Direct Adaptive Steering heißt die optionale High-Tech-Lenkung, die im Prinzip funktioniert wie bei einer Spielkonsole: rein elektrisch. Vom Lenkrad aus werden die Bewegungen via Sensoren weitergeleitet, Stellmotoren bewegen in Echtzeit die Räder, die Lenkkräfte lassen sich einstellen. Eine Lenkstange gibt es zwar, sie dient aber nur als Backup zur Sicherheit – und zur Beruhigung. Man könnte meinen, ohne direkte Verbindung fühlt man sich gefühllos von der Straße entkoppelt, jedoch ist das Gegenteil der Fall. Das DAS fühlt sich besser an als die klassische Lenkung, die nervös, aber gefühllos wirkt.
Es ist noch mehr Hightech an Bord, etwa ein Spurhalteassistent, dessen Funktionsweise Infiniti so beschreibt, dass das Auto in einer Art imaginären Halfpipe zwischen Begrenzungslinien fährt (Voraussetzung: DAS). Das ist modern bis modisch und funktioniert auch gut, mir wäre jedoch ein sinnvollerer Spurverlassenswarner lieber: Im Q50 warnt er akustisch und deshalb generell nicht – weil ich das nervende Gepiepse sofort abschalten muss.
Sparefroh oder Sportler
Infiniti bietet für den Q50 zwei Motorvarianten an, einen Hybrid mit Sechszylinder-Benziner und einer Systemleistung von 364 PS sowie einen 2,1-Liter-Diesel mit 170 PS und einem maximalen Drehmoment von 400 Nm bei 1.600 bis 2.800/min, der von Mercedes stammt. Vielleicht hätten sie das Dämmmaterial auch mit übernehmen sollen, denn beim Motorstart hat das akustisch wie vibratorisch nichts mit einem Premiumanspruch zu tun (eine Herausforderung für das Geräuschunterdrückungssystem Active Noise Control). Das ist bei Weitem nicht so zeitgemäß wie der Normverbrauch von 4,8 l/100 km (4,4 mit manuellem Sechsganggetriebe). In der Praxis komme ich auf 7,7 l/100km. Die Leistungscharakteristik des Motors geht dagegen voll in Ordnung, er lässt dem unanständigen Sound anständige Taten folgen, tut sich aber mit der etwas trägen Siebengangautomatik ein bissl schwer.
Das Fahrwerk ist straff ausgeführt und soll wohl BMW-Fahrer und Formel-1-Fans ansprechen. Auf ebenen Straßen hinterlässt es einen sportlichen Eindruck, bei deutlicheren Querfugen kommt Unruhe auf. Der Heckantrieb und das abschaltbare ESP laden zum Driften ein. Spaßiger wäre, wenn die Automatik im manuellen Modus nicht selbsttätig raufschalten würde.
Design oder verwechselbar sein
Die Erscheinung des Q50 ist stark abhängig von seiner Lackierung. So wirkt der Testwagen in Himmelblau-metallic eher billig, in weiß hingegen absolut edel und hochwertig. Für sich betrachtet ist jede einzelne Linie stimmig, präzise und durchaus premium, insgesamt sehe ich vorne einen Lexus, hinten einen Mazda – aber nirgendwo etwas, das bei mir ein geschärftes Infiniti-Bild entstehen ließe.
Der Innenraum verkörpert den Premiumanspruch am besten. Elegant, geschmackvoll und modern, die Türverkleidungen gehen direkt über in die Konsolenlandschaft und schmiegen sich geradezu um die Insassen. Vielleicht ein bisschen zu kuschelig für diese Fahrzeugklasse. Der Infiniti Q50 tritt ja gegen den 3er-BMW an, bietet aber kein besseres Raumgefühl als ein 1er. Hinten kann man sitzen, wenn man nicht zu den groß Gewachsenen zählt, weil die flache Dachlinie den Scheitel küsst. Und große Füße sollte man auch nicht haben, sonst wird das Einsteigen zum Einfädeln. Der Kofferraum ist mit 500 Liter aber von tadelloser Größe. Apropos Liter: 1,5-Liter-PETs passen in die vorderen Türablagen, auch wenn sie nicht so ausschauen.
Fahrersitz ist ein fahrender Sitz
Dass ich nicht in einem Brot-und-Butter-Auto sitze, wird mir bereits klar, als der Fahrersitz beim Starten des Motors nach vorne und beim Abstellen zurück und das Lenkrad nach oben fährt. Ich möchte in dem Fall nicht hinter mir sitzen und auch das Hin-und-her-Fahren an sich empfinde ich persönlich als befremdlich. Immerhin gut gemeint. Ebenso ungewöhnlich, aber angenehm effektiv ist, dass sich der Sicherheitsgurt nach dem Abschnallen elektrisch aufrollt.
Die Bedienung alles Elektronischen geschieht über zwei Bildschirme – einer für die Farbkarte des optionalen Navis und ein weiterer für die umfangreiche Menü-Auswahl. Eine graphische Darstellung der G-Kräfte kommt aus dem Reich der liebenswürdigen Spielereien, und darüber hinaus besteht die Möglichkeit, eine Menge Apps zu nutzen. Es braucht ein bisschen, bis man sich in der Vielfalt zurechtfindet.
Ab rund 36.000 Euro ist der Infiniti Q50 zu haben, hat bereits u.a. Klimaautomatik und Radio, Bluetooth-Freisprechanlage, Rückfahrkamera und schlüsselfreies Startsystem an Bord, steht aber kurioserweise auf Stahlfelgen. Die beiden Testwagen (ein "Sport" und ein "Premium", jeweils mit einer Reihe Extras) kommen auf jeweils rund 55.000 Euro. Also auch beim Preis wird klar, dass sich Infiniti ein dickes "Premium" auf die Flagge schreibt. Wenn jetzt noch Identität, Konturen und einige Händler dazukommen (bisher gibt es nur einen, in Brunn am Gebirge), dann wird man auch mal einem Q50 auf der Straße begegnen.
Warum?
Warum nicht?
Es ist nicht leicht, zwingende Gründe für den Q50 zu finden. Wenn man andere Marken allerdings bewusst nicht haben will, dann ist er eine Alternative.
Oder vielleicht …
… BMW 3er, Mercedes C-Klasse, Audi A4 – aber auch Lexus IS oder Volvo S60









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