächen gibt, lassen aber zu jeder Zeit erkennen, dass die Künstlerin sich der gesellschaftlichen Verrohung nicht einfach so fügen möchte.
„In Amerika sind wir so weit, dass dieser Psychopath ohne Moral an der Spitze dafür sorgt, dass Kinder mit der falschen Hautfarbe von den Straßen entfernt werden. Das ist noch nicht einmal mehr kriminell, sondern Normalzustand.“ Tikaram glaubt aber nicht, dass es allgemein an Empathie fehlen würde. „Menschen wie Elon Musk rennen durch die Welt und sagen, dass Empathie eine Schwäche sei. Es geht ihnen nur darum, mehr und mehr Geld zu scheffeln und ihr Business weiter auszubauen. Ohne Rücksicht auf Verluste oder andere Leute. Es gibt aber viele negative Reaktionen darauf. Die Menschen sind unsicher und werden zunehmend verunsicherter, aber prinzipiell wollen sie alle in Ruhe und Frieden leben. Das ist das Grundbedürfnis eines jeden.“ Tikaram weiß, dass ihre Lieder die Welt nicht verändern, aber „ich kann damit so manchen umarmen, vielleicht einzelne Personen für kurze Zeit heilen, wenn sie Schmerzen haben. Die Leute sind völlig überfordert. Dinge, die vor 20 Jahren unmöglich schienen, sind heute alltäglich - im negativen Sinne.“
Junge müssen verändern
Das System des Turbokapitalismus sieht Tikaram als gescheitert an. „Einige wenige profitieren davon, alle anderen sind Verlierer des Systems. Der Kapitalismus hat vielen Menschen den Wohlstand genommen, manchen auch die Hoffnung. Dass der Kapitalismus so unreguliert florieren kann, hat die Welt überhaupt erst in diese Lage gebracht. Er zerstört Menschlichkeit und lässt sich nicht mehr aufhalten.“ Da bleibt der Sängerin nur noch die Hoffnung auf ein eher semirealistisches Utopia. „Die Mitgliederzahlen der Green Party steigen rapide an und Parteiführer Zach Polanski bringt frischen Wind ins Land. Die Jungen spüren, dass es so nicht weitergehen kann. Man muss ihnen vertrauen und hoffen, dass sie für eine notwendige Wende sorgen.“ Wichtig sei auch, den flächendeckenden Extremismus zurückzufahren. „Da sind natürlich auch Medien und Social-Media-Plattformen in der Verantwortung. Die Demokratie zu verteidigen, ist schon zu einer schweren Aufgabe geworden. Wir alle sind gefragt, uns mit so viel Einsatzwillen wie möglich daran zu beteiligen.“
Das neue Album „LIAR“ atmet den Geist des Debüts und setzt ihn musikalisch gereift und kongruent in die Gegenwart um. Für Tanita Tikaram war die Arbeit an diesem Werk auch eine Reise zurück, zu alten musikalischen Pfaden und sich selbst. Die multiplen Krisen der Gegenwart waren dafür verantwortlich, dass die Künstlerin wieder verstärkt zu ihrer Kunst zurückkehrte und sich mit der Musik auseinandersetzte. Tikaram war schon Querdenkerin, als der Begriff über die Pandemie hinweg noch keine schräge Geschmacksausrichtung hatte. „Schauen wir einmal, wie es weitergeht. Aktuell macht es mir großen Spaß und ich kann mir gut vorstellen, 2026 dann noch mehr Konzerte zu spielen. Über Weihnachten werde ich eine längere Pause einlegen und vielleicht auch wieder ein paar neue Lieder schreiben. Für ,LIAR‘ hatte ich eine klare, eindeutige Idee. Das Album hatte früh Konturen in meinem Kopf und mir war klar, wohin ich wollte. Vielleicht nimmt die politische Stimme Englands den Schwung auch weiter mit – und falls nicht, gibt ihr musikalischer Backkatalog viel her, um sich den Zustand der Welt im Zeitraffer anzuhören.
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