Tödliche Wahlparty

Quebec: Amoklauf bei Siegesfeier der Separatisten

Ausland
05.09.2012 08:19
In Kanadas französischsprachiger Provinz Quebec bahnen sich politisch schwierige Zeiten an: Bei den Wahlen am Dienstag konnte die separatistisch orientierte "Parti Québécois" einen überraschenden Triumph erringen. Die nächtliche Siegesfeier mit Spitzenkandidatin Pauline Marois in Montreal wurde jedoch von einem Attentat überschattet: Ein etwa 50-jähriger Separatistengegner stürmte in das Auditorium und feuerte auf Unterstützer der Partei. Eine Person wurde getötet, eine weitere verletzt.

Der Amokläufer verschaffte sich gegen Mitternacht Zutritt in die Metropolis-Halle in der Quebecer Millionenstadt Montreal und feuerte aus einem Gewehr und einer Pistole mehrere Schüsse ins Publikum. Ein um die 40 Jahre alter Mann, der bei dem Event als Techniker arbeitete, sei dabei tödlich getroffen worden, ein männlicher Besucher der Siegesparty wurde von einem Streifschuss verletzt, berichten kanadische Medien. Bei dem Verletzten soll es sich um einen Mitarbeiter des Wahlkampfteams der Partei handeln.

Der Schütze flüchtete schließlich durch den Notausgang am Hinterende der Halle und entzündete draußen einen Brandsatz. Die Polizei konnte den etwa 50-Jährigen überwältigen, bei seiner Festnahme rief er in französischer Sprache: "Die Englischsprachigen begehren auf!" ("Les anglais se réveillent!"). Auf Englisch fügte er hinzu: "Payback!", also "Rache!". Augenzeugen zufolge trug der Mann einen dunklen Arbeitsmantel und eine Sturmhaube. 

Den vom Attentäter verursachten Brand konnte die Feuerwehr rasch löschen. Kanadischen Berichten zufolge entdeckte die Polizei unweit der Veranstaltungshalle einen mit Waffen beladenen Lieferwagen, der dem Attentäter gehören könnte.

Marois während Siegesrede von Bühne eskortiert
Kurz bevor die Schüsse fielen, hatte in der Halle die Spitzenkandidatin der Separatisten, Pauline Marois, mit ihrer Siegesrede begonnen. Sie erklärte ihren Anhängern gerade, dass der Tag, an dem Quebec endlich unabhängig sein wird, noch kommen werde. Sicherheitskräfte betrateten umgehend die Bühne und eskortierten die 63-jährige Politikerin, die wahrscheinlich Quebecs erste Premierministerin werden wird, in den Backstage-Bereich (siehe Bilder). 

Die im Saal versammelten Anhänger der Partei wurden gebeten, auf ihren Plätzen zu bleiben und Ruhe zu bewahren. Nach der Verhaftung des Attentäters wenige Minuten später kehrte Marois ins Auditorium zurück, erklärte sich und ihre Partei zum Wahlsieger und bat das Publikum, sich ruhig und friedlich nach Hause zu begeben. 

Schock für friedliches Kanada
Vertreter der Quebecer Parteien zeigten sich schockiert über den Amoklauf. Auch Kanadas Premier Stephen Harper erklärte in einer Stellungnahme, er sei "entsetzt" über das Gewaltverbrechen. Kanada verfügt über eine der niedrigsten Kriminalitätsraten weltweit.

Das letzte politisch motivierte Verbrechen in Kanada liegt über 40 Jahre zurück: 1970 kidnappte eine Nationalistengruppe in Quebec den damaligen lokalen Premierminister Pierre Laporte und einen britischen Diplomaten. Der Labor-Politiker Laporte wurde später erdrosselt aufgefunden.

Wahlsieger mit 32 Prozent der Stimmen
Laut der letzten Hochrechnung von Dienstagabend, nach Auszählung von 97 Prozent der Stimmen, kam die "Parti Québécois" bei der Wahl auf 32 Prozent der Stimmen. Die Liberalen, seit neun Jahren die Regierungspartei, folgten mit knapp 31 Prozent der Stimmen. Für die Konservativen stimmten demnach 27 Prozent. 

Beobachter gehen davon aus, dass auch das offizielle Endergebnis so aussehen wird. Damit hätten die Separatisten im Parlament künftig 55 Sitze. Die Liberalen kämen auf 49 und die erst zehn Monate zuvor gegründete konservative "Koalition für Quebecs Zukunft" auf 19 Sitze. Die sozialdemokratisch orientierte "Québec solidaire" hätte mit 6 Prozent der Stimmen Chancen auf zwei Sitze. Es gab noch 15 weitere Parteien auf dem Stimmzettel, keine von ihnen hatte aber eine Chance auf den Einzug ins Parlament.

Umfragen sagten Wahlschlappe der Regierungspartei voraus
Seit 2003 regiert in Quebec der Liberale Jean Charest. Doch jüngste Umfragen hatten die Partei des Premierministers nur noch an dritter Position gesehen. An erster Stelle stand zuletzt mal die "Parti Québécois", die, wenn schon nicht die Abspaltung, dann doch eine größtmögliche Souveränität vom übrigen, englisch sprechenden Kanada will. Einige Umfragen hatten aber auch die konservative "Coalition avenir Québec" vorn gesehen, die erst im November gegründet wurde. 

In Quebec leben etwa acht Millionen Menschen, von denen knapp sechs Millionen wahlberechtigt sind. Die meisten sprechen französisch. Es ist die einzige der zehn Provinzen Kanadas, in der nicht Englisch die Hauptsprache ist. Marois hatte bei den Englischsprachigen zuletzt für Unmut gesorgt, weil sie ihren Anhängern versprach, für Gesetze zu sorgen, die die Dominanz der französischen Sprache in Quebec weiterhin sicherstellen würden.

Die Separatisten in Quebec versuchten in den letzten Jahren mehrmals, die Unabhängigkeit der Provinz zu erreichen. Bei Volksabstimmungen 1980 und 1995 sprach sich jedoch stets eine Mehrheit für den Verbleib bei Kanada aus.

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