"Wie heißen Sie?"

Aufgebrachter Putin nimmt Journalist auseinander

Ausland
08.04.2013 11:41
Das Thema scheint dem russischen Präsidenten Wladimir Putin schwer im Magen zu liegen: Razzien gegen deutsche Stiftungen in Russland hatten zuletzt für Verstimmungen zwischen den beiden Ländern gesorgt. Die deutsche Kanzlerin Angela Merkel wies am Sonntag bei Putins Deutschland-Besuch auf den "Wert einer starken Zivilgesellschaft" in Russland hin. Im Vorfeld hatte Putin ein äußerst angriffslustiges ARD-Interview gegeben, in dem er den Journalisten Jörg Schönenborn auch unvermittelt nach seinem Namen fragte.

Erstes Thema des denkwürdigen Interviews, das am Freitag ausgestrahlt wurde, waren die Razzien gegen deutsche Nichtregierungsorganisationen in Russland, darunter die Konrad-Adenauer-Stiftung.

Frage von Schönenborn: Die deutsche Öffentlichkeit hat die Erklärung. Da soll eingeschüchtert werden. Warum handeln Ihre Behörden so?
Antwort Putins: Ich glaube, Sie schüchtern die deutsche Öffentlichkeit ein. Es passiert doch gar nichts Ähnliches - und man muss die Menschen nicht einschüchtern.

Sein Land nehme für sich in Anspruch, zu kontrollieren, wie mit ausländischem Geld in Russland politisch gearbeitet werde. Das sei auch in den USA seit 75 Jahren üblich. Als Schönenborn diese Darstellung zurückweist, lässt sich Putin von einem Mitarbeiter ein Dokument reichen und kontert.

Putin: Ich wiederhole - das ist kein Novum, das wir uns einfallen lassen haben. Aber warum ist das so aktuell für uns? Was glauben Sie? Wie viele Nichtregierungsorganisationen gibt es in Europa, die sich aus Russland finanzieren lassen? Was glauben Sie persönlich?
Schönenborn: Ich kann das nicht schätzen, Herr Präsident. Ich kann ja auch nur über meinen Eindruck sprechen. Lassen Sie mich ...
Putin (unterbricht): Entschuldigen Sie bitte die Störung. Ich werde es Ihnen sagen. Eine solche Organisation gibt es in Paris, und die andere, die zweite Organisation, ist in Nordamerika tätig und in den USA registriert worden. Es gibt zwei, insgesamt. Einmal in den USA, einmal in Europa. Ich habe schon geahnt, dass Sie mich fragen werden. Wie heißen Sie übrigens?
Schönenborn: Jörg Schönenborn.
Putin: Jörg?
Schönenborn: Ja.

Nächstes Thema war die Opposition in Russland. Schönenborn fragt, ob Russland einen starken Gegenpol zur Macht im Kreml brauche.

Putin: Das heißt aber nicht, dass sich diese Opposition aus dem Ausland finanzieren muss. Stimmen Sie dem nicht zu? Haben Sie eine andere Meinung?
Schönenborn: Heißt das, dass die Opposition frei demonstrieren darf?
Putin: Ja, natürlich. Aber im Rahmen des Gesetzes. Es gibt bestimmte Regeln, die vorsehen, dass es verschiedene Formen politischen Engagements gibt.

Als Schönenborn Putin auf dessen Deutschland-Besuch anspricht, gibt sich der Kreml-Chef zunächst streichelweich.

Putin: Ich freue mich sehr über unser Interview. Denn das gibt uns die Möglichkeit, die Positionen zu klären, zu erklären, was in Wirklichkeit passiert und wovon wir uns leiten lassen. Sie haben ja mit Razzien angefangen, mit Durchsuchungen, mit Verhaftungen. Von welchen Verhaftungen sprechen Sie denn? Nennen Sie bitte nur einen Namen. Das findet ja gar nicht statt.

Richtig offensiv wird Putin schließlich beim Thema Zypern. Auf die Frage, warum deutsche Unternehmen europäische Investitionen in Russland finanzieren sollen, während viele Russen ihr Geld außer Landes - eben zum Beispiel nach Zypern - brächten (siehe Infobox), reagiert der Präsident aggressiv: "Verstehen Sie wirklich nicht, wie absurd Ihre Frage ist?"

Dann folgt eine Belehrung: Die zypriotischen Anleger hätten gegen keine Gesetze verstoßen. Wenn der EU Geschäftsmodelle wie Zypern nicht passten, hätte sie eben rechtzeitig etwas dagegen unternehmen müssen. Putin setzt seine Betrachtungen mit einer unkonventionellen Sichtweise auf die Zypern-Krise fort.

Putin: In gewissem Sinn freue ich mich darüber. Es hat gezeigt, wie unzuverlässig die Einlagensysteme bei westlichen Banken sind. Übrigens haben wir eine sehr viel vorteilhaftere Besteuerung als bei Ihnen. 13 Prozent ist bei uns die Einkommenssteuer. Und was zahlen Sie in Deutschland?
Schönenborn: Das wäre schön. Lassen Sie uns ...
Putin (unterbricht erneut und setzt auf Deutsch fort): Nicht "Das wäre schön." Das ist schön.

Nacktprotest in Hannover
Am Montag waren dann schließlich wieder sanftere Töne angesagt. Putin und Merkel machten einen gemeinsamen Rundgang zum Auftakt der "Hannover Messe", bei der Russland heuer offizielles Partnerland ist. Für den Aufreger sorgten diesmal nicht die Politiker, sondern drei Frauen, die barbusig auf die Bühne stürmten und Putin als Diktator beschimpften (Video in der Infobox).

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