Heinrich von Kleists „Der zerbrochne Krug“ gelangte nun als äußerst grobe Produktion in die Wiener Kammerspiele.
Als Theaterkritiker deutlich jenseits der Teenager-Alters hat man den „Zerbrochnen Krug“ gewiss ein Dutzend Mal und öfter gesehen. Um gleich mit der Wahrheit ins Haus zu fallen: Das Resultat war fast immer geglückter als nun in den Kammerspielen. Dabei folgt die Regisseurin Amelie Niermeyer zumindest über weite Strecken Kleists genialem Text, was kein Fehler sein kann. Auch haben wir noch einmal Glück gehabt, dass der Protagonist - der im Schweiße seines feisten Angesichts gegen sich selbst ermittelnde Dorfrichter Adam - ein weißer, böser Mann ist. Deshalb darf er bleiben, was er ist, und das in der Gestalt Joseph Robert Bartls sogar ausgezeichnet. Dem Korrektheitsmoment wird durch die Umwertung des Gerichtsrats Walter in eine Frau genügt: Die Stimme der Gerechtigkeit erhebt jetzt Sandra Cervik. Geschenkt, da hat man Schlimmeres gesehen.
Das Problem der Aufführung liegt also im Wie: Einerseits vertraut die Regie in Stefanie Seitz’ unentschlossen aktualisierender Ausstattung einer Art deutscher Deutlichkeit, als sollten Kleists Pointen einem Integrationskurs eingebläut werden. Dies wiederum geschieht unter Einsatz voluminöser Gesichtsmasken, die sich die Schauspieler bisweilen überstülpen, ohne den Sinn dieser Maßnahme kommunizieren zu können. So entsteht die Gesamtanmutung einer Aufführung der Löwingerbühne auf Cannabis. Am Ende muss Katharina Klar als Frau Brigitte ein niederschmetterndes #Metoo-Lamento anstimmen. Gewitzte Besucher könnten freilich auch ohne Hilfsmaßnahmen zum Resultat gelangen, dass der Dorfrichter Adam kein Guter ist. Die Schauspieler - hervorzuheben Ulli Maier, Nils Arztmann und Juliette Larat - können nichts dafür.
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