Kriegsverbrechen

UN-Tribunal: Sechs bosnisch-kroatische Ex-Führer verurteilt

Ausland
29.05.2013 13:07
Das UNO-Tribunal für Kriegsverbrechen im ehemaligen Jugoslawien hat am Mittwoch sechs bosnische Kroaten zu insgesamt 111 Jahren Haft verurteilt. Das Tribunal befand die Angeklagten für schuldig, während des Bosnien-Krieges in den Jahren 1992 bis 1995 schwere Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit begangen zu haben.

Den Männern waren in den 26 Punkten der Anklage Vertreibungen auf ethnischer, religiöser und politischer Grundlage, Zwangsumsiedlungen, Raub, Zerstörung von Eigentum, unmenschliche Behandlung von Kriegsgefangenen, Vergewaltigungen und Folter angelastet worden. Unter anderem ging es im Prozess um die brutale Ermordung von 127 bosniakischen Einwohnern des Dorfes Ahmici in Zentralbosnien im April 1993. 

Ethnisch gesäubertes "Groß-Kroatien" als Ziel
Das Tribunal stellte fest, dass sich die Angeklagten - darunter der frühere Regierungschef der selbst proklamierten Kroatischen Republik, Jadranko Prlic (Bild), und der einstige Innenminister Bruno Stojic - während des Bosnien-Krieges der Teilnahme an einem gemeinsamen verbrecherischen Vorhaben schuldig gemacht hatten. Dieses soll darauf abgezielt haben, zwischen Jänner 1993 und April 1994 Bosniaken (Moslems) und Serben vom Gebiet Bosnien-Herzegowinas, das die politischen Führer an "Groß-Kroatien" anschließen wollten, zu vertreiben.

An der Spitze des Vorhabens stand laut der Anklage der damalige kroatische Präsident Franjo Tudjman. Der Tribunalssenat stellte mit der Stimmenmehrheit zudem fest, dass die Kämpfe zwischen dem sogenannten Kroatischen Verteidigungsrat und der damaligen muslimischen Armee Bosnien-Herzegowinas daher einen internationalen Charakter hatten.

Tudjman und sein serbischer Amtskollege Slobodan Milosevic, der sich später selbst vor dem Haager Gericht zu verteidigen hatte, sollen bei einem Geheimtreffen in Karadjordjevo westlich von Belgrad bereits im Jahr 1991 die Aufteilung Bosnien-Herzegowinas zwischen Serbien und Kroatien besprochen haben. Der 1999 verstorbene Tudjman wurde selbst vom UNO-Gericht nie angeklagt, wenngleich es Ermittlungen gegen ihn gegeben haben soll. Sein Land ist durch das heutige Urteil gut einen Monat vor dem EU-Beitritt erneut in ein schiefes Licht geraten.

Hoffen auf Haftstrafen und Gebete für Angeklagte
In Bosnien-Herzegowina wurde das Urteil mit großer Spannung erwartet, wobei die Erwartungen entlang der ethnischen Trennlinien verliefen. Die einstigen Opfer, Bosniaken und Serben, hofften auf lange Haftstrafen, bosnische Kroaten auf einen Freispruch für die Angeklagten. In katholischen Kirchen sowohl in Bosnien-Herzegowina als auch im benachbarten Kroatien waren in den vergangenen Tagen Gebete für den Freispruch der Angeklagten abgehalten worden.

Noch kurz vor dem Urteilsspruch bekundete auch der Präsident der Bosniakisch-Kroatischen Föderation, Zivko Budimir, die Überzeugung, dass die Angeklagten unschuldig seien. Die Kriegsverbrechen wären wesentlich größer gewesen, hätte es nicht "diese Menschen" gegeben, meinte Budimir.

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