Wie der Jurist Marcus Piso vom Immobilien- zum Veranstaltungs- und Gebäudemanager der Festspielhäuser in Salzburg wurde.
Wenn ein Sturm aufzieht, greif ich mir auch manchmal an den Kopf“, sagt Marcus Piso mit Blick auf das Porträt von Opernstar Asmik Grigorian mit genau dieser Geste in seinem Büro.
Neben dem Bild der Sängerin gibt es dort weitere Schätze wie eines von Karajan, eine Holzmeister-Bleistiftzeichnung von der alten Felsenreitschule und eine staunenswerte 360 Grad-Panorama-Bildtapete vom Haus für Mozart inklusive imposanten Technikräumen. Man erahnt die kaum begreifbar mystischen und dennoch technoiden Dimensionen der Bühnenwelt.
Vom tropfenden Dach zur Großsanierung
Zwar kennt sich der Leiter des Gebäude- und Veranstaltungsmanagements als vormaliger Olympiasegler (1992 in Barcelona, 470er-Klasse), WM-12. und EM-4. im selben Jahr sowie sechsmaliger Staatsmeister mit Windstärken aus, doch wenn ein Sommerorkan mit ungeheuren Regenmassen am Dach des Großen Hauses rüttelt, heißt es für Piso Alarmstufe Rot. „Vor einigen Jahren hatten wir das schon einmal, zuletzt wurden vier Gäste bei Falstaff etwas nass.“ Aufregung wurde daraus keine, alles wurde rasch im Sinne der Befeuchteten gelöst…
Mit einem Dach, nämlich dem riesigen der Felsenreitschule, hat auch die Laufbahn des gelernten Juristen und zweifachen Familienvaters im Festspielbezirk begonnen: „Es war an meinem 41. Geburtstag, am 16. Juli 2007, als ich meinen ersten Arbeitstag hatte.“
Die kommenden Aufgaben mitten hinein in einen Festspielsommer hatten es in sich, die Renovierung des erwähnten Daches war zentrale Hauptaufgabe für Piso. Auf die Bewältigung sei er heute noch ein wenig stolz.
Eigentlich wurde ein Techniker gesucht
Der in Wien geborene aber seit frühester Kindheit im Raum Mondsee lebende und seit dem fünften Lebensjahr mit dem Segelsport Vertraute erkannte bald, dass er die Tradition des juristischen Kanzleibetriebes im Sinne der Vorfahren nicht fortsetzen wollte. „Ich ging als Jurist zu einer Immobilienfirma, baute den Betreuungsstock von 800 auf 2500 Objekte aus, erhielt die Prokura.“ Dann las er das Stelleninserat der Festspiele, bewarb sich - und bekam den Job, obwohl eigentlich ein Techniker gesucht wurde.
Er bändigte Unwetter und auch Virus-Turbulenzen
Turbulenzen sind für ihn nichts allzu Beunruhigendes, auch die jüngste organisatorisch-pandemische Herausforderung namens Covid wurde gebändigt. „Das Sitzraster im ersten Jahr haben Lukas Crepaz und mehrere Kollegen gemeinsam entwickelt, das Gesamtkonzept war wegen permanent geänderter Bestimmungen und erhöhten Kontrollen aber im zweiten Pandemiejahr sogar noch schwieriger umzusetzen.“
„Als ich mich einmal bei einem Telefonat mit einem Spanier als Marcus Piso vorstellte, um ein Quartier zu buchen, sorgte das für einige Verwirrung“, lacht Piso, dessen Name im Spanischen Wohnung bedeutet. Seine familiären Wurzeln reichen jedoch nach Rumänien. „Mein Urgroßvater war K&K-Landvermesser an der italienischen Grenze, historisch gibt es einen Marcus Piso als ersten Konsul im Alten Rom. Ich glaube aber eher nicht, dass er einer meiner Vorfahren ist.“
„Zurückfinden würde ich bestimmt“
Sein Team umfasst 40 ganzjährige Mitarbeiter und 80 Personen im Publikumsdienst, in der Festspielzeit steigert sich die Anzahl auf bis zu 200 Personen. Seine Tätigkeiten umfassen in den zentralen Gebäuden (ohne Landestheater oder Perner Insel) gigantische 37.000 Quadratmeter Nutzfläche, das entspricht rund 1000 Groß-Garconnieren. „Ich will jetzt nicht behaupten, dass ich schon in jedem Raum gewesen bin. Aber wenn sie mich mit verbundenen Augen irgendwohin führen – zurück finden würde ich bestimmt“, lacht Piso, der auch heute noch Segelregatten bestreitet („die ums Blaue Band vom UYC Mondsee ist Pflicht“) und feststellt, dass sich das Wetter immer schwerer voraussagen lässt, plötzliche Umschwünge immer markanter werden.
„Wenn man aber mal die ungeheure Wucht eines Atlantiksturms miterlebt hat, dann bekommt man erst eine Vorstellung von der Macht der Natur. Man ist heilfroh, dem zu entrinnen, man kann sich vorstellen, dass einen das das Leben kosten kann.“
Mit dem Crossbike ins Festspielbüro
Der Natur setzt er sich auch gerne als umweltbewusster Pendler aus, mit einem Crossbike legt er gelegentlich die 35 Kilometer vom Wohnort am Mondsee bis zum Festspielbüro zurück. „Sonst fahre ich auch mit dem Expressbus - mit dem Auto bin ich nur selten unterwegs.“ Wenn sein Timing weiter so exakt stimmt wie in den Jahren bisher, dann könnte seine Pensionierung genau in das Jahr der Vollendung des Megabauprojektes „Erneuerung und Erweiterung der Festspielhäuser“ fallen.
Was er bisher als essenzielle Erkenntnis aus seiner kulturspezifischen Verwaltungstätigkeit zieht, verleiht ihm umso mehr das Prädikat Teamplayer: „Das war ich schon immer, es ist mein Lebensmotto: Ich habe immer Respekt und Vertrauen meinem Umfeld entgegengebracht, egal, ob das der eine Segelpartner ist oder etliche Mitarbeiter hier, die im passenden Rahmen auch gewisse Freiräume haben. Darum sage ich aus voller Überzeugung: Es geht nur miteinander!“
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