"Berg an Hinweisen"
Fieberhafte Jagd auf Bombenleger von Boston
Die US-Behörden hätten laut CNN bisher keine Hinweise darauf, dass das Terrornetzwerk Al-Kaida oder eine andere ausländische Gruppe hinter dem Anschlag von Boston steckt. Der Sender berief sich mit seinen Informationen auf eine namentlich nicht genannte Quelle aus dem Pentagon. US-Heimatschutzministerin Janet Napolitano sagte indessen, es gebe derzeit keine Hinweise darauf, dass der Anschlag Teil einer größeren Verschwörung gewesen sei.
Indizien deuten auf einheimische Extremisten hin
Die Ermittler selbst sind bisher zurückhaltend. "Das sind strafrechtliche Ermittlungen und mögliche Terrorermittlungen", sagte der leitende Agent der Bundespolizei FBI, Rick DesLauriers, bei einer Pressekonferenz. Einzelheiten nannte er mit Verweis auf "laufende Ermittlungen" nicht. Unter vorgehaltener Hand hieß es allerdings, der Zeitpunkt des Angriffs spreche für einheimische Extremisten, die einen mächtigen Staat ablehnen.
Die Indizien, die in diese Richtung deuten: Am Montag wurde in Massachusetts der Patriots' Day begangen, der an den Unabhängigkeitskrieg erinnert. Am 15. April läuft in den USA zudem die Frist für die Abgabe der Steuererklärung ab. Steuern sind ein Reizthema für einige amerikanische Extremistengruppen. Am Freitag gibt es zudem zwei Jahrestage mit symbolischer Bedeutung: das gewaltsame Ende der Waco-Belagerung 1993 und der Anschlag in Oklahoma City 1995.
Obama bewertet Anschlag als "Terrorakt"
US-Präsident Barack Obama qualifizierte den Anschlag am Dienstag in einer Pressekonferenz erstmals als "Terrorakt". Er rief seine Landsleute auf, vorsichtig zu sein und nach "verdächtigen Aktivitäten" Ausschau zu halten. "Wir haben bisher keinen Hinweis auf das Motiv", sagte er. Ob es sich bei den Urhebern des Anschlags um ausländische oder einheimische Terrorgruppen oder "eine böswillige Einzelperson" handle, liege noch völlig im Dunkeln, sagte Obama in Anspielung auf frühere Anschläge in den USA.
Einvernommener Saudi nicht tatverdächtig
Dutzende Personen wurden mittlerweile vom FBI verhört. Wie CNN berichtete, stufen die Behörden einen vernommenen jungen Mann aus Saudi-Arabien nicht als tatverdächtig ein. Der Student war bei der Explosion verletzt worden und aufgefallen, weil er wegzurennen versuchte. CNN zufolge gab er bei der Vernehmung in einem Krankenhaus an, dass er einfach Angst gehabt habe. Die Behörden glaubten ihm.
Der US-Sender hatte zuvor Bilder von einem Mietkomplex im Bostoner Vorort Revere und von Polizisten gezeigt, die Kartons mit Gegenständen aus einer Wohnung trugen. Dabei könnte es sich CNN zufolge um die Wohnung des jungen Studenten handeln. Nach Angaben des Senders erfolgte die Durchsuchung mit Zustimmung des Bewohners.
Gouverneur Patrick: "Keine weiteren Sprengsätze"
Der Gouverneur von Massachusetts, Deval Patrick, teilte bei einer Pressekonferenz am Dienstagmorgen (Ortszeit) mit, dass es über die beiden explodierten Bomben hinaus keine weiteren Sprengsätze gegeben habe. Zunächst hatte es in Medienberichten geheißen, dass möglicherweise zwei oder drei weitere Sprengsätze entdeckt worden seien, die glücklicherweise nicht funktioniert hätten. Patrick zufolge fand die Polizei mehrere verdächtig erscheinende Gegenstände, die vorsichtshalber gesprengt worden seien. Dabei habe es sich aber nicht um Bomben gehandelt.
Medien: Bombe steckten in Druckkochtöpfen
Jüngsten Erkenntnissen zufolge steckten die beiden Bomben in Druckkochtöpfen. Die Behälter wiederum seien in schwarzen Rucksäcken verstaut gewesen, berichteten CNN und die Agentur AP unter Berufung auf Ermittlerkreise.
Einem Bericht des "Boston Globe" zufolge erinnerte die Art der Sprengsätze an unkonventionelle Sprengvorrichtungen, sogenannte IEDs (Improvised Explosive Devices), wie man sie von Terrorakten gegen US-Truppen in Afghanistan und im Irak kenne. IEDs seien demnach leicht und günstig herzustellen und einfach zu transportieren.
Allerdings dürften die Sprengsätze, die in Boston zum Einsatz kamen, weitaus primitiver konstruiert und weniger schlagkräftig gewesen sein als IEDs, wie sie US-Behörden aus dem Ausland kennen. US-Präsident Obama hatte erst im Februar eine neue Strategie gegen die "anhaltend hohe Bedrohung durch den Einsatz von IEDs in naher Zukunft" genehmigt.
Ärzte bestätigten, dass die Bomben in Boston mit Metallsplittern versehen waren. Vielen Verwundeten seien "kleine metallische Fragmente" wie Nägel und Kugeln herausoperiert worden, sagte Chefchirurg George Velmahos vom Massachusetts General Hospital.
FBI arbeitet sich durch "Berg an Hinweisen"
Das FBI gab bezüglich der weiteren Terrorgefahr in der US-Metropole vorsichtige Entwarnung. Aus Sicht der Behörde gebe es gegenwärtig keine weiteren Bedrohungen, teilte DesLauriers mit. Allerdings habe man "einen Berg von Hinweisen" erhalten und ermittle "sehr aktiv". Der Bürgermeister von Boston, Thomas Menino, rief die Menschen auf, angesichts der Herausforderungen zusammenzuhalten. Es sei eine "schwere Zeit für Boston".
Bei dem Anschlag im Zielbereich des Marathon-Laufs waren am Montag drei Menschen getötet und mehr als 170 Menschen verletzt worden. Unter den Todesopfern ist ein achtjähriger Bub (siehe Infobox), dessen Mutter und sechsjährige Schwester schwer verletzt überlebt haben. Mehreren Patienten, darunter ein Brüderpaar, mussten die Beine amputiert werden. Insgesamt 17 Verletzte, unter ihnen zwei Kinder im Alter von neun und zehn Jahren, befanden sich auch am Dienstag noch in kritischem Zustand.
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