"Heftiger Zorn"

Türkei: Erdogan droht nach Jet-Abschuss Syrien

Ausland
26.06.2012 13:22
Der Abschuss eines türkischen Kampfjets durch die syrische Armee am vergangenen Freitag sei ein "feindseliger Akt" gewesen und werde "nicht unbeantwortet bleiben", hat der türkische Premier Recep Tayyip Erdogan am Dienstag gesagt. Ankara werde Sicherheitsbedrohungen durch Syrien an seiner Grenze nicht tolerieren und auf jede weitere Aggression mit militärischen Mitteln reagieren. "So wertvoll die Freundschaft der Türkei ist, so heftig ist ihr Zorn", meinte Erdogan. Auch die NATO verurteilte den Abschuss der Maschine als "nicht hinnehmbar".

Jede weitere syrische Aktion dieser Art werde als Bedrohung aufgefasst und entsprechend beantwortet, erklärte Erdogan in Ankara in einer vom Fernsehen übertragenen Rede. Die türkischen Streitkräfte hätten ihre Einsatzregeln entsprechend geändert. Die Türkei werde zwar nicht jenen in die Falle gehen, die einen Krieg wollten - doch sie sei auch kein Land, das "mit gefesselten Händen" auf einen Angriff wie den auf ihr Flugzeug schaue. Erdogan warnte davor, die derzeitige Zurückhaltung Ankaras als Schwäche auszulegen. "Jeder syrische Soldat, der sich der türkischen Grenze nähert, wird jetzt als eine Bedrohung betrachtet."

Kritik an "blutdürstigem Diktator" Assad
Erdogan deutete zudem eine stärkere Unterstützung seines Landes für die syrische Opposition an. Das Regime von Machthaber Bashar al-Assad habe jede Legitimation verloren und sei inzwischen nicht mehr nur eine Bedrohung für das syrische Volk, sondern auch für die Türkei, erklärte der Premier. "Die Türkei unterstützt das syrische Volk mit allen nötigen Mitteln, bis es von Unterdrückung, Massakern, diesem blutdürstigen Diktator und seiner Clique befreit ist."

NATO erklärt sich mit Türkei solidarisch
Auch die NATO verurteilte den Abschuss des Jets als "inakzeptabel". "Wir bewerten diesen Akt als nicht hinnehmbar und verurteilen ihn auf das Schärfste", sagte Generalsekretär Anders Fogh Rasmussen nach einer Krisensitzung des NATO-Rats am Dienstag in Brüssel. "Die Alliierten haben ihre feste Unterstützung und Solidarität mit der Türkei zum Ausdruck gebracht." Rasmussen äußerte die Erwartung an Syrien, dass sich ein "solcher Vorfall nicht noch einmal ereignet".

"Das ist ein weiteres Beispiel für die Missachtung der internationalen Normen, des Friedens und der Sicherheit durch das syrische Regime", erklärte Rasmussen. Die NATO werde sich weiterhin mit der Lage im östlichen Mittelmeer befassen. Auf die Frage, was das Bündnis bei einem erneuten Zwischenfall dieser Art tun werde, sagte er: "Ich erwarte, dass so etwas nicht wieder passieren wird." Ansonsten müsste die NATO "beraten, was getan werden könnte".

Die türkische Regierung hatte die Sondersitzung des NATO-Rats auf Grundlage von Artikel 4 des NATO-Vertrags beantragt. Der Passus sieht ein Treffen des Gremiums vor, wenn ein Mitglied "die Unversehrtheit des Gebiets" bedroht sieht. Rasmussen sagte, es sei "nicht über Artikel 5 gesprochen worden". Er bezog sich damit auf jenen Artikel des NATO-Vertrages, der für den Fall einen Angriffs auf einen Verbündeten den militärischen Beistand der anderen NATO-Mitglieder vorsieht. 

Divergierende Darstellungen des Abschusses
Die nach türkischen Angaben unbewaffnete F-4 "Phantom" war nach Darstellung der Regierung in Ankara im internationalen Luftraum abgeschossen worden. Allerdings räumte die Türkei auch ein, dass das Flugzeug zuvor kurzzeitig in den syrischen Luftraum eingedrungen war. Der stellvertretende Regierungschef Bülent Arinc erklärte, der Jet sei vor dem Abschuss in einer Höhe von nur etwa 60 Metern über dem Meeresspiegel geflogen und dabei in syrisches Hoheitsgebiet geraten. Es sei von der türkischen Luftüberwachung darauf hingewiesen worden und in Folge wieder in den internationalen Luftraum zurückgekehrt.

Beim Abschuss des Kampfflugzeugs waren die beiden Besatzungsmitglieder ums Leben gekommen. Türkischen Angaben zufolge wurde der Jet in einer Höhe von 2.200 Metern 24 Kilometer von der syrischen Küste entfernt und etwa 1,6 Kilometer außerhalb syrischen Hoheitsgebietes getroffen. Das Wrack liege in nun in syrischen Gewässern in etwa 1.000 Metern Tiefe.

Nach syrischer Darstellung hingegen wurde der Jet bei der Verletzung des syrischen Luftraums abgeschossen. Die Version Ankaras stehe im "Widerspruch zur Realität", hieß es aus Damaskus. Syrien habe lediglich auf die Verletzung seiner Souveränität reagiert, sagte ein Sprecher des Außenministeriums. Das türkische Flugzeug sei in 100 Metern Höhe in syrisches Territorium eingeflogen. "Wir mussten sofort reagieren. Selbst wenn es ein syrisches Flugzeug gewesen wäre, hätten wir es abgeschossen."

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