Starke Worte
Türkei-Minister: “EU wird uns noch um Beitritt anflehen”
"Die Türkei hat ein Recht auf einen EU-Beitritt und wird auf dieses Recht nicht verzichten", stellte der offenbar vor Selbstvertrauen strotzende Caglayan klar, dass Ankara nicht daran denke, sein Beitrittsgesuch zurückzuziehen. Offen sei aber, ob es bis zur Verwirklichung des Beitritts die EU und den Euro überhaupt noch geben wird. Man sehe ja, in welcher Lage die Union jetzt ist.
"Die EU erntet, was sie gesät hat"
Die Schuldenkrise in Griechenland sei nicht über Nacht gekommen, führte der Minister aus: "Die EU erntet, was sie gesät hat. Wo war sie, als Griechenland dieses Geld ausgegeben hat? Waren die auf Urlaub? Sonnenbaden? Hätte sich die EU doch lieber um Griechenland gekümmert als um die Türkei." Türkei-kritische Politiker wie Frankreichs Ex-Präsident Nicolas Sarkozy "sind inzwischen in Pension und gehen fischen".
"Werden Europäer weiter ärgern"
Die seiner Meinung nach ungerechte Behandlung der Türkei durch die EU untermauerte Caglayan auch mit den Wirtschaftsdaten seines Landes. Die Union zeige seinem Land immer noch die kalte Schulter, obwohl die Türkei im Gegensatz zu den meisten EU-Staaten die Maastricht-Kriterien erfülle. Ankara habe seine Verschuldung im abgelaufenen Jahrzehnt von 73 Prozent auf 39 Prozent reduziert. In der Krise sei keine Bank ins Strudeln geraten, die Schulden beim IWF seien auf 1,5 Milliarden Dollar reduziert worden. Schließlich sei die Wirtschaft der Türkei im Vorjahr um 8,5 Prozent gewachsen, während Europas Wirtschaft nur um 1,5 Prozent zugelegt habe. Wäre die Türkei EU-Mitglied gewesen, wäre Europas Wirtschaft um 1,8 Prozent gewachsen, rechnete Caglayan vor.
Auf die Frage, warum dann die Türkei überhaupt noch beitreten wolle, erklärte er: "Wir werden die Europäer weiterhin ärgern. Es gibt Menschen, die wollen die EU in einen Christen-Klub verwandeln und die Türkei draußen halten. Das lassen wir uns nicht gefallen."
Lob für Handelspartner Österreich
Die Türkei bleibe als Handelspartner attraktiv, auch für Österreich. Im Vorjahr waren die Österreicher mit 2,3 Milliarden Euro stärkster Auslandsinvestor. Heuer lagen im Halbjahr nur die Briten voran. "Österreicher investieren, weil sie äußerst gescheit und vorausblickend sind", so Caglayan. "Sie sehen die politische Verlässlichkeit und haben Vertrauen." So sicher wie das Amen im Gebet würden weitere Investitionen folgen. Vor einer Unterschrift könne man zwar nichts Fixes sagen, aber Investoren hätten keine Alternative zur Türkei. Im Zuge seines Wien-Besuchs hat der Minister Gespräche mit den Chefs von voestalpine, OMV und Magna geführt.
"Nichts ist stärker als der türkische Staat"
Was die politische Lage in der Türkei betrifft, so sieht Caglayan die jüngst wieder aufgeflammten Kämpfe mit kurdischen Rebellen im Südosten des Landes als "Spiel von externen Kräften, die sich Sorgen machen, weil die Türkei so wächst und sich entwickelt. Die PKK ist deren Handlanger. Aber nichts, keine Gruppe von Banditen ist stärker als der türkische Staat". Er selber komme aus dieser Region: "Ich bin kurdischer Herkunft. Ich bin der beste Beweis dafür, dass mein Land kurdische Bürger nicht anders behandelt. Der Staat hat nicht verhindert, dass ich Minister geworden bin."
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