Demos in 100 Städten

Proteste in Brasilien weiten sich aus – erstes Todesopfer

Ausland
21.06.2013 07:35
Die Protestwelle in Brasilien weitet sich aus. Laut Schätzungen sind in der Nacht auf Freitag nicht weniger als eine Million Menschen in etwa 100 Städten des Landes auf die Straße gegangen. Die Demonstranten fordern ein besseres Gesundheits- und Bildungssystem und eine Ende der Korruption. Vielfach endeten die Demonstrationen in Gewalt. Ein Mensch kam ums Leben, vermutlich Hunderte wurden verletzt.

In vielen Städten gerieten die Proteste außer Kontrolle - es kam zu bürgerkriegsähnlichen Zuständen. Präsidentin Dilma Rousseff verschob eine für Sonntag geplante Reise und berief für Freitag eine Krisensitzung ein. In Rio de Janeiro wurden 44 Menschen verletzt, in der Hauptstadt Brasilia mehr als 100. Viele erlitten Verletzungen durch Gummigeschoße der Polizei oder hatten Atemwegsbeschwerden nach dem Einsatz von Tränengas.

Die größten Proteste gab es in Rio (Bild) mit rund 300.000 Menschen. Die meisten demonstrierten völlig friedlich und zogen durch das Zentrum der Stadt in Richtung des Amtssitzes des Bürgermeisters. Eine kleine Gruppe von Protestteilnehmern bewarf die Sicherheitskräfte mit Steinen. Die Situation eskalierte, als die Polizei Tränengasgranaten auf den Protestzug abfeuerte. Daraufhin kam es zu Straßenschlachten. Randalierer setzten Autos in Brand, rissen Zäune um und steckten Plastikplanen in Brand.

"Polizei hat komplett die Kontrolle verloren"
Die Sicherheitskräfte waren mit berittenen Einheiten und gepanzerten Fahrzeugen im Einsatz und gingen laut Augenzeugen brutal gegen die Demonstranten vor. "Die Polizei hat komplett die Kontrolle verloren und ist unfähig, mit solchen Demonstrationen umzugehen", sagte die Kollegin eines TV-Reporters, der durch ein Gummigeschoß am Kopf verletzt wurde.

In Ribeirao Preto rund 330 Kilometer nördlich der Metropole Sao Paulo kam nach Polizeiangaben ein Demonstrant ums Leben. Ein Auto sei in eine Gruppe von drei Menschen gefahren. Einer der drei sei getötet worden. Brasilianische Medien berichteten, das Auto habe versucht, an Demonstranten vorbeizufahren, die eine Straße blockierten. In Sao Paulo selbst gingen über 100.000 Menschen auf die Straße. Dort verliefen die Proteste weitgehend friedlich.

Tränengas und Gummigeschoße auch in der Hauptstadt
Zusammenstöße gab es in mindestens zehn weiteren Städten, darunter in Brasilia, wo 30.000 Menschen an einen Protestzug durchs Regierungsviertel teilnahmen. Auch dort setzte die Polizei massiv Tränengas und Gummigeschoße ein. Tausende zogen vor das Außenministerium, besetzten eine Rampe und entfachten ein Feuer.

Seit fast zwei Wochen gehen in Brasilien Tag für Tag enorme Menschenmassen auf die Straße. Sie protestieren gegen hohe Ausgaben für die Fußballweltmeisterschaft 2014 und die Olympischen Sommerspiele 2016 und fordern mehr Investitionen ins Gesundheits- und Bildungssystem (siehe Infobox).

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