Der angeblich geläuterte Machthaber aus dem militanten Islamismus, Ahmed al-Scharaa, ist entweder ein Chamäleon oder er hat seine Bewegung nicht im Griff. Ich tippe auf Letzteres, wenn man dieses Land näher betrachtet: ein Mosaik an Minderheiten, die seit alten Zeiten nicht miteinander, sondern bestenfalls nebeneinander leben.
Das tägliche Leben ist bestimmt von Angst, die immer wieder in Gewalt ausartet: Angst vor der benachbarten Volksgruppe, Angst vor dem Islamismus, Angst vor den Schergen des Assad-Regimes. Besonders die Brutalität dieser Familien-Diktatur über ein halbes Jahrhundert hat Syrien nachhaltig zerstört.
Luftwaffengeneral Assad hatte sich 1970 an die Macht geputscht. Er entstammte der Religionsgruppe der Alawiten, deren Siedlungsgebiet an Syriens Mittelmeerküste liegt. Damit kamen die Alawiten an die Macht, die unter Ketzerverdacht traditionell an den gesellschaftlichen Rand gedrängt waren. Die französischen Kolonialherren holten sie bevorzugt ins Militär, wo sie bis heute stark verankert sind.
Drei Monate nach dem Sturz dieses Regimes hat der syrische Teufelskreis eine neue Drehung genommen. Die Jagd auf Schergen der Assad-Diktatur artete in ein Rache-Pogrom gegen die Alawiten aus.
Die internationale Gemeinschaft hatte richtig gehandelt, al-Scharaa die Möglichkeit zur Zusammenarbeit zu geben. Er steht jetzt aber unter verschärfter Bewährung.
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