14.01.2009 15:02 |

Motorrad-Test

BMW R1200 RT und ST - ungleiche Zwillinge

Eigentlich sind sie Zwillinge. Recht ungleiche allerdings, wobei ich dabei nicht von zweieiigen sprechen würde. Eher von Zwillingen, die bei der Geburt getrennt wurden und weit von einander entfernt in ganz verschiedenen Familien aufgewachsen sind. Wir haben die BMW R1200ST und die große Schwester R1200RT zusammengebracht.

Die Innereien sind vom selben Stamm gefallen. 110 Boxer-PS aus identischen Motoren, 115 Newtonmeter bei 6.000/min., identisches Getriebe, praktisch identischer Rahmen – die Gene sind also definitiv die gleichen. Der Charakterunterschied zeigt die Grenzen der Vererbungslehre. 

Die flotte Familie mit Hang zum Design
Die ST stammt aus dem sportlichen Haushalt. Da wird gerne trainiert, die Muskeln müssen nur vollgetankte 229 Kilo bewegen. Und das geht zügig. Etwas lästig ist nur das Anfahren im dichten Stadtverkehr, der erste Gang dürfte ruhig ein bisschen kürzer übersetzt sein. Doch einmal in Fahrt gibt es an Vortrieb und Charakteristik nichts zu raunzen, schließlich gibt es Power ohne Ende mit Drehmoment satt in allen (Drehzahl-)Lagen.

Außerdem legt man in der Familie Wert auf ein besonderes Äußeres, das Design der ST ist ungewöhnlich und verdammt edel. Und es polarisiert, wie es BMW-Motorräder ja ohnehin gern mal tun. Zwei übereinander liegende Scheinwerfer, die aussehen wie ein riesiger Diamant, fast so hoch wie die Scheibe, darunter zwei Lufteinlässe in BMW-Nierenform – das hat mir erst auf den zweiten Blick gefallen, dann aber umso mehr. Die Seitenlinie ist überhaupt ein Wahnsinn. Eigentlich ein Frevel, diesen Luxuskörper mit Systemkoffern (jetzt auch ohne Schlüssel zu öffnen) zu behängen, aber praktisch. Außerdem ist dann das einzige, was den Anblick etwas stört, verdeckt: die Kofferhalterungen.

Schon an diesen sieht man: Die ST ist zum sportlichen Touren gemacht, und dafür braucht’s eben Gepäck.

Nicht der Weisheit letzter Schluss, jedenfalls für meinen Allerwertesten, ist die (übrigens höhenverstellbare) Sitzbank. Der hat mir bereits nach 100 Kilometern weg getan. 

Die gemütliche Familie mit Faible fürs Reisen
Liegt bei der ST das Gewicht eher auf Sport, ist die RT der reine Tourer. Wo sie aufgewachsen ist, schätzt man das eher komfortable Reisen. Was auch für die Sitzposition gilt. Aufrecht hält man den Helm in den Wind, der allerdings auch abschaltbar ist. Der elektrisch verstellbare Windschild ist samt der Verkleidung sehr effektiv. Das „komfortabel“ unterstreicht auch mein verlängerter Rücken. Auch nach einer Tagestour zu zweit sind wir entspannt abgestiegen. Sehr fein sind die integrierten Rückspiegel, die sehr weit vorne und außen liegen und damit für perfekte Übersicht nach hinten sorgen.

Böse Dinge habe ich bei der Kaffeepause gehört, wie „ist das die Gold Wing von BMW?“ Nein, ist sie nicht, die RT ist handlicher, als sie aussieht. Es kommt ihr auch durchaus zugute, dass sie 20 Kilo leichter ist als ihre Vorgängerin (259 kg fahrfertig hat sie jetzt). Dennoch ist die Frage nicht so ganz unberechtigt, hat die RT auf Wunsch doch sogar ein Radio mit CD-Player und einen Bordcomputer. Schade, dass ich im Testbetrieb nicht viel vom CD-Player hatte, die CDs sind ständig gesprungen, wenn es etwas unruhiger wurde. Unruhig heißt aber nicht Schotterstraße, sondern Landstraße und sechster Gang. Da haben schon die Vibrationen des Boxermotors gereicht, um mich zum Abdrehen zu zwingen. Dabei war der Sound aus den in die Verkleidung integrierten Lautsprechern erstaunlich gut.

Aber ein Biker braucht ohnehin keine Musik auf dem Bock. Ein weiteres elektrisches Spielzeug macht denn auch viel mehr Spaß: Auf Knopfdruck lässt sich das Fahrwerk einstellen. Im Stand die Federvorspannung (je nach Beladung bzw. Sozia), sogar während der Fahrt die Dämpfung (Komfort, Normal, Sport). So ist alles drin, vom gemütlichen Dahinschaukeln auf hochrangigen Landstraßen bis zum Kurvenbeißen im Winkelstüberl.

Das Fahrwerk lässt sich übrigens auch bei der ST einstellen, da allerdings nur manuell und damit nicht so exakt. 

Serienmäßig ist die RT mit einem teilintegralen Bremssystem mit ABS ausgestattet. Will heißen: Die Hand bremst zugleich Vorder- und Hinterrad, der Fuß nur das Hinterrad, und es blockiert nichts. Das System ist nicht unumstritten, im Test hat es seinen Dienst ohne Grund zu klagen verrichtet. Bei der ST kostet das ABS 1.260 Euro extra. 

Nichts für schmale Brieftaschen
Apropos Kohle. 18.450 Euro Grundpreis inklusive ABS sind nicht von schlechten Eltern. Aber das ist die R1200RT auch nicht. Die elektronische Fahrwerksverstellung kostet leider 780 Euro extra, sonst bleibt’s bei der manuellen Verstellung des hinteren Federbeines.

Die ST steht bereits ab 15.350 Euro vor dem Haus, da ist ABS noch nicht dabei, und die elektronische Fahrwerksverstellung ist gar nicht zu haben. 

Fazit: Wer noch immer von Gummikühen spricht, dem sind diese beiden Zwillinge zu empfehlen. Die haben’s faustdick hinter den Ohren...

Stephan Schätzl

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