Reportage
So fiebert Athen der großen Wahlnacht entgegen
Neben der schlafenden Familie putzt eine Gruppe älterer Männer mit einer ätzenden Flüssigkeit anarchistische Graffitis von den Rollläden einer Bank. Der laue Abend hat viele Nachtschwärmer auf die Straße getrieben. An den Straßenecken riecht es nach gebrannten Mandeln, die von alten Männern aus kleinen Ständen heraus verkauft werden.
Griechenland ist nun ein hartes Pflaster
Griechenland im Jahr 2012 ist ein hartes Pflaster. Die Sparmaßnahmen haben das soziale Gefüge an vielen Stellen platzen lassen. Selten saßen so viele Griechen auf der Straße, selten haben sich so viele umgebracht, auch wenn nicht jeder Suizid so erschüttert wie der des Pensionisten, der sich aus Geldsorgen vor wenigen Wochen vor dem Parlament selbst verbrannte.
Am härtesten trifft es die, die schon vorher wenig hatten. Die Stimmung nützt dem Linksbündnis SYRIZA, das eine Rücknahme der Sparmaßnahmen verspricht, und in Umfragen mit der konservativen Neuen Demokratie (ND) um den ersten Platz bei den Parlamentswahlen ringt.
Parteien kämpfen um jede Stimme
Aus Lautsprechern auf den Plätzen der Stadt schallen Wahlslogans. Mehr als 27 Gruppierungen treten bei der Wahl am Sonntag an, und jede versucht bis zur letzten Minute, ihre Botschaft unter die Leute zu bringen und ihre Wähler zu mobilisieren.
Auf dem Omonia-Platz macht SYRIZA Wahlwerbung. Keine Partei hat unter den Athenern so viele Anhänger wie sie - beim letzten Wahlgang gewann sie die Hauptstadt und deren Umfeld für sich, bei der Neuwahl dürfte ihr Stimmenanteil in der Millionenstadt weiter wachsen.
Wut auf Traditionsparteien könnte zu Machtwechsel führen
Ihre Wähler versprechen sich von der Linkspartei nicht nur eine sozialere Politik, sondern eine Abkehr vom alten politischen System. "SYRIZA ist einfach eine neue Kraft, die können was verändern", sagt Stavros, der Kellner des nahegelegenen Café Brazil. Früher habe er die PASOK gewählt, erklärt der Mittvierziger. Aber die Sozialisten hätten sich und ihr Umfeld bereichert und dann in der Krise die Bevölkerung mit Sparmaßnahmen bestraft.
Die Einstellung ist weit verbreitet. Die Wut auf die Traditionsparteien könnte auch zur Achillesferse der Konservativen werden, die sich lange Jahre mit der PASOK an der Macht abwechselten. "Die ND und PASOK belügen uns sein 30 Jahren", sagt Fotis, der eine Kneipe am Hafen Piräus betreibt. Der Mittdreißiger und sein Freund George vertreiben sich am Nachmittag bei einem Kaffee die Zeit. Kunden kommen wenige - die Krise habe eingeschlagen, erklärt Fotis, außerdem sei es zu heiß, um nach draußen zu gehen.
Politik und Krise als einzige Gesprächsthemen
Über der Stadt liegen drückende 30 Grad, und die Politik ist in aller Munde. Auf Fernsehkanälen sind fast im Stundentakt weitere TV-Debatten zu sehen, und auch in den Geschäften und der U-Bahn tauschen die Menschen ihre Meinung aus.
In der Bar in Piräus ist man sich einig, dem charismatischen SYRIZA-Chef Alexis Tsipras die Stimme zu geben. Auch wenn das unter Umständen schlimme Konsequenzen habe. "Etwas muss passieren", sagt Georg, ein bärtiger Endzwanziger. "Vielleicht ist Griechenland ja nicht für die EU bestimmt. Wir wollen drinnenbleiben, aber wenn es nicht geht, dann gehen wir halt raus."
Die Politik hat auch diejenigen erreicht, die sich nicht für sie interessieren. "Ich hasse alle Politiker", sagt Maria. "Sie sind schuld daran, dass unser Land ruiniert ist." Die junge Frau sitzt auf einer Bank in der Altstadt in der Sonne, in der einen Hand ein iPhone, in der anderen einen Becher Eiskaffee. Sie habe noch nie gewählt und wisse auch nicht, ob sie am Sonntag hingehe. Aber sie werde jeden Tag mit neuen schlechten Nachrichten konfrontiert, von Freunden, die arbeitslos werden. Und auch sie selbst fürchtet, nach ihrem Praktikum in der Personalabteilung einer Mineralölfirma keinen Job zu bekommen. Vielleicht gehe sie doch wählen, fügt sie hinzu.
Während die jüngeren Wähler in Athen sich den Linken zuwenden, bleiben einige Ältere verunsichert zurück. Sie wissen nicht, wer das Land noch aus der Krise führen könne, sagt die 80-jährige Sofia. Sie wünsche sich, dass jemand die sozial Schwächeren schütze, und das Geld gerecht im Land verteile. Aber, sagt sie, das Land müsse sich seinem Schicksal stellen: "Die Schulden müssen bezahlt werden."
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