"Krone"-Interview

Serbiens Premier Dacic: “Wir haben Fehler gemacht”

Ausland
06.05.2013 17:04
Ivica Dacic war Pressesprecher der serbischen Regierungspartei unter Präsident Slobodan Milosevic. Später übernahm er dessen Sozialistische Partei. Heute überraschen der nunmehrige serbische Premier und der ex-ultranationalistische Staatspräsident Tomislav Nikolic mit spektakulären Entschuldigungen sowie der Entkrampfung der Beziehungen zu den Nachbarn. Die "Krone" hat nachgefragt.

"Krone": Ist das ein echter Meinungswandel oder ein politisches Manöver, um den Weg in die EU zu ebnen?
Ivica Dacic: Wir haben doch gezeigt, dass wir es ernst meinen, und gute Beziehungen zu allen Ländern der Region hergestellt, damit die Menschen ein normales Leben miteinander führen können. Wir wollen die Vergangenheit hinter uns lassen. Der Balkan braucht Frieden und Stabilität, denn wir sehen unsere gemeinsamen Interessen in der EU. Es ist offensichtlich, dass große Fehler auf allen Seiten gemacht worden sind. Wir haben daraus die Lehren gezogen. Ich bin ein praktischer Mensch. Falls wir so lange warten, bis sich jeder bei jedem entschuldigt hat – und viele Serben sind der Meinung, dass ihnen Entschuldigung gebührt –, kommen wir von der Vergangenheit nie los. Serbien erwirtschaftet heute noch immer nur zwei Drittel seiner Vorkriegsleistung. Ein Drittel des serbischen Volkes lebt heute außerhalb der Grenzen der Republik Serbien. Wirklicher Mut ist, über die Zukunft zu sprechen. In diesem Sinne ändern wir unsere Position in der Welt, damit man von uns auch ein anderes Bild bekommt. Es ist höchste Zeit, die wirtschaftliche Entwicklung voranzutreiben. Das sind Interessen, die uns verbinden, statt zu trennen.

"Krone": Apropos Grenzen: Wird Bosnien von den Serben als eigenständiger Staat anerkannt?
Dacic: Wir anerkennen die territoriale Integrität und Souveränität von Bosnien. Gleichzeitig gibt es ein legitimes Interesse Serbiens und Kroatiens an Bosnien, da viele Serben und Kroaten dort leben. Wir haben deshalb auch exzellente Beziehungen mit der Republika Srpska (dem serbisch verwalteten Teil Bosniens, Anm. d. Red.).

"Krone": Der Chef der Republika Srpska, Milorad Dodik, hat mehrmals mit einem Unabhängigkeitsreferendum gedroht.
Dacic: Sie vergessen dabei, dass von der anderen Seite die Forderung nach einem bosnischen Einheitsstaat erhoben wurde, also der Abschaffung der Republika Srpska. Wir wollen keine Änderung des Status des Dayton-Vertrags. Wir glauben aber auch, dass es nicht gut ist, in diesem Zusammenhang von Referenden zu sprechen.

"Krone": Sie haben mit der Regierung in Pristina ein Autonomieabkommen für die Serben im Nord-Kosovo ausgehandelt. Wäre nicht der logische nächste Schritt die Anerkennung der Unabhängigkeit des Kosovo?
Dacic: Wir haben zwar ein Abkommen über die Normalisierung der Beziehungen erzielt, aber wir haben damit nicht die staatliche Unabhängigkeit des Kosovo anerkannt. Fünf EU-Staaten haben die Unabhängigkeit des Kosovo nicht anerkannt. Sie haben dafür gute Gründe. Auch aus diesem Grund wird der Kosovo schwer ein UNO-Mitglied werden können. Wir haben die Rechte der Albaner anerkannt. Bis auf Weiteres haben wir es mit zwei Realitäten zu tun: Belgrad hat keine Souveränität über Teile seines Gebietes, und Pristina hat keine Souveränität über Teile seines Gebietes. Wenig beachtet wird die Propaganda aus Tirana für eine Vereinigung aller Albaner, also mit dem Kosovo, mit Teilen Mazedoniens und anderer Nachbarn. Die Anerkennung eines unabhängigen Kosovo würde die Gräben nur vertiefen und wäre der erste Schritt für ein Groß-Albanien. Damit wäre der Geist aus der Flasche eines neuen Gefahrenherdes auf dem Balkan, und diesen Geist würde man nur sehr schwer oder überhaupt nicht in die Flasche zurückbringen. Wir sollten nicht erlauben, dass sich unser Land jemals wieder in einer solchen verhängnisvollen Lage wiederfindet. Was geschehen ist, diese Opfer, darf sich niemals wiederholen.

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